Tuiachs Thesen

17.07.2019

Kolumne: Stimmung am laufenden Meter

Bild: Silvano tuiach

Unser Kolumnist Silvano Tuiach  nimmt die Stimmungslage der Deutschen ins Visier.

Stimmung“ ist ein urdeutsches Wort. Die Konnotation dieses Wortes ist in der deutschen Sprache umfangreich. Im Angelsächsischen können „mood“ oder „atmosphere“ da nicht mithalten. „Mood“ zum Beispiel ist ganz auf die Gefühlslage eines Individuums zugeschnitten. Auch „atmosphere“ hat nicht diesen nahezu imperativen Charakter, den „Stimmung!“ des Öfteren ausdrückt.

Eigentlich seltsam, dass dieses Wort sich ausgerechnet in der deutschen Sprache so entwickelt hat. Denn gehen wir zurück in der Geschichte der Deutschen, sehen wir wie Germanen in dunklen, kalten und nassen Wäldern hausten und wohl wenig Anlass hatten, um in Stimmung zu kommen. Einmal vielleicht, als sie mit früher Guerilla-Taktik im Wald die Legion des Varus aufrieben. Da – so stellt man es sich zumindest vor – haben sie tüchtig mit Met gefeiert.

Heute ist Stimmung sowohl als Zustand als auch als Befehl zu verstehen. Aber bei uns kommt es zum Höhepunkt der Stimmung, wenn sich hiesige Vandalenhorden in die deutsche Kolonie Mallorca/Arenal aufmachen. Da zieht es jedes Jahr zigtausende von jungen Deutschen hin, in Discos, die „Schinkenkönig“, „Pressackpalast“ und „Weißwurstparadies“ heißen, oder so ähnlich. Hier lassen sie die Sau raus und produzieren Stimmung am laufenden Meter. Stimmung als Kontrapunkt zur Beschwerlichkeit des Alltagslebens.

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Dass der Deutsche beim Stimmung machen gern über die Stränge schlägt, fiel mir schon vor etwa zehn Jahren auf, als ich von Rom zurückkam nach Augsburg. In Rom saß ich mit vielen jungen Italienern und Touristen am Abend auf der Spanischen Treppe. Da kreisten schon Becher, gefüllt mit Wein, aber es war ruhig, nur ein paar Leute sangen und einer spielte Gitarre. Zuhause schlenderte ich am späten Abend die Maxstrasse hoch, am Herkulesbrunnen vorbei, da zeigte sich die Stimmung von ihrer aggressiven Seite. Da wurde gegrölt, es wurden Bierflaschen durch die Gegend geworfen. Na ja, vielleicht war dies ja an einem Tag – so genau erinnere ich mich nicht mehr – als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, also „wir“, eine Niederlage erlitten hatte.

Eine spezielle Erweiterung der Stimmung ist die „Bombenstimmung“. Ein fast angstmachendes Wort. Dieser Superlativ heißt in Augsburg wahrscheinlich „Mordsstimmung“. Das Präfix „Mords“ wird halt in Augsburg als Superlativ schlechthin verwendet, man denke nur an den „Mordskrend“, „großer Kopf“ für Nordlichter. Ja, natürlich, ich war auch schon bei „Feschtla“, wo die Stimmung einfach nur gut war. Also nicht bedrohlich.

***

An dieser Stelle blickt der Kabarettist Silvano Tuiach für uns auf das Geschehen in Augsburg und der Welt.

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