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Sommerserie

12.08.2020

Kultur und Pfersee gehören fest zusammen

Der Zeichner und Leiter des Wißner-Verlags Michael Moratti präsentiert an unserem mobilen Schreibtisch ein Comic-Magazin, das gerade im Entstehen ist.
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Der Zeichner und Leiter des Wißner-Verlags Michael Moratti präsentiert an unserem mobilen Schreibtisch ein Comic-Magazin, das gerade im Entstehen ist.
Bild: Richard Mayr

Plus Die Luft brennt am zweiten Dienstag von "Kultur aus Pfersee". Es geht um Autoren und Verlage, Bürgerengagement und einen Mönch, der für seinen Glauben starb.

Vermutlich würden nicht alle im Stadtteil diesen Satz unterschreiben – aber er drückt das Pfersee-Lebensgefühl doch ganz gut aus. „Die Leute sind fast unglücklich, wenn sie mal über den Fluss müssen. Es ist ja alles hier.“ Dass die Schriftstellerin Alexandra Tobor, die wir in der Pferseer Buchhandlung „Bücherinsel“ treffen, in der sie arbeitet, diesen Satz sagt und auch auf sich selbst bezieht, heißt schon was.

Tobor, 39, lebt seit 2012 in Pfersee, sie ist als Kind mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland gekommen. Sie lebte und studierte in Köln, in Marburg. Aber Pfersee: das ist ihr Ort. „Es ist wie eine kleine kreative Stadt“, schwärmt die Autorin. Ab und an einmal über die Wertach: ja. „Aber Wegziehen? Keine Option!“

Pfersee ist ein gutes Pflaster für Künstler, Schreiber, Verlage, Autoren

An unserem zweiten Dienstag im Stadtteil brennt die Luft um unsere mobilen Schreibtische. Viele von denen, die Alexandra Tobor beschrieben hat, sind gekommen. Leute, die sich engagieren für ihren Stadtteil, „Leute, die etwas weitergeben wollen an andere“. Pfersee ist offenbar ein gutes Pflaster für Künstler, Schreiber, Verlage, Autoren.

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Der Brecht-Kenner und Lyriker Karl Greisinger zum Beispiel, der in „Vor-Corona-Zeiten“ eine Lesung aus seinem Band „Ein Satz für eine Geschichte“ in der Bücherinsel hatte, sitzt jetzt da. Der Chef des Wißner-Verlags, Michael Moratti, ebenfalls ein Pferseer, schaut vorbei. Die Autorin Irene Kaiser ist gekommen und regt an, doch bitte wieder einen Dichterclub für den kreativen Austausch zu gründen. Und zwei Institutionen, ohne die Pfersee ein anderer Stadtteil wäre, zeigen an diesem zweiten Dienstag Präsenz. Dietmar Egger, Vorsitzender der Bürgeraktion Pfersee – und Peter Luibl, Chef des Bürgerhauses Pfersee, welches wiederum von den Bürgern 1989 erkämpft worden ist.

Corona hinterlässt auch in Pfersee seine Spuren

Pfersee leuchtet an diesem späten Nachmittag, an dem nicht nur unsere Schattenplätze belegt sind. Peter Luibl zählt erst einmal die Verluste auf, die schmerzen. Corona! In diesem Jahr gibt es kein Stadtteilfest, vermutlich auch keinen „Winterzauber“. Fast alles liege auf Eis, sagt Luibl. Aus seiner Auflistung aber ergibt sich das Bild eines überaus lebendigen Stadtteilzentrums. Wer sich nicht alles im Bürgerhaus trifft! Spielekreis, Kreativkreis Pinselstrich, Klöppelgruppe, Impro-Theater, Internationale Folkloretanzgruppen, Societa Dante Alighieri (Italiener), Bengalen, Afrikanische Gruppen, Association des familles francophones (französischsprechende Einwohner), das Kulturcafé für Menschen aus aller Welt.

Die Frauen von Hock ma zam, von denen einige auch selbst an unserem Schreibtisch erscheinen, haben sich für ihre Treffen allerdings einen anderen Ort ausgesucht. Im Kreativraum kommen Christia Preschl, Eva Kerig, Petra Kammerer, Uta Shaughnessy zusammen, um mit ungezügelter Pfersee-Power beim Nähen, Stricken, Basteln darüber zu beratschlagen, wie sie aus ihrem Stadtteil einen noch lebenswerteren Ort machen können. „Wir wollen die Kultur hier voranbringen“, sagt Kammerer. Das, was die Frauen herstellen, wird zum Beispiel auf der Michaeli-Dult verkauft, die Einnahme dann gespendet, etwa an das Moussong Theater.

Bild: Richard Mayr

Spätestens an diesem zweiten Dienstag haben wir verstanden: Kultur und Pfersee gehören fest zusammen. Zum Beispiel findet sich da das Zeichenstudio von Michael Moratti, der nicht nur den Wißner-Verlag leitet, sondern selbst Comic-Zeichner ist. Ein paar Arbeitsproben hat Moratti dabei, darunter die Umdeutung von Lucky Luke, mit Zigarre statt Grashalm im Mund, in jedem Arm eine barbusige Frau. „Wir wollten das dem Playboy als Buck Duke anbieten – aber er hat leider abgelehnt.“ Aber Moratti kann nicht nur frivol, er kann auch kulinarisch: Gerade wird an einem neuen Magazin für Bäckereien gearbeitet – mit Brezi und Plunder in den tragenden Rollen.

Stimmengewirr bei "Kultur aus Pfersee"

Karl Greisinger erinnert an unseren Schreibtischen im Schatten von Herz Jesu an die legendäre Schriftstellerin und „Sisi-Vertraute“ Marie Louise Gräfin Larisch-Wallersee, die zum Ende ihres sehr bewegten Lebens von 1930 bis 1939 in Pfersee wohnte und in den Straßen durch ihre stattliche Erscheinung und ihre „weiße Haarkrone“ Eindruck hinterließ. Im Stimmengewirr – es ist jetzt wirklich was los bei „Kultur aus Pfersee“ – geht fast ein wenig unter, was Greisinger über die Gräfin und die Mayerling-Affäre (dem nach offizieller Darstellung politisch motivierten gemeinamen Freitod des österreichischen Kronprinzen Rudolf und der 17-jährigen ungarischen Baronesse Mary Vetsera) zu erzählen weiß bis hin zum rätselhaften Auftritt der Gestapo, die nach dem Tod der Gräfin 1940 ihre letzte Bleibe im Servatiusstift durchsucht und auf den Kopf gestellt hatte.

Das Pfersee von heute beschäftigt hingegen Dietmar Egger, der nicht widerspricht, wenn man die hohe Lebensqualität im Stadtteil nicht zuletzt auch auf das Wirken der Bürgeraktion zurückführt. 1982 gegründet, um die Zukunft des Schlössles (damals leer stehend, zuvor Lungenkrankenhaus) mit zu entscheiden, hat die Bürgerinitiative (derzeit 180 Mitglieder) mehr und mehr die Stadtentwicklung insgesamt im Blick gehabt. „Wir haben Zähne bekommen.“ Dass die Augsburger Straße, Pfersees Lebensader, heute breite Gehwege, Tempo 30 und Bäume hat, also ein Boulevard geworden ist, gehört zu den Erfolgen ebenso wie die ausgeprägte „Stadtteil- und Mitmachkultur“ jenseits der Wertach.

Wie es die Bücherinsel durch die Corona-Krise geschafft hat

Nicht alles aber ist geschafft, sagt Egger. Die weitere Verkehrsberuhigung in ganz Pfersee, eine größere Durchlässigkeit der Kleingartenanlagen zur Wertach hin, stehen auf der Agenda. Niederlagen gab es auch: Man habe es nicht geschafft, auf dem Dierig-Gelände einen Kindergarten unterzubringen. Und bis heute gibt es vor Sankt Michael nur Parkplätze und Ödnis statt eines Parks …

Die Schriftstellerin Alexandra Tobor arbeitet in der Bücherinsel in Pfersee.
Bild: Richard Mayr

Dass die Stadtteil-Buchhandlung Corona ohne Ruin überstanden hat, führt Alexandra Tobor auf die Solidarität der Pferseer zurück. Mit dem Lockdown richtete die Bücherinsel einen Lieferservice ein. „Die ungeheure Nachfrage und Begeisterung unserer Kunden hat uns umgehauen. Die bestellten wie verrückt“, sagt Tobor. Ausgeliefert wurde per Auto, Rad, zu Fuß. Als „schönen Nebeneffekt“ der Corona-Zeit hat die Schriftstellerin ausgemacht, „dass die Leute wieder bemerkt haben, wie viel Spaß das Lesen macht“. Tobor selbst liest viel mit Kindern, schreibt Geschichten mit ihnen (etwa über den „Schulgeist Hansi“, der in der Hans-Adlhoch-Schule in Quarantäne hockt) – und, soweit es die Zeit zulässt, auch selbst weiter an ihrem nächsten Buch.

Eines von zwei Bildern, die es von Wolfgang Bernheim (links) gibt.
Bild: Richard Mayr

Ein ganzes Buch hätte Wolfgang Bernheim verdient. Sein Name fiel schon vergangene Woche zum Auftakt unserer Sommerserie „Kultur aus Pfersee“. Stadtpfarrer Franz Götz hat über jenen Bruder Paulus erzählt, wie sich Bernheim später nannte. Wir wollten dieser bewegenden, tragischen, schockierenden Lebensgeschichte mehr Platz geben, deshalb hatten wir die Geschichte nur angetippt und aufgehoben. Denn wie oft kommt es vor, dass man einen Satz „Nicht jeder, der heilig ist, wird auch heiliggesprochen“ hört? Wie oft stimmt man ihm voll und ganz zu? Das waren die Schlussworte des Pfarrers von Herz Jesu gewesen, als er uns über das viel zu kurze Leben von Wolfgang Bernheim erzählt hat, 1923 als Sohn eines jüdischen Pferseer Chemieproduzenten geboren, und 1928 in Herz Jesu in Pfersee katholisch getauft. „Wir haben ihn nicht vergessen“, sagt Pfarrer Götz, auch wenn die Nationalsozialisten alles dafür getan haben, dieses Leben auszulöschen.

Einem Augsburger hat die einmalige Erwähnung von Bruder Paulus genügt, um am zweiten Dienstag an unseren Schreibtisch zu kommen: Michael Bernheim. Er hat einen Ordner dabei, in dem er all das aufbewahrt hat, was über seinen Onkel Wolfgang Bernheim (ein Cousin seines Vaters) herauszufinden war: dass Wolfgang Bernheim Schüler des Internats St. Stephan war, dass er 1938 Augsburg verlassen musste, weil laut NS-Anordnung Schüler aus jüdischen Familien keine deutschen Schulen mehr besuchen durften, dass er Zuflucht bei seiner Stiefmutter in München und seiner leiblichen Mutter in Köln suchte. Von dort machte er sich auf den Weg ins niederländische Kloster Vaals bei Aachen. „Ich glaube, Wolfgang Bernheim hat schon in St. Stephan den Entschluss gefasst, Benediktinermönch zu werden“, vermutet Micheal Bernheim. 1941 wurde sein Onkel Novize und nahm den Namen Bruder Paulus an.

Bruder Paulus opferte sich, er wurde nach Auschwitz deportiert

Nur ein Jahr später verlangten die nationalsozialistischen Besatzer in den Niederlanden, dass sich alle getauften Juden an einen Sammelpunkt zu begeben hätten. Weil der Abt des Klosters Vaals Angst vor nationalsozialistischen Vergeltungsmaßnahmen hatte, überredete er Bruder Paulus, sich freiwillig zu stellen – und Paulus opferte sich, der Weg zum Sammelpunkt war sein Weg in den Tod. Er wurde in Richtung Auschwitz deportiert, kurz davor aussortiert und im Zwangsarbeitslager Sakrau innerhalb von drei Monaten zu Tode geschunden. „Sein genauer Todestag ist nicht bekannt“, sagt Michael Bernheim, er starb irgendwann im Herbst 1942 im Alter von 19 Jahren – für seinen Glauben und wegen seines Glaubens, als Katholik und wegen des jüdischen Glaubens seiner Vorfahren.

Bernheim hat ein Erinnerungsband für seinen Onkel gestiftet, es ist in der Nähe des Klosters St. Stephan angebracht. Wie wirksam diese Form des Gedenkens ist, macht die Lehrerin Joanna Linse vom Maria-Ward-Gymnasium deutlich. Sie hat Bernheim an diesem Dienstag an unsere mobilen Schreibtische begleitet. Durch das Band ist sie auf das Schicksal von Bruder Paulus aufmerksam geworden. Gemeinsam mit ihren Schülern hat sie zum internationalen Holocaust-Gedenktag einen Gedenkweg gestaltet, vom Stephansplatz bis zur Pferseer Herz-Jesu-Kirche. Dort findet sich immer noch die Gedenkwand für Bruder Paulus, die Schüler dort angebracht haben.

Auch Bernhard Kammerer, der Pfersee-Aktivist und Archivar, hatte uns am ersten Dienstag lange von Bruder Paulus erzählt. Als er ging, erwähnte er, seine 80 Jahre alte Schildkröte sei ihm entlaufen. Ob wir vielleicht einen Suchaufruf mit unterbringen? Haben wir verschwitzt. Aber alles ist gut: Die Schildkröte ist inzwischen im Schuppen eines Nachbarn wieder aufgetaucht, berichtet Kammerer.

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Und das ist an den beiden Dienstagen danach passiert:

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