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Porträt

15.04.2019

Martyn Schmidt will der Stimme eine Stimme geben

Bild: atemwerft

Sprachkünstler Martyn Schmidt widmet sich seit über 20 Jahren der Lautpoesie. Dafür hat er sein eigenes Label gegründet und geht jetzt im Abraxas auf die Bühne.

Manchmal reicht ein kurzes Erlebnis, um für ein ganzes Leben inspiriert zu werden. Bei Martyn Schmidt war das so. Er saß 1995 vor dem Fernseher, als der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wurde. Er ging an den österreichischen Schriftsteller Stefan Griebl alias Franzobel für sein Werk „Die Krautflut“. Durch Franzobels eigenwilligen Umgang mit Wörtern fühlte sich Schmidt „wachgerufen“. Seine Freude an der Sprache war geweckt und führte den heute 49-Jährigen auf einen besonderen Weg.

In Aalen auf der Ostalb geboren griff er 1997 in Augsburg sein Studium auf. Er studierte Germanistik, Pädagogik und Psychologie – wobei er sich vorrangig für Lyrik interessierte und weniger für Prosa. Für Schmidt entwickelt sich der Spaß an der Sprache mit ihrem Fluss. „Texte entfalten sich, wenn sie laut gelesen werden“, sagt er. Spoken Word ist, was ihn interessiert und in welchem Bereich er viel ausprobiert.

Mit weniger gefälligen will Martyn Schmidt punkten

Zunächst trug er seine Texte bei Poetry-Slam-Veranstaltungen vor und vertrat mal München, mal Augsburg 1999, 2001 oder 2003 bei den deutschen Meisterschaften. „Das war eine tolle Sache, aber letztlich doch nicht meins“, sagt er. Denn er will weniger mit gefälligen Texten beim Publikum punkten, als sich von der Sprache tragen lassen. Mal mit Unterstützung von Klängen, Musik, Gesang oder einer Loop-Station, mit der Effekte erzeugt werden können.

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Als Slam-Master Horst Thieme im vergangenen Jahr das 20-jährige Bestehen des Slams in Augsburg feierte, war Martyn Schmidt ebenfalls mit von der Partie. Aber nicht mehr als Poetry-Slammer, der er anfangs einmal war, sondern als Grenzgänger zwischen Sprache und Musik, zwischen Klang und Lyrik. Heute sieht sich Schmidt als Klangpoet, jemand der sich im Genre der Lautpoesie bewegt. Zweifelsohne eine Nische, wie er bestätigt. Ein Format, das nicht überall reinpasst und nicht immer nachgefragt wird.

Über das Internet findet er Künstler und Interessenten

Deshalb wurde Martyn Schmidt selber tätig. 2013 gründete der Augsburger das Label „atemwerft“, das sich in Sprachkunst und Lautpoesie der menschlichen Stimme widmet. Inzwischen hat Schmidt, der das Label in seiner Freizeit betreibt, Beiträge aus Deutschland, Vietnam, Brasilien, Frankreich oder aus Italien veröffentlicht. Das Internet macht es möglich, dass sich der Kreis von Künstlern und Interessenten auf diesem Weg findet. „Damit verdiene ich kein Geld“, sagt Martyn Schmidt. Er sei nicht Künstler geworden, um Kompromisse zu machen. Er mache es, weil er davon fasziniert ist.

Im vergangenen Jahr hielt er in verschiedenen Städten in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen einen Vortrag über die Stille. Für ihn ein spannender Zustand, denn wer sich in die Stille begibt, könne sich mitten im eigenen Unruhezustand wiederfinden. „Dann muss man sich mit sich selber auseinandersetzen“, erklärt er. Ausgangspunkt war das 200-jährige Jubiläum des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ im vergangenen Jahr.

Zwölf Warnungen vor der Stille

Martyn Schmidt machte sie auf die Suche nach der Stille, etwa nach Bibelstellen, die sich um Stille und Ruhe drehten. Er fand sie auch woanders. „Stille ist immer ein Thema, auch bei Rainer Maria Rilke, Paul Celan oder Antoine de Saint-Exupéry. Es liegt eine große Ambivalenz zwischen Stille und Sprache“, sagt er. Ein Spannungsfeld, das ihn weiterhin beschäftigt. In diesem Jahr will er selber eine CD veröffentlichen. Zwölf Warnungen vor der Stille, zwölf Texte, die von der Stille handeln. „Die Sprache ist eine Antwort darauf“, sagt er. Sprache sei Handeln, Sprache sei Kunst.

Ihr will er nicht ohne Absicht ausgerechnet am Welttag der Stimme eben diese geben. Am Dienstag, 16. April, veranstaltet er in Kooperation mit „loop30 – der Hör-Raum im Kulturhaus Abraxas“ den Abend „Voice works – Stimmen bestimmen“, in dem er sich mit Gästen aus Gesang, Logopädie und Klangkunst den existenziellen und ästhetischen Bedeutungen der menschlichen Stimme widmet.

Für die stimmliche Darbietung wird unter anderem Sängerin Beatrice Ottmann sorgen, Sprach- und Klangkünstler Gerald Fiebig wird sich am Gespräch beteiligen, genauso wie Lehrlogopädin Hannelore Böhnke. „Es werden auch zwei Klienten anwesend sein, denen der Kehlkopf entfernt werden musste. Sie haben den Mut mit aufzutreten und zu zeigen, wie es ist, mit einer künstlichen Sprache oder einer Speiseröhrenstimme zu sprechen“, sagt Martyn Schmidt.

„Voice works – Stimmen bestimmen“ findet um 19.30 Uhr im Ballettsaal des Abraxas-Theaters statt. Karten gibt es an der Abendkasse.

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