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Konzert
15.07.2021

Open-Air trotz Regen: Jazzsommer im Feuchtbiotop

Gut behütet im Pavillon: Schlagzeuger Billy Hart mit Joe Sanders (Bass), Mark Turner (Saxofon) und Ethan Iverson (nicht zu sehen am Klavier).
Foto: Herbert Heim

Bei diesem Wetter will Open-Air-Gemütlichkeit nicht so recht aufkommen. Und doch startete der Jazzsommer im Botanischen Garten mit dem Billy Hart Quartet ausgesprochen lässig über alle Unbill hinweg.

Was dem allgemeinen Grundwasserspiegel und den Feuchtbiotob-Pflanzen im Botanischen Garten nützt, macht nicht unbedingt den dortigen Jazz-Sommer am Rosenpavillon gemütlich und lau fürs Publikum.

Der Start des Jazzsommers stand nicht unter dem günstigsten aller Sterne

Nein, unter dem günstigsten aller Sterne stand das Eröffnungskonzert 2021 nach der Begrüßung durch Kulturreferent Jürgen Enninger, diesen bekennenden Jazz-Freund, nicht komplett. Hier ein verwehtes Notenblatt des Bassisten, da Korrekturbedarf am Mischpult, dort der einsetzende Regen, schließlich ein Martinshorn zum ppp-Piano – und dann noch ein Zwischenfall, der zunächst selbst dem Festivalkurator Tilman Herpichböhm, heuer im zweiten Jahr sein Amt waltend, unerklärlich war.

Es geschah nämlich mitten in der zweiten Nummer des pausenlosen, mit 100 Minuten überschaubaren Konzerts, dass sich seltsame Töne eines elektronischen Musikinstruments einmischten ins ansonsten rein elektroakustische Geschehen. Woher nun das? Der Bassist stieg aus, dann der Saxofonist, der Pianist – nur der 80-jährige Chef des Quartetts, Billy Hart, bewies erst einmal Steher-Qualität und Profi-Einstellung: The show must go on! Es geht immer weiter. Bis auch er ratlos, indigniert, schicksalsergeben das Handtuch schmiss.

Eine Seltenheit: Free-Jazz und Popmusik erklingen gleichzeitig

Für einen Moment hatte man in diesem Abbruchgeschehen glauben wollen, hier werde womöglich eine programmatische, kabarettistisch-musikalische Volte mit besten Musiker-Schauspielern geschlagen: Dass nämlich ausgerechnet in dem Moment, da das Quartett aufs ungebundene Free-Jazz-Terrain vorstößt, ein eher schlichter, funktionaler, kommerzieller, klischeebeladener Pop-Sound das Ruder an sich reißt. Hätte Witz, Satire, tolle sarkastische Wirkung besessen.

Aber so war es halt nicht. Es war vielmehr so, dass wohl durch Einschalten der Bühnen-Beleuchtung auch noch ein CD-Spieler mit eigener Lautsprecheranlage im Rosenpavillon in Gang gesetzt wurde – nicht vom Mischpult, sondern vom erhöhten Gartenhäuschen aus hinter dem Gebüsch. So viel jedenfalls recherchierte Herpichböhm im Nachhinein. Blöd gelaufen.

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Nun, das Billy Hart Quartet griff – nach Stilllegung des CD-Spielers – seine Nummer wieder auf und brachte sie mit Disziplin und Anstand zu Ende. Dann erst begann der Abend, der mit einem bluesigen Einspielstück gestartet war, im eigentlichen Sinne.

Sein Charakter bleibt so zu umreißen: ebenmäßig, ausgewogen, unverschnörkelt. Weder wurden hier zirzensische Artistik und Über(blas)druck applausheischend zu Markte getragen, noch gefühlig oder sentimental das Gemüt manipuliert. Stattdessen herrschte, oft im rhythmischen Gleichschritt und melodiösen Unisono-Gleichklang, klares Lineament. Mal nüchterner, mal lyrischer Art. Kein vertracktes Kontrapunkt-Geflecht, sondern die Engführung kantabler Stimmen zu einem gemeinsam gezogenen Strang.

Am Schlagzeug: Billy Hart als Kopf der Gruppe

Dass Billy Hart am Schlagzeug der mit vielen Jazz-Wassern gewaschene Kopf der Truppe ist, zeigte sich nicht nur an seinen gestockt humorigen Ansagen, sondern auch an seinen vielen perkussiven Stück-Einleitungen. Der fein gesponnene, geklöppelte Klang gilt ihm deutlich mehr als jedwede motorische Rhythmusmaschine.

Am Bass diente und kollaborierte Joe Sanders fundamental, auch im Sinne der Deutlichkeit. Mark Turner blies auf dem Saxofon geraden Ton in gerader Melodieführung; nichts, was da groß ablenken könnte von der kantablen musikalischen Substanz. Und auch Ethan Iverson am Piano reduzierte die Harmonik eher sachlich auf das Wesentliche als dass er vollgriffig die Fettstufe erhöhte.

Sechs Nummern plus eine träumerische Gute-Nacht-Ballade als Zugabe umfasste der zwischen Rosen und Regen gebettete Gig – darunter übrigens so manches klingende Personenporträt.

Dass der Jazz schlussendlich die Oberhand behielt gegenüber dem Unbill, dies ist vier wohlartikulierenden, kammermusikalisch gebildeten Musikern zu verdanken. Der urbane Jazzsommer im Grünen begann über Stilgrenzen hinweg musikalisch feinsinnig und gepflegt. Auch lässig, straight, cool. Etwas zum genauen Hinhören zwischen Regenjacken-Knistern im fortgeschrittenen Abend.

Wir werden uns den Jazzsommer keinesfalls nehmen lassen.

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