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Sommerserie

19.08.2020

Kultur vor Ort: Neues aus der Wundertüte Pfersee

Wegen Corona sitzen Kulturschaffende gerade zwischen allen Stühlen. In Pfersee ha ben sie daraus eine Kunstaktion gemacht. Blick in die Ausstellung "Kulturstühle".
Bild: Michael Schreiner

Ein Kaufhauschef katalogisiert Wirtshäuser, eine Schule freut sich über eine neue Leseecke und eine Klasse trifft sich zufällig: An unseren mobilen Schreibtischen geht es zum dritten Mal rund.

Unter unserem Zeltdach, das im Schatten von Herz Jesu von Windböen durchgerüttelt wird, aber standfest bleibt, herrscht an diesem dritten Dienstag eine bewegte Atmosphäre irgendwo zwischen Seminarstunde, Klassentreffen, Vortragsreihe und Stammtischrunde. Graue Wolken ziehen auf und verschwinden wieder, Sonne folgt auf Regennieseln, die Kirchturmuhr schlägt, die Trambahnlinie 3 bimmelt, Leute kommen und gehen – die meisten aber bleiben volle zwei Stunden und teilen Erzählungen, Bilder, Papiere, Namen und Anschauungen an unseren mobilen Schreibtischen. So wie Professor Hans Frei, Heimatkundler und ehemaliger Museumsmann, der mit einem ganzen Konvolut von Unterlagen aufwartet und aus dem Visitationsbericht eines österreichischen Obristen zitiert, der 1750 Pfersee erkundete, damals vorderösterreichisches Territorium. „Schlechter Feldbau, gute Wiesen, gute Viehzucht.“ Die Pferseer, schreibt der Besucher, der „108 Feuerstätten“ im Dorf zählt, gingen mit Butter und Käse auf den Markt in Augsburg und brächten ihre Waren dort „wohl an.“ Nicht ohne Verblüffung – und Hans Frei hat sichtlich Freude an dieser Passage – vermerkt der Obrist in seinem Bericht, dass Pferdsee Mitte des 18. Jahrhunderts „fünf Zapfwirte und drei Braustätten“ beherbergt.

Fünf Zapfwirte und drei Brauereien

Später sollten es dann noch viel mehr Wirtshäuser sein, wie Wolfgang Konrad weiß. An diesem dritten Dienstag vor der Kirche von Herz Jesu ist es ihm endlich gelungen, sich einmal kurz von seinem Traditionsgeschäft, dem Kaufhaus Konrad gleich gegenüber, loszureißen und an unseren Schreibtisch rüberzukommen. Zum einen hat er das der Pferseerin Frau Salger versprochen, die ihm mit auf den Weg gab, uns zu sagen, dass die Stadt doch bitte schön an der August-Vetter-Straße wieder ein zusätzliches Schild anzubringen, das erklärt, wer Vetter war – nämlich auch ein Heimatdichter. Frau Salger: Herr Konrad hat es ausgerichtet, wie Sie hier lesen können. Dann hat Konrad auch inmitten von Ordnern, Kopien und Kunstwerken, die uns gezeigt wurden, ein schönes Dokument dabeigehabt: das erste Geschäftsbuch der Konrads, 1894 angelegt.

Gleich danach wechselte Konrad vom Buch zum Tablet und zeigte uns, was ihn in seiner Freizeit umtreibt: zum Beispiel die Vergangenheit von Pfersees Gaststätten, die Konrad alphabetisch geordnet präsentiert, von B wie Bayerischer Hof bis W wie Wörther Hof. Es waren mal um die 40, auf Konrads Internetseite findet man sie wunderbar bebildert, weil Konrad auch noch eine Vorliebe für das Sammeln von Pfersee-Postkarten entwickelt hat. Katalogisiert sind die Wirtschaften nicht nur mit Jahreszahlen und Eigentümer- sowie Pächternamen, sondern auch mit kleinen Geschichten. Ein Beispiel? Bitte, dann heißt es beim Schwarzen Adler, dass dort 1910 von A. Benkhart Tanzkurse angeboten wurden. „Der Lehrkurs kostete für Herren 4 Mark und für Damen 2 Mark.“ Gleich nach dem Schwarzen Adler wird der Gasthof „Sieben Schwalben“ gelistet. Dort findet sich dann ein Wirtschaftskrimi in einem Satz: „1981 kam es im 1. Stock des Hauses zu einem Mord an einer Frau, begangen von einer Frau.“

Der Gesprächsstoff geht nicht aus: Unsere mobilen Schreibtische sind auch am dritten Dienstag von "Kultur aus Pfersee" gut besucht und dicht umlagert.
Bild: Michael Schreiner

Von Mord, Totschlag und dem Schrecken der Nazi-Diktatur erzählt uns an diesem Nachmittag Alfred Hausmann, der sich auch für die Erinnerungswerkstatt engagiert. Er möchte noch einmal an einen Pferseer erinnern, dem bereits 1948 ein Straßenname gewidmet worden ist: Clemens Högg, geboren 1880, gestorben 1945 in Bergen-Belsen – an Hunger oder Typhus, man weiß es nicht sicher. Briefe von Högg hat Hausmann dabei, Briefe, die Hausmann gerade für die Arbeiterwohlfahrt in Augsburg transkribiert hat, Briefe, die Högg aus der Gefangenschaft im Konzentrationslager an seinen jüngsten Sohn geschrieben hat. „Sie müssen sich sehr gemocht haben“, sagt Hausmann. „Und er durfte nichts Politisches schreiben. Alle Briefe sind zensiert worden.“ 1944 hat er den Wunsch nach Frieden geäußert. Clemens Högg fand ihn in dieser Welt nicht mehr.

Wie Clemens Högg in der Haft erblindete

Hausmann berichtet, dass Högg in den 1920er Jahren zu den führenden Sozialdemokraten Augsburgs und Schwabens gehört hat, engagiert für die Arbeiterwohlfahrt, Landtagsabgeordneter. 1933 nahmen ihn die Nazis erstmals fest, er wurde erst in einem Augsburger Gefängnis, dann im Konzentrationslager Dachau eingesperrt, wieder freigelassen, bis er 1939 wieder verhaftet wurde. Dieses Mal wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, Lagerkommandant war dort Hans Loritz, der ebenfalls aus Augsburg kam. Beide verband eine Geschichte – vor 1933, aber mit vertauschten Rollen. Da war Loritz gerade wegen verschiedener Dienstvergehen aus dem Polizeidienst entlassen worden, damals schon ein Mitglied der SS. Kurze Zeit arbeitete Loritz als Fahrer für die Schwäbische Volkszeitung, die der SPD gehörte, bis das Högg auffiel, der wiederum dafür sorgte, dass Loritz, ein ausgewiesener politischer Gegner, dort entlassen wurde. Hausmann erzählt, dass sich Loritz an diesen Vorfall erinnert hatte und im KZ Sachsenhausen fürchterlich persönliche Rache an Högg nahm. Auf Veranlassung von Loritz kam Clemens Högg über ein Jahr im Konzentrationslager in Bunkerhaft, musste dort auf dem nackten Betonboden schlafen, konnte mit niemandem sprechen, erblindete in dieser Zeit und verlor auch ein Bein. Als die Russen dann anrückten, wurden Högg und die anderen Gefangenen ins KZ Bergen-Belsen gebracht. Noch vor der Befreiung starb er. In Pfersee erinnern an seinem Wohnhaus in der Metzstraße auch ein Stolperstein und eine Gedenktafel an ihn.

Das ist Clemens Högg, ein Sozialdemokrat, dem bereits 1948 eine Straße in Pfersee gewidmet worden ist. Högg starb 1945 im KZ Bergen-Belsen.
Bild: Richard Mayr

Von einem anderen Mann, den die Nazis auf dem Gewissen haben, wissen gleich mehrere an unserem Schreibtisch zu erzählen. Der Friseur Reichert, dessen Salon in Pfersee eine Nachrichtenbörse und ein Treffpunkt war. Der Friseur habe einmal gesagt: „Wenn der Hitler zu mir zum Rasieren käme, da wüsste ich schon wie …“ – und dann habe er den Zeigefinger quer über den Hals gezogen... Irgendjemand denunzierte Reichert. „Sie haben ihn dann nach Dachau ins KZ gebracht, zwei Tage später war er tot.“

Es geht an diesem Nachmittag aber nicht nur um ernste Themen. Zum Beispiel findet da ein unerwartetes Mini-Klassentreffen statt. Hans Frei, der ehemalige Museumsmann und Universitätsprofessor, trifft da nämlich unerwartet auf den Schriftsteller Siegfried Welty, mit dem er vor Jahrzehnten gemeinsam aufs Realgymnasium (heute Peutinger) ging, mit unterschiedlichem Erfolg – Frei bestand das Abitur, Welty nicht, weil er mit Deutsch eben nicht ausgleichen konnte, was ihm in Mathe fehlte. Und Welty erzählt dann gleich noch, wie das mit dem Schreiben bei ihm begann: mit Liebesbriefen, die er für Klassenkameraden schrieb. „Mein erster Preis war, als eine Schülerin mit ins Kino gegangen ist“, so Welty. Nur eben nicht mit ihm, sondern dem Klassenkameraden.

Alter Baumbestand wurde auf dem Sheridan-Gelände erhalten

Dann ist da auch noch Manfred Seemiller gekommen, der auch nicht schlecht staunt, dass er sich kurz mit seinem ehemaligen Geographie-Professor Hans Frei unterhalten kann. Seemiller will sich das einfach mal anschauen, wenn unsere Sommerserie, die er schon lange in der Zeitung verfolgt, in seinen Stadtteil kommt. Er lebt auf dem Sheridan-Gelände und kann da nur schwärmen, weil es der Stadt dort gelungen sei, ein neues Viertel mit viel Fingerspitzengefühl zu gestalten, zum Beispiel, indem der alte Baumbestand erhalten worden sei. Ein äußerst lebenswerter Stadtteil für ihn.

Bunt und fröhlich sind die Zeichnungen, mit denen Madlen Kristina Müller drei Augs burger Kinderbücher illustriert hat.
Bild: Michael Schreiner

Das findet natürlich auch die „Bürgeraktion Pfersee“, deren Vorsitzender Dietmar Egger aber bedauert, dass von dem alten Kasernengelände zwar „letztlich“ ein paar Gebäude erhalten und gerettet worden seien, insgesamt aber „der Verwertungsdruck sich deutlich bemerkbar macht“. Es könne nicht genügen, „da jetzt einfach Wohnhäuser draufzustellen und schwamm drüber über die Geschichte“. Egger, der wie auch sein Mitstreiter Bernhard Kammerer wieder mit dem Fahrrad gekommen ist, verweist darauf, wie wichtig vor allem die Halle 116 als „Gedenk- und Denkort“ sei. Bis zu 2000 Zwangsarbeiter schufteten hier zusammengepfercht während der Nazidiktatur. Dass nun Freunde von US-Oldtimern in direkter Nachbarschaft „ihr hedonistisches Projekt“ betrieben, erregt Argwohn bei der Bürgeraktion. Bernhard Kammerer („Pfersee ist so groß wie Landsberg, wir würden uns ein Stadtteilmuseum wünschen“) verweist auf eine Anne-Frank-Ausstellung, die im Herbst in der Halle 116 öffnen soll, bevor Mitte 2021 die „Interimsausstellung zur Halle 116 selbst“ stehen soll.

Die Schüler haben die neue Leseinsel gestürmt

Ein lebendiger Lernort in Pfersee ist zweifellos die Hans-Adlhoch-Schule. Rektorin Sabine Stahl-Schnitzler ist mit Lehrerin Anke Buhl zu unseren mobilen Schreibtischen gekommen – und hat mitten in den Sommerferien eine gute Nachricht dabei. Die Adlhoch-Schule hat jetzt eine prächtig ausgestattete moderne „Leseinsel“ mit krachneuem Bestand tausender Medien. Es ist die elfte „Leseinsel“, die der Verein der Freunde der Stadtbücherei in einer Augsburger Grundschule eingerichtet hat. Initiator und Motor hinter dem Projekt zur Leseförderung ist der Buchhändler Kurt Idrizovic, der ebenfalls bei uns in Pfersee vorbeischaut. Idrizovic lebt seit einigen Jahren selbst in Pfersee. Und er hört gerne, was die Büchereibetreuerin Anke Buhl über die Leseinsel sagt, die vor den Ferien – auch wenn die „offizielle Einweihung“ coronabedingt nun auf den 20. November verschoben ist – den Betrieb aufnahm: „Wir haben gigantische Ausleihzahlen. Die Schüler haben uns gestürmt“, sagt Buhl. Idrizovic kündigt an unseren Schreibtischen an, dass er mithilfe von Sponsoren insgesamt 25 Leseinseln in Augsburger Schulen installieren will. Die Schulbibliotheken sind wie kleine Zweigstellen an die Stadtbücherei angebunden.

Freude über die Leseinsel auch bei einer Frau, die mit einem großen flachen Koffer bei uns auftaucht. Madlen Kristina Müllers Sohn geht auch auf die Adlhoch-Schule. Müller hat dort schon öfter gelesen – auch aus ihren eigenen Büchern, die sie dabeihat. Drei Kinderbücher, die die 38-Jährige nicht nur schreibt, sondern auch selbst illustriert. Zwei handeln vom „König von Augsburg“, das dritte erzählt, wie der Siebentischwald zu seinem Namen kam. Erschienen sind die Bilderbücher im Wißner-Verlag, dessen Leiter Michael Moratti vergangenen Dienstag da war. So fügt sich bei „Kultur aus Pfersee“ immer mehr zusammen. Madlen Kristina Müller zeigt – deshalb der große Koffer – einige ihrer bunten großen Originalillustrationen an unseren Schreibtischen. Ein viertes Kinderbuch ist in Arbeit, sagt sie – es geht darin um den Hotelturm.

Unsere Klappstühle reichen an diesem Tag bei weitem nicht, weshalb viele diskutierende Grüppchen vor Herz Jesu um unsere Schreibtische stehen. Als wir am frühen Abend abbauen, sind nicht nur Karl Greisinger und Hermann Grünwald noch immer mit Siegfried Welty in Pfersee-Gespräche vertieft. Apropos Stühle: In einem ehemaligen Schuhgeschäft, das das Bürgerhaus Pfersee als Galerie betreibt, sind gerade von 20 Künstlerinnen und Künstlern gestaltete Stühle aller Art ausgestellt. Die „Kulturstühle“ sollen in Corona-Zeiten ein Lebenszeichen der Kreativen sein. Das sind bei unserer Sommerserie die immer gut besetzten bunten Metallstühle um unsere Schreibtische herum auch. Pfersee ist eine Wundertüte.

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