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Tuiachs Thesen

07.11.2019

Kolumne: Was Augsburg von China lernen kann

Der Kabarettist Silvano Tuiach kann sich gut vorstellen, was passiert, wenn man auch hierzulande Punkte für das Sozialverhalten verteilt.

Viele Politiker und Wirtschaftsbosse schauen neidisch nach China. Die Chinesen bauen einen Mega-Flughafen in fünf Jahren. Dieses Tempo erinnert uns Deutsche schmerzlich an die Malaise mit dem Berliner Flughafen. Viele Ökonomen argumentieren, China müsse uns als Vorbild dienen. Dort gibt es jetzt auch China ein Malus-Bonus-System, das die Bürger in allen Lebenslagen bewertet.

Bewertet wird, ob Chinesen zu 100 Prozent den Verhaltensvorgaben der Kommunistischen Partei Folge leistet. Mit diesem System soll der totale Machtanspruch der chinesischen KP langfristig durchgesetzt werden. Ich bin überzeugt, dass auch hierzulande es nicht wenige Politiker gibt, die sich mit diesem System anfreunden könnten. Wer den Müll nicht richtig trennt, bekommt zwei Maluspunkte, wer zuviel Fleisch isst zehn, wer mit einer Plastiktüte herumläuft zwölf, wer nicht zum Wählen geht 120 Maluspunkte. Nichtwähler sind schließlich die gefährlichste Gruppe in der Demokratie.

Pluspunkte für diejenigen, die zu Fuß vom Christkindlesmarkt heimlaufen

Bonuspunkte gibt es für die Käufer von E-Autos, für Aktienerwerber, für Solarzelleninstallierer, für Deutschland-Urlauber und für Menschen, die vor der Rente aus dem Leben scheiden und dem Staat Riesensummen sparen.

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Auch in Augsburg könnte dieses Punktesystem eine probate Erziehungsmethode sein. Der Ordnungsdienst verteilt dann Maluspunkte, wenn er jemanden beim Wegwerfen von Zigarettenstummeln erwischt. Radler auf einem Fußweg bekommen zehn Maluspunkte. Pluspunkte gibt es, wenn Besucher des Christkindlesmarkts nach acht Gläsern Glühwein den Heimweg nach Stadtbergen zu Fuß zurücklegen – versehen mit einem Bonuspunkt, wenn dabei niemand auf dem Königsplatz zusammengeschlagen wird.

Außerdem gibt es Belohnungen für diejenigen, die zu den Bauverzögerungen und dem Kostenanstieg am Hauptbahnhof milde lächelnd sagen: „Gut Ding hat Weile.“ Am Ende des Jahres wird abgerechnet. Wer zu viel Maluspukte auf dem Konto hat, muss zur Strafe am Faschingsdienstag auf den Rathausplatz gehen. Wer Bonuspunkte hat, darf beim Plärrerumzug mit den Politkern in der Paradekutsche mitfahren.

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