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Violinwettbewerb Leopold Mozart

31.05.2019

Junge Musiker nehmen Wettbewerbe nicht mehr so ernst

Zum Finale des Mozartfests gab es für das Team einen Satz Leopold-Mozart-Mützen – auch für den Festivalleiter Simon Pickel.
Bild: Richard Mayr

Nach dem Mozartfest beginnt für Simon Pickel der Violinwettbewerb. Ein Gespräch über ergreifende Konzerte und die Unlust junger Musiker auf Wettbewerbe.

Herr Pickel, gerade ist das Mozartfest zu Ende gegangen, die Konzerte waren sehr gut besucht, jetzt steht gleich der Leopold-Mozart-Violinwettbewerb an, auch da ist das Eröffnungskonzert schon ausverkauft. Würden Sie immer beide Großveranstaltungen gemeinsam veranstalten wollen?

Simon Pickel: Das würde ich auf Dauer körperlich und emotional nicht durchstehen, dazu ist das alles viel zu intensiv.

Was passiert im Lauf des Festivals mit dem künstlerischen Leiter?

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Pickel: Ich gebe es zu, die sechs Mozartfest-Konzerte waren überaus intensiv und emotional. Danach brauche ich ein, zwei Tage, um mich auf das andere einzustellen. Das Mozartfest sind intensive Konzerte mit intensiver Vorbereitung. Beim Wettbewerb ist es eine Rundumbetreuung der Wettbewerbsteilnehmer, das ist eine andere Welt.

Das Programm in diesem Mozartfest-Jahr war mit sechs Konzerten ja straffer.

Pickel: Dafür aber auf zwei Wochen verteilt im Gegensatz zu zehn Tagen sonst. Das hat sich bewährt. Für uns sind es zwar nur sechs Konzerte, aber wir hören ja nicht auf zu arbeiten, wenn ein paar Tage Pause sind, wir können da nicht entspannen.

Der Publikumszuspruch für das Festival war dieses Jahr außerordentlich hoch.

Pickel: Wir haben insgesamt mehr Karten verkauft, als wir im Vorverkauf hatten. Nur ein Konzert war nicht ausverkauft.

Wie geht das?

Pickel: Wir haben Karten verkauft, die anfangs nicht vorgesehen waren, etwa in Heilig Kreuz Plätze ohne Sicht auf die Bühne.

Was war in diesem Jahr das Geheimnis dieses großen Erfolgs?

Pickel: Es kommt viel zusammen. Einerseits ist es das Mozartjahr. Andererseits glaube ich, dass es – wie es in Ihrer Zeitung bereits in einem Kommentar hieß – Klick gemacht hat. Wir hatten dieses Jahr ein außergewöhnliches Programm auf außergewöhnlichem Niveau, was auch daran liegt, dass wir im Festjahr die finanziellen Mittel hatten, die ganz großen Musiker zu engagieren und ganz spezielle Konzerte anzubieten. Es ist normal nicht möglich, ein großes Sinfoniekonzert, ein großes externes Oratorium und ein Spezialkonzert der Akademie für Alte Musik gleichzeitig zu veranstalten.

Bei diesem Reigen an verschiedenen Konzerten – denken Sie in Zukunft auch an eine szenische Aufführung im Mozartfest-Programm?

Pickel: Ich würde gerne. Dieses Jahr hätte es nicht gepasst, weil Leopold Mozart keine Opern geschrieben hat. Wenn wir es machen, würde ich es sehr gerne historisch im Originalklang angehen – mit einem Barockorchester und Barocksängern. Da haben wir mit der Akademie für Alte Musik ja unser Spezialorchester. Das wäre ein großer Traum.

Manchmal gehen Träume ja in Erfüllung.

Pickel: Es stellt sich niemand vor, wie teuer eine Opernproduktion ist. Sie würde mehr als die Hälfte unseres Budgets verschlingen.

Wenn heute ein Sponsor käme und Ihnen einen sechsstelligen Betrag anbieten würde?

Pickel: Würde ich das Geld mit Kusshand nehmen und das Projekt sofort angehen. Und zwar würde ich in Verbindung mit Leopold Mozart die frühen Mozart-Opern bringen. In „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ hat Leopold wahrscheinlich die Rezitative geschrieben. Das würde zum Augsburg-Profil passen.

Die Zusammenarbeit mit Sarah Christian und Maximilian Hornung und deren Festival im Festival wird fortgesetzt?

Pickel: Absolut. Das läuft die nächsten Jahre weiter. Beide Musiker haben eine irre Freude daran, Konzerte mit ihren Freunden hier veranstalten zu können. Und dann gelingt es eben auch, dass mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen eines der Top-Orchester der Welt zu uns kommt.

Wie geht es im nächsten Mozartfest mit dem Programm weiter? Setzen Sie auch dort manche Zusammenarbeit fort?

Pickel: Ganz klar ja, zum Beispiel mit der Akademie für Alte Musik Berlin. Grundsätzlich ist es mir wichtig, dass sich hier musikalische Freundschaften entwickeln. Beim Auftritt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen hat mich hinterher glücklich gemacht, dass von diesem Orchester, das in den größten Sälen der Welt spielt, die Musiker unabhängig voneinander gesagt haben, wie wohl sie sich in Augsburg fühlen. Das wollen wir, dieses Persönliche.

Das heißt, die Chancen, dass in Augsburg einmal wieder die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen auftritt, sind gestiegen?

Pickel: Auf jeden Fall. Die Freundschaften, die wir aufgebaut haben, pflegen wir weiter. Und dazu brauchen wir auch neue Musiker, das ist wichtig für die Abwechslung.

Was war Ihr schönster Festivalmoment?

Pickel: Was mich am meisten fasziniert hat, war das Konzert mit Isabell Faust. Ein Drei-Stunden-Bach-Soloprogramm im rappelvollen Goldenen Saal, die Leute waren bis zur allerletzten Sekunde so ruhig – nach dem Konzert herrschte eine Minute lang Totenstille und danach ist der Saal fast zusammengebrochen vor lauter Applaus. Für mich persönlich war das eine der tiefsten musikalischen Erfahrungen, die ich jemals hatte.

Jetzt geht es bei Ihnen gleich weiter mit dem Violinwettbewerb. Da haben Sie als Neuerung eingeführt, den Wettbewerb kürzer zu gestalten, eine Runde einzusparen.

Pickel: Das war die Idee von Linus Roth. Komprimieren ist gut. Dann ist von Anfang an das Niveau höher. In der ersten Runde treten nur noch 28 statt 50 jungen Violinisten an. Die große Herausforderung am Schluss ist es, ein Mozartkonzert und ein romantisches Konzert hintereinander zu spielen. Das ist das, was Musiker alltäglich leisten müssen, heute spielen sie Bach und morgen Prokofjew. Beides muss überzeugen. Wir suchen jemand, der in dieser Musikwelt bestehen kann.

Wie ist Ihr Eindruck bei der Vorauswahl?

Pickel: Ich habe die Videos gesehen. Wir haben musikalische Persönlichkeiten im Wettbewerb, ganz klar. Was ich auch sagen muss: Wir können am Wettbewerb ändern, was wir wollen, das Einzige, was wir nicht ändern können, ist, wer sich bewirbt. Wir haben nur diesen Pool.

Was stimmt mit dem Teilnehmerfeld nicht?

Pickel: Man merkt, dass in der Musikwelt teilweise andere Sachen einen höheren Stellenwert haben als Wettbewerbe. Das ist so.

Zum Beispiel?

Pickel: Es ist manchen jungen Musikern inzwischen wichtiger, ihre eigenen Projekte spielen zu können, anstatt sich einer klinischen Wettbewerbssituation zu unterwerfen.

Wie äußert sich das?

Pickel: Ich glaube, die Qualität der Musiker, die wir im Wettbewerb haben, ist sehr gut. Aber ich hätte mir vielleicht auch ein anders zusammengesetztes Teilnehmerfeld vorstellen können. Aber das können wir nicht steuern.

Aber Musiker, die Sie sich auch hätten vorstellen können bei dem Wettbewerb, haben sich nicht beworben?

Pickel: Leute, von denen wir wissen, dass sie sehr gut sind, schicken ein Video, das mit der Handy-Kamera während eines Konzerts von hinten gemacht wurde. Bei anderen – etwa im asiatischen Raum – wird das Ganze vierzigmal aufgenommen, bis der letzte Ton stimmt. Beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb dieses Jahr hießen die vier ersten Preisträger Chen, Chooi, Kim und Lee. Aus Sicht eines Konzertveranstalters ist das schwierig. Aber ich möchte die Musiker damit nicht abwerten, im Gegenteil. Das sind wahnsinnig tolle Leute, sonst gewinnen sie diesen Wettbewerb nicht. Und ich bin überzeugt, dass es ein richtig guter Violinwettbewerb in diesem Jahr in Augsburg wird. Das Niveau ist hoch.

Termin - Der Internationale Violinwettbewerb Leopold Mozart beginnt am Freitag, 31. Mai, mit dem Eröffnungskonzert im Goldenen Saal in Augsburg (nur noch Restkarten an der Abendkasse) und endet am Samstag, 8. Juni, um 19 Uhr im Kongress am Park mit dem Preisträgerkonzert mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Domonkos Héja.

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