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Neuerscheinung

20.12.2020

Liebe, stärker als der Krieg: Ein Buch und seine wahre Geschichte

Marie Gaté-Stallforth ist in Frankreich geboren, lebt aber in Gersthofen.
Bild: Privat

Plus Marie Gaté-Stallforth findet im Schicksal der Großtante den Stoff ihres literarischen Debüts. Es ist Familienporträt, Zeitbild und Bekenntnis zum Pazifismus.

„Route des Invasions 1914–18/ 1939–40“ vermerkt ein Schild im französischen Ardennen-Ort Rethel. So nüchtern das klingt, so grausam ist das damit verbundene Geschehen zweier Weltkriege mit dem Vormarsch deutscher Truppen. In Rethel spielt die kleine Marie mit Jungen ihres Geburtsortes Fußball. Die Unebenheiten des Platzes ärgern sie – nicht ahnend, dass unter ihren Füßen deutsche Gefallene liegen.

Marie, 1955 geboren, kommt als kleines Schulmädchen in den Sommerferien zur Großtante Adrienne, ihrer „Tatie Nenne“, einer pensionierten Lehrerin im benachbarten La Neuville. Erst viele Jahrzehnte später vertraut ihr die Hochbetagte, die nie anders als „Mademoiselle“ genannt werden will, die anrührende Geschichte ihrer unerfüllten, stets verschwiegenen Liebe an.

Es ist ihre Liebe zu dem Münchner Besatzungsoffizier Anton Baur. Unerfüllt bleibt sie, weil dieser noble Hauptmann nach drei Monaten des Weltkriegsjahres 1916 plötzlich abkommandiert wird und Adrienne nach einem ergreifenden Brief nie mehr von ihm hört.

Schriftstellerin Marie Gaté lebt in Gersthofen

Was ist geschehen? Darauf antwortet die von Fakt und Fabel, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit getragene Erzählerin Marie Gaté mit einer Illusion: Als wäre es das Finale eines Films, lässt die in Gersthofen lebende Autorin den Hauptmann Baur am 25. September 1918 in einer Stellung bei Verdun aufwachen, fest entschlossen, nach dem Totentanz so vieler Schlachten keinen Einsatz mehr zu befolgen, lieber für den Frieden als für den Krieg zu sterben: „Im Kerzenlicht, auf eine Munitionskiste gebückt, sitzt er auf einem Sandsack.

Wie ein Fremdkörper in einer von Granattrichtern und Massengräbern durchzogenen Mondlandschaft lässt sich ein Schmetterling auf den kahlen Boden nieder. Anton taucht in Adriennes tintenfarbene Augen und schreibt im schönsten Französisch einen Brief …“ Der wird im Buch als Faksimile wiedergegeben. Im Film würde er wohl mit Anton Baurs Stimme zu vernehmen sein – vielleicht unterlegt mit jener tristen Chopin-Étude, die er bei der Weihnachtsfeier 1916 gespielt hat und die später Mademoiselle Adrienne als Vinyl-Platte tröstet.

Marie Gaté  beschreibt Preußen auf riesigen Pferden

Diese Prosa besitzt cineastisches Volumen. Gleich Kamerafahrten sichtbar wird das Schlachten an den Fronten, das Großvater Eugène ein Bein und Großvater Jules die Lebenskraft kostet. Hören und Sagen erfolgen in Zeit- und Perspektivwechseln. Rückblenden holen Tiefenschichten hervor, so auf der „Route des Invasions“ auch das Kriegsjahr 1870 mit der „Erscheinung der auf riesigen Pferden montierten Preußen“.

Die Verschwisterung mit dem Kino ist so eng, dass jedem der 25 Kapitel knappe Film-Aperçus (zu Marcel Carné, Jean Renoir, Fellini und Godard bis Anthony Minghella und Sofia Coppola) vorangestellt sind.

Schon der Buchtitel ist Seh- und Hörbild. „Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt“ hat wieder mit Mademoiselle Adrienne zu tun. Die gestrenge Lehrerin erteilt ihrer „douce Marie“ auch in deren Ferienaufenthalten gründlich Unterricht. Sie rät, ihre Schulsachen wie Lebewesen zu behandeln. Ein Bleistift dürfe nie zu Boden fallen, sonst breche die Mine. „Der Klang eines Bleistifts, der herunterfällt, bricht mir seitdem das Herz.“ So heißt es im fünften Kapitel, das vom Klang des Schreibstifts zur Farbe von Buchstaben wechselt und mit dem Sonett „Vokale“ von Arthur Rimbaud endet.

Diese Berühmtheit des Département Ardennes ist nicht der einzig aufgerufene Dichtername. Auch Proust, Edmond Rostand, Saint-Exupéry oder Garcia Marquez gehören dazu – und Alphonse de Lamertine. Ihn zitiert Anton Baur beim Abschied von Adrienne: „O temps! Susponds ton vol …“ (O Zeit, halt ein deinen Flug …).

Längst vergangene Bilder tauchen im Debüt von Marie Gaté auf

Die Zeit von 56 Jahren verstreicht, da kehrt Marie aus einem internationalen Feriencamp heim und stellt Tatie Nenne ihren Freund Jan vor, einen Deutschen aus Niedersachsen. Erstmals bemerkt sie bei der Großtante „eine leichte Unsicherheit“ in ihren Augen.

Weitere Jahre später steht wieder ein junger Deutscher in Begleitung Maries vor Adrienne: Uwe aus Bayern. Da löst sich der Panzer, der sich um Mademoiselle gelegt hat. Sie holt Anton Baurs Brief hervor und offenbart ihre unerfüllte Liebe. Eine Zeitkapsel bricht auf und projiziert längst vergangene Bilder „auf die Filmleinwand des Bewusstseins“.

So formuliert Marie Gaté im Vorwort. Ihr Debüt hebt sich heraus aus der gängigen Memoir-Produktion. Es ist engagierte Literatur, Verdammnis des Krieges, Beschwörung des Friedens, Ortung der Historie. Es besitzt suggestive wie poetische Kraft und versteht sich auch auf Witz und Ironie. Kaum zu fassen, dass eine Autorin so auf Deutsch erzählt, deren Muttersprache doch Französisch ist.

Die Großtante von Marie Gaté starb mit 99 Jahren

Ihre „Träume einer literarischen Karriere“ bekennt Marie Gaté-Stallforth auf Seite 157 ihres Buches, wo sie als geforderte Arztfrau und Mutter diesen Träumen entsagt. Im Gespräch darauf hingewiesen, bricht es aus ihr hervor: O, sie habe schon als Kind gerne Geschichten erzählt und geschrieben. Bei ihrem Temperament drängt sich die Frage auf, warum sie, die sich im Buch selbst „Wirbel“ nennt, von Großtante Adrienne immer nur „ma douce“, meine Sanfte, gerufen wurde.

„Tatie Nenne“ hat diese Empfindung, als sie 1988 mit 99 Jahren starb, mit ins Grab genommen – wie übrigens auch, was nicht im Buche steht, das Medaillon Anton Baurs, ihrer unerfüllten Liebe.

Marie Gaté wurde 1955 in den französischen Ardennen geboren und lebt seit vielen Jahren in Gersthofen. Nach einem in Reims und Straßburg absolvierten Spanisch-Studium zog sie nach Deutschland und weiter mit einem Stipendium der spanischen Botschaft nach Valencia.

Hier wurde sie als Übersetzerin und Dolmetscherin in Französisch, Spanisch und Deutsch diplomiert und lernte den Medizinstudenten Uwe Stallforth kennen. Beide heirateten 1981 in Augsburg. Nach Geburt der Söhne Pierre und Manuel arbeitete sie als Lehrerin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Letzteres oft für Ausländer- und Justizbehörden. „Ich kenne also fast alle Gefängnisse Bayerns.“

Ihr polizeibekanntes Telefon klingelte auch, als eine betrunkene Spanierin völlig nackt in einem Oktoberfest-Bus tanzte. Solche Episoden verlangen geradezu ein Buch und sollen auch eines werden. Aber zuvor beschäftigt Marie Gaté die „Reise eines Gemäldes“ und die damit verknüpfte amerikanische Perspektive der Familie Stallforth.

2014 hat sie mit ihrem jetzt edierten Roman angefangen. Doch schon 2012 begann sie, die begeisterte Cineastin, als Mariega mit Beiträgen für das Filmportal Moviepilot – zunächst auf Französisch, dann erfolgreich auf Deutsch. „Da wusste ich, wie ich mein Buch über Adrienne schreibe.“

Marie Gaté: Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt. Stroux Edition, 228 S., 22 € – Bestellung auch unter verlagsservice@siegloch.de

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