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Malerei

22.02.2021

Misereor Hungertuch: Weiter Raum für einen zertrümmerten Fuß

Das Misereor-Hungertuch 2021 der Augsburger Künstlerin Lilian Moreno Sánchez.
Bild: Dieter Härtl/Misereor

Plus Die Augsburger Künstlerin Lilian Moreno Sanchez gestaltete das neue Misereor Hungertuch. Hoffnung für Chile spielt darin eine Rolle.

Geht man so mit guten Stoffen um? Die Künstlerin Lilian Moreno Sánchez aus Augsburg zog die weißen Damasttücher durch den Straßenstaub von Santiago de Chile und sie besudelte ihn mit gelblichen Flecken von Leinöl, als wäre es Wundsekret. Authentische Spuren sollte das Textil aufnehmen. Die glatte Struktur des Stoffes störte die Künstlerin zusätzlich, indem sie ihn einriss und Falten einnähte. Erst dann ging Moreno Sánchez ans Malen und verlieh dem neuen Hungertuch der Misereor-Fastenaktion seine eindringliche Aussage.

In ihrem dreiteiligen, großdimensionierten Bild spielt der menschliche Fuß eine zentrale Rolle. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – die Kraft des Wandels“ lautet das Motto des katholischen Hilfswerks Misereor. Füße tragen uns, sie geben Halt, sie können tanzen, aufstampfen, im Gleichschritt marschieren oder weite Strecken erwandern. Auf den Füßen bekommt der Mensch seinen aufrechten Gang. Freilich: Der Fuß, den die aus Chile stammende, in Augsburg arbeitende Künstlerin Lilian Moreno Sánchez zeigt, ist schwer verletzt. Der Fuß gehört zu einem Menschen, der bei einer Demonstration gegen die Ungerechtigkeit im Land in Santiago durch die Polizei zertrümmert worden ist. Zugrunde legte die Künstlerin ein ärztliches Röntgenbild.

Das Misereor-Hungertuch 2021 der Augsburger Künstlerin Lilian Moreno Sánchez
Bild: Dieter Härtl/misereor

Länger schon verwendet Moreno Sánchez diesen Blick unter die Haut. Röntgenbilder machen innere Leiden sichtbar. In ihrem Fastentuch verbinden sich Inneres und Äußeres, Körperliches und Politisches. In ihrer südamerikanischen Heimat spürt sie den Frust vor allem der jungen Generation, denen Bildungschancen verweigert werden, sofern sie nicht zu der gut verdienenden Schicht gehören. Im Oktober 2019 protestierten in der Hauptstadt tausende Chilenen gegen ungerechte Verhältnisse. Dabei starben 26 Menschen, mehr als 4900 wurden verletzt. Die UN warf der chilenischen Polizei schwere Menschenrechtsverletzungen vor.

Die Künstlerin glaubt an die Kraft des Wandels

„Der Mensch in seiner existenziellen Situation hat mich in meiner Kunst immer beschäftigt“, sagt Moreno Sánchez. Aus der Plaza Italia, wo sich die Polizeigewalt in Santiago entlud, ist inzwischen der „Platz der Würde“ geworden. Wenn die Malerin darauf Bezug nimmt, geht es ihr um Heilung im ganzheitlichen Sinn. Eben um die „Kraft des Wandels“, die eine unerträgliche Situation verändern kann. Moreno Sánchez bezieht das auch auf die Corona-Krise. „Es geht nicht nur darum, die Krise durchzustehen, wir brauchen eine innere Kraft, um etwas zu ändern.“

Woher diese Kraft kommt? Lilian Moreno Sánchez streut vergoldete Blüten auf ihre Leinwand und manche Naht hat sie mit einem goldenen Faden gestichelt. Sie will damit sagen: Langsam blüht etwas auf, etwas Neues, Hoffnungsvolles entsteht aus dem Leiden der Vergangenheit, die Risse verheilen. „Ich bin auf der Suche, eine Überwindung alter Verhältnisse zu ermöglichen“, sagt sie.

Als Leinwand dient Bettwäsche aus einem Kloster und einem Krankenhaus

Der Fuß, den sie mit schwarzer Kohle zeichnet, ist kein rein medizinischer Befund. Zehenknochen sind zu sehen, aber die Linien kräuseln sich in einem ebenso tänzerischen wie schmerzlichen Durcheinander. „Das Triptychon bietet mir die Möglichkeiten, das Ganze im Detail zu bringen. Jedes der drei Teile trägt eine andere Intention“, so die Künstlerin. Ihr Fuß schreitet aus der Verletzung wieder ins Weite.

Die Leinwand hat Lilian Moreno Sánchez, die nach dem Kunststudium 1995 mit einem Stipendium nach Deutschland kam, aus dem Wäscheschrank eines Frauenklosters und aus einem Krankenhaus. Das Material hat eine Person umhüllt, es trägt gewissermaßen Erinnerung in sich. Wie die Künstlerin selbst, die immer noch an ihrer Heimat hängt.

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