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Staatstheater Augsburg

10.05.2020

Mit der Unsicherheit kämpfen die Augsburger Philharmoniker besonders

Momentan zur Untätigkeit verpflichtet: Augsburgs Philharmoniker mit Domonkos Héja (vorne rechts).
Bild: Andreas Pohlmann

Plus Das Orchester des Staatstheaters Augsburg hat seit zwei Monaten kein Konzert mehr gegeben, auch Proben ist untersagt. Wie gehen die Musiker damit um? Und wie geht es weiter?

An allen Ecken und Enden fährt das Land jetzt wieder hoch – davon ausgenommen, bis auf Weiteres, sind jedoch weite Teile des Kulturlebens. Die Musik gehört dazu, folglich sind auch die Orchester davon betroffen: keine Konzerte, kein Kontakt unter Musikerkollegen. „Das tut weh“, sagt Domonkos Héja, Chef der Augsburger Philharmoniker, die Anfang März zuletzt ein Konzert bestritten haben. Seither ist das Ensemble, das nicht nur Sinfoniekonzerte gibt, sondern als Orchester des Staatstheaters Augsburg auch zentraler Bestandteil der Musiktheater-Sparte ist, infolge von Corona lahmgelegt in seiner Funktion. „Ganz seltsam“ fühle sich das an, sagt Generalmusikdirektor Héja, und es dürfte wohl niemanden unter den gut 70 Philharmonikern geben, der nicht Ähnliches empfände.

„Es fehlt einfach die Hauptsache“, klagt Karl Orthofer von den 1. Geigen, „das Zusammenspiel mit den Kollegen“. Und Soloklarinettistin Bettina Aust erzählt, dass man sich, bevor Corona kam, doch sehr gefreut hatte auf das, was da in der zweiten Hälfte der Saison 2019/20 hätte aufgeführt werden sollen. Eine Freude, die ins Leere lief.

Von der Politik wünschen sich die Musiker mehr Klarheit

Womit die Musiker und ihr Chefdirigent besonders zu kämpfen haben, ist die anhaltende Ungewissheit, wann der Konzertbetrieb wieder anlaufen kann. Von der Politik würde man sich diesbezüglich mehr Klarheit, ja auch mehr Einsatz wünschen. Domonkos Héja verweist auf die Rede des bayerischen Ministerpräsidenten in dieser Woche zu den vorgesehenen Lockerungen. „Da kam die Kultur ganz am Ende“ – und dann waren nicht einmal konkrete Perspektiven für Theater und Konzerte genannt. Gut, in der kommenden Woche gibt es eine Schalte von Generalmusikdirektoren im Freistaat mit dem bayerischen Kunstministerium. „Aber das hätte schon vor zwei, drei Wochen stattfinden sollen“, findet Héja.

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Trotz aller aktueller Beschränkungen, eines ist Orchestern und damit auch den Philharmonikern nicht verboten: das individuelle Musizieren. „Geige spielen macht trotzdem Spaß“, sagt Karl Orthofer und spricht damit gewiss im Sinne seiner Kollegen. In den eigenen vier Wänden wird derzeit ausgiebig am Instrument geübt, und es wird auch viel musiziert im familiären Verbund – mal wie Bettina Aust mit dem Bruder, mit dem sie sowieso ein festes Kammermusik-Duo bildet, mal wie Karl Orthofer mit der Ehefrau, die Kirchenmusikerin ist.

Es wird auch – ein gar nicht seltener Fall in diesem Orchester – unter philharmonischen Eheleuten musiziert wie etwa bei Dace Salmina und Werner Fritzen, Geeta Abad und Mehmet Ali Yücel oder Johanna und Frank Lippe. Fernerhin wird die Auszeit für das Sichten und Entdecken von Neuem genutzt, für das Stöbern in Notenstapeln, die immer schon bewältigt werden wollten, und für das Anspielen noch unbekannter Stücke.

Auch die Augsburger Philharmoniker nutzen die Zeit für digitale Entdeckungen

Wie bei vielen ihrer Branchen-Kollegen ist die Corona-Pause bei den Philharmonikern aber auch eine Zeit der Entdeckung digitaler Möglichkeiten. Bettina Aust etwa ist neben ihrer Tätigkeit im Orchester noch Lehrbeauftragte am Leopold-Mozart-Zentrum. Mittels Computer und Video gibt sie weiterhin Unterricht an der Klarinette. „Ich bin erstaunt, wie gut das funktioniert“, sagt sie und erzählt, wie sie mit den Möglichkeiten des Mediums experimentiert.

Und dann gibt es da noch die Initiative, die Orchesterchef Héja angestoßen hat. „Lernen wir uns kennen“, heißt das Youtube-Format, in dem sich einzelne Orchestermitglieder in kleinen selbstproduzierten Videos dem Online-Publikum vorstellen. Ein Muss für Freunde der Augsburger Philharmoniker – man fragt sich, weshalb der Klangkörper nicht schon früher auf diesen garantiert gewinnträchtigen Beitrag zur Bindung des Publikums gekommen ist.

Ob Streicher, Holz- oder Blechbläser, Schlagzeuger oder sonstiger Instrumentalist: Alle sehnen den Tag herbei, an dem sie wieder gemeinsam live vor Publikum spielen können. Beim jetzigen Stand der Dinge ist aber nicht nur der Zeitpunkt ungewiss, sondern auch die Frage, in welcher Weise dann das Orchester auf der Bühne agieren kann: Stichwort Abstandsregelung. Domonkos Héja geht derzeit davon aus, dass die Streicher nicht wie sonst pultweise Schulter an Schulter beieinander sitzen, sondern in einem Abstand von 1,5 Meter gestaffelt sind.

Von diesen Abstandsregeln im Orchester ist die Rede

Die Bläser hingegen, die vermehrt Atemluft ausstoßen, sollen einen Radius von fünf freien Meter bis zum nächsten Orchesterkollegen bilden – das, sagt Héja, sei ihm behördlich signalisiert worden. „Fast unmöglich, unter diesen Bedingungen Musik zu machen“, stöhnt der GMD. Selbst wenn man ein Stück spielen würde, das mit lediglich zwei Flöten und zwei Oboen zu besetzen ist, käme schon eine Auseinanderdriften der Bläsergruppe von 20 Metern zustande – in klanglicher Hinsicht ein Unding.

Wie auch immer die Abstandsregeln am Tag X, wenn es wieder losgeht, ausfallen werden: Flexible Programmplanung ist gefragt. Vielleicht, sagt Héja, wird realistischerweise nur mit Streichern zu musizieren sein. Auf jeden Fall aber dürften für den Rest des Jahres die philharmonischen Programme allein Werke für überschaubare Besetzungen aufweisen, also gewiss keine große Sinfonik. Héja hofft jedoch, diese mit Beginn des nächsten Jahres wieder aufführen zu können. „Wir sind schließlich ein Sinfonieorchester!“

Auch Karl Orthofer ist schon ungeduldig, will endlich wieder die großen Orchesterkracher spielen vom Schlage einer „Sinfonie aus der Neuen Welt“, bei der, wie der Geiger schwärmt, „einem auch nach Jahrzehnten im Orchester noch Schauer über den Rücken laufen“. Mit solchen Hoffnungen auf die Zukunft dürfte er unter seinen Kollegen gerade nicht alleine sein.

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