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Vortrag

13.11.2019

Lion Feuchtwanger, der „Brechtflüsterer“

Tanja Kinkel
Foto: Michael Hochgemuth

Feuchtwanger und Brecht pflegten eine Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Schriftstellerin Tanja Kinkel stellt das kenntnisreich und amüsant dar.

„Ein junger Mensch bringt ein ausgezeichnetes Stück“, notierte Lion Feuchtwanger am 2. April 1919 in seinem Tagebuch über eine für sein Leben und Werk folgenreiche Begegnung in seiner Wohnung in der Münchner Georgenstraße. Jener „junge Mensch“ war Bert Brecht, der dem damals vor allem als Theaterkritiker und Dramatiker anerkannten Feuchtwanger seinen „Spartakus“ überbrachte, damit er ihn weiterempfehle.

Er habe das Stück „einem Doktor in München“ gebracht, schrieb Brecht am 4. April an seine Freundin Paula Banholzer. „Er wird etwas dafür tun, und das bringt uns Geld“. Tatsächlich war es Lion Feuchtwanger, der mit seinen besten Beziehungen zu Otto Falckenberg dafür sorgte, dass jenes Stück dann 1922 an den Kammerspielen unter dem Titel „Trommeln in der Nacht“ uraufgeführt wurde.

Bei aller Nähe blieben sie beim "Sie"

Darauf wies Brecht-Forscher Jürgen Hillesheim hin, als er am Dienstag zu einem Vortrag in der Staats- und Stadtbibliothek begrüßte, der nicht nur wegen seines Themas – die Freundschaft Feuchtwangers mit Brecht – auf großes Interesse stieß, sondern auch wegen seiner Referentin. Tanja Kinkel, bekannt und erfolgreich als Verfasserin zahlreicher historischer Romane, widmet sich als promovierte Germanistin der Literatur auch immer wieder in theoretischer Art. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Lion Feuchtwanger. Dass sie auch mit Bert Brecht etwas anzufangen weiß, bewies Kinkel vergangenes Jahr, als sie für unsere Zeitung eine Weihnachtsgeschichte mit dem Augsburger Dichter als Protagonisten schrieb.

In ihrem Vortrag nun widmete sie sich der bis zu Brechts Tod im Jahr 1956 andauernden Freundschaft der beiden Schriftsteller, die auch während ihres Exils – Feuchtwanger zunächst in Frankreich, Brecht in Schweden, beide gemeinsam dann in Amerika – andauerte. Darüber hinaus pflegten sie eine fruchtbare Arbeitsbeziehung, aus der Stücke wie „Warren Hastings“, „Eduard II“ und als letztes „Die Geschichte der Simone Marchand“ hervorgingen. Detailliert und belegt mit Zitaten aus Tagebüchern und Briefen legte Kinkel dar, wie die beiden sich in ihrer Arbeitsweise und Intention unterschieden, wie Brecht seine Texte aus der Gestik heraus entwickelte, wie es ihm um den gesellschaftlichen Standpunkt von Inhalt und Figuren ging, während Feuchtwanger psychologische Entwicklungen in den Vordergrund stellte. Kritik und Anregungen, gepaart mit frotzelnden Bemerkungen über die jeweiligen Eigenarten des anderen, tauschten sie in ihren Briefen aus, wobei sie bei aller Nähe stets beim „Sie“ blieben.

Amüsant Kinkels Bemerkungen über die Besänftigungsversuche Feuchtwangers, wenn ihn wieder einmal der Hilferuf eines Regisseurs ereilte, den störrischen Brecht doch zur Räson zu bringen. In Theaterkreisen galt Feuchtwanger als „Brecht-Flüsterer“, der so manche Inszenierung retten konnte, stellte Kinkel dar.

Die letzte Begegnung der beiden fand am 29. Oktober 1947, einen Tag vor Brechts Auftritt vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“statt. Als Feuchtwanger neun Jahre später Helene Weigels Telegramm mit der Nachricht vom Tode Brechts erhielt, brach er in Tränen aus. „Es fällt mir schwer, mich zurechtzufinden in einer Welt ohne Brecht“ schrieb er der Witwe zurück.

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