Lyrik

11.02.2019

Kein Lied ohne Schrei

„In unseren Träumen lebt noch oft, was war“: Wolfgang Bächler.
Bild: dpa

Der aus Augsburg stammende Dichter Wolfgang Bächler (1925–2007) wird auf einer Münchner Tagung aus der unverdienten Vergessenheit geholt. Es ist noch viel zu forschen.

Wolfgang Bächler hängt gleich beim Eingang. Auf dem Foto im Münchner Lyrik Kabinett blickt er Richtung Vortragssaal. Was dort in geballter professoraler Kompetenz, zudem von Freunden und Bekannten gesagt wurde, das hätte dem aus Augsburg stammenden Dichter (1925–2007) gefallen. Dieser „Tag für Wolfgang Bächler“, zu dem sich Lyrik Kabinett (Leitung: Holger Pils), Universität und Monacensia München zusammenfanden, war ein überfälliges Stück Wiedergutmachung – dies zumal angesichts des grobporigen Gedächtnisses der literarischen Öffentlichkeit, durch das gar mancher Autor ins Vergessen stürzt.

Wer kennt Bächler? Wer liest ihn? Der Dichter kommt in (überdies fehlerhaften) Lexika-Einträgen oft nicht gut weg. Hie und da wird ihm sogar der eigene Ton abgesprochen. Gerade in diesem Punkt gab es auf der von Film (Vera Botterbusch) und Lesung (Franziska Walser und Sohn Jakob) gerahmten Tagung vielstimmigen Einspruch. Eine Auswahl: Bächlers Poetik „ist ein elementar wichtiger Teil der deutschen Lyrikgeschichte“. B. sei ein „unabhängiger Denker und Dichter“. B. zähle „zu den facettenreichsten Lyrikern der Nachkriegszeit“. Und: „Einen so großen Dichter müsste man in jedem Schulbuch finden.“

Den Sprachkörper freigelegt

Wolfgang Bächler, an Goethes Todestag (22. März) in Augsburg geboren und deswegen Wolfgang geheißen, veröffentlichte 1950 seinen ersten Gedichtband „Die Zisterne“ im Bechtle Verlag. Wie hier einer die Sprache gleichsam aus dem „zerfetzten Gewand“ löste und über den Ballast der dunklen Vergangenheit hinwegstieg; wie hier einer den Sprachkörper freilegte und den poetischen Ton wiederzugewinnen suchte („wir zeugten die Welt als Gedicht“), das legte Christian Metz sinnfällig dar.

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Bächlers Gedicht steht unter starker Spannung. Keine Welt ohne Risse, kein Lied ohne Schrei, keine Sprache ohne Zweifel – bis hin zum Paradox, in Worten die Freiheit des Schweigens zu beschwören. Der Dichter bezieht seine lyrische Energie aus den Kräften der Natur („Und wir saugen tief in uns das Licht“), freilich weitab von jeglicher Idyllisierung. Bezeichnend, so Metz, sei die dichterische Figur der Vertikalisierung, vom Abgrund ins Blau des Himmels, vom Fall zum Aufstieg („kühn steige ich und falle“). Bächler eröffnet sich Zwischenräume, greift immer wieder das zwischen Hinein und Hinaus pendelnde Bild der Tür auf („Türklingel“, „Türen aus Rauch“ heißen Gedichtsammlungen). Über allem steht der Vers „Bitterer Saft das Gedicht“, das Ineinander von Druck und Ausdruck bezeichnend. Von einer „bitter-süßen“, selbst erarbeiteten Poetik sprach Metz.

Bei Bächler, im Krieg schwer verwundet, Mitbegründer der Gruppe 47, geriet der Schreibfluss oft ins Stocken. Der Dichter fiel in Depressionen, glich dann aber in den manischen Phasen einem Ausbund an Kreativität und Chaos. Für eine Therapie notierte er seine Träume („Traumprotokolle“), handelnd von Krieg und Reisen, von Erotik und Dichterkollegen. 1955 träumte Bächler von Brecht, der einen Arbeiter erschoss!

Die Bibliothek bei einem Feuer verbrannt

Waldemar Fromm ging dem Traummotiv (auch im Gedicht) nach, fragte, ob das alles nur geträumt oder nicht doch auch beim Schreiben komponiert und (satirisch) zugespitzt wurde... Auch Theo Elm schälte, anknüpfend an das (HAP Grieshaber- und Bächler-)Motiv des „Verlorenen Sohnes“, den bitteren Kern der Lyrik heraus. Andrea Bartl legte die ungemein facettenreiche (Liebes-)Dichtung dar, Sven Hanuschek verfolgte Bächlers zehn, meist kleinere Filmauftritte bei Volker Schlöndorff, Werner Herzog und anderen.

Auch wenn bei einem (selbst verschuldeten) Feuer in der Münchner Steinheilstraße ein Großteil von Bächlers Bibliothek, dazu Briefe und Manuskripte verbrannten und angekohlte Ordner anschließend im Gasteig auf ungeklärte Weise verloren gingen, hat die Forschung noch sehr viel zu erschließen: über 3000 Briefe familiärer und literarischer Art, Essays, Textfragmente usw. Immerhin liegen bei Fischer die „Gesammelten Gedichte“ (2012) vor, herausgegeben u. a. von Bächlers Nichte Katja. Die Augsburger Stadtbibliothek hat bislang keine Zeile des Augsburger Dichters im Bestand. Vielleicht macht ja die Gedicht-Edition einen Anfang …

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