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Universität

18.07.2019

„Man merkt, dass du keine Deutsche bist“

Aylin Karabulut (links) und Christine Lang wurden mit dem Interkulturellen Wissenschaftspreis der Universität Augsburg ausgezeichnet.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Preisträgerinnen des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien gehen den Defiziten der Einwanderungsgesellschaft auf den Grund.

Je mehr Rot in einer Schulaufgabe, desto schlechter die Note. Bei Ayça wie bei Anja. Oder nicht? „In den Diskussionsrunden für meine Masterarbeit“, so Aylin Karabulut, „hat ein türkischstämmiges Mädchen berichtet, ihr Lehrer habe bei der Rückgabe einer Arbeit vor der ganzen Klasse erklärt: ‚Man merkt, dass du keine Deutsche bist.‘ Das hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Die Mitschülerin mit deutschem Namen und ebenso fehlerhaftem Text erhielt in der Situation keinen zusätzlichen Kommentar.

Karabulut studierte an der Universität Duisburg-Essen Lehramt und Bildungswissenschaften. Ihre Abschlussarbeit „Diskriminierungserfahrungen von Schüler*innen ‚mit Zuwanderungsgeschichte‘“ wurde jetzt mit dem Förderpreis für interkulturelle Studien der Stadt Augsburg, der Universität und des Forums Interkulturelles Leben und Lernen ausgezeichnet. „Latenter Rassismus ist wenig gezielt, aber häufig und sowohl beim Lehrer als auch im Erfahrungsschatz der Schülerin tief verankert“, so die Wissenschaftlerin. In verschiedenen Schulen untersuchte Karabulut acht Diskussionsrunden mit je etwa sechs 15- bis 18-Jährigen.

Das Vertrauen in Schule und Staat sinkt

Meist erlebten Schüler Rassismus von Lehrern. Starke Ohnmachtsgefühle waren die Folge, weil er auf unveränderliche Merkmale wie das äußere Erscheinungsbild und die Herkunft der Jugendlichen gerichtet ist. Die Schüler empfanden Schule als ein geschlossenes System, in dem die Anschuldigung als Skandal gilt, nicht die Diskriminierung. Karabulut: „In diesen Situationen sinkt das Vertrauen in Schule und Staat.“ Ihre Arbeit zählt zur in Deutschland noch jungen Disziplin der „Postcolonial Studies“, die die asymmetrischen Herrschaftsverhältnisse zwischen Mehr- und Minderheiten erforschen.

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Der eigentliche Wissenschaftspreis schließt in diesem Jahr sozusagen biografisch direkt an die Jugendlichen in Karabuluts Untersuchung an: Wie wählen Verwaltungen in der Migrationsgesellschaft ihr Personal, vor allem die Azubis aus? Ist die öffentliche Hand divers genug? Beteiligt sie alle Bevölkerungsteile an den oft mit hoheitlicher Macht ausgestatteten Aufgaben? Oder macht man es sich auf der „Bestenauslese“ bequem?

Christine Lang von der Universität Osnabrück widmete sich diesen Fragen und erforschte in Berlin über fünf Jahre die „Produktion von Diversität in städtischen Verwaltungen“. Sie fand heraus, dass Schüler oft nicht wissen, dass man bei Verwaltungen eine Ausbildung machen kann. Sie kennen in ihrem Community-Umfeld keine Beispiele dafür. Verwaltungen sollten demnach ihre Werbung ändern, mehr Praktika anbieten. Kurse im Vorfeld der Ausbildung könnten gezielt junge Frauen mit Migrationshintergrund einbinden.

Fixe Quoten seien dagegen langfristig eher kontraproduktiv, weil einzelne Negativerfahrungen dann von der Belegschaft pauschal auf „die“ Einwanderer zurückgeführt werden. „Die Verantwortlichen sollten zum Beispiel akzeptieren, dass es heute verschlungene Bildungswege gibt und die Bewerber später einsteigen können. Denn viele Einwandererkinder machen Abitur und starten dann ins Studium. Oft merken sie, dass es nicht passt. Diese Menschen sind als Bewerber nicht schlechter, sondern nur älter als die Schulabgänger und sollten nicht pauschal aussortiert werden“, empfiehlt die Wissenschaftlerin.

Um den zum 21. Mal vergebenen interkulturellen Wissenschaftspreis, der mit 5000 Euro dotiert ist, konkurrierten in diesem Jahr 14 Einreichungen. Für den Förderpreis mit 1500 Euro bewarben sich heuer 30 Arbeiten.

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