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Neue Reihe

19.03.2019

Mitdenken und mitreden erwünscht!

Barbara Staudinger und Marcus Llanque beim ersten „Denkraum“.
Bild: O. Wolff

Der „Denkraum“ startete im Jazzclub. Es ging dort um das Leben und Wirken von Hannah Arendt

Die Idee ist so einfach wie genial: Man trifft sich nach Feierabend bei einem Glas Wein, hört einen Vortrag über ein gesellschaftliches Thema, erarbeitet in kleinen Diskussionsrunden Fragen und stellt diese schließlich an den Referenten. Ungefähr das ist das Konzept von „Denkraum“, einer neuen Reihe des Friedensbüros der Stadt Augsburg in Kooperation mit der Volkshochschule. Die erste Veranstaltung fand am Montagabend im Jazzclub statt. Christiane Lembert-Dobler zeigte sich in Ansprache überwältigt vom Gästeansturm – das Publikum saß und stand dicht an dicht. Beim ersten „Denkraum“ ging es um das Vermächtnis von Hannah Arendt, deren Theorie laut Lembert-Dobler „unbequem, herausfordernd, wegweisend, aber auch nicht ganz unumstritten“ gewesen sei.

Als Gäste waren Moderatorin Barbara Staudinger vom Jüdischen Museum und Redner Prof. Marcus Llanque vom Lehrstuhl für Politische Theorie an der Universität Augsburg geladen. Nach einem kurzen biografischen Überblick auf das Leben und Wirken von Hannah Arendt – die deutsch-jüdische Publizistin wurde 1933 vertrieben und lebte schließlich bis zu ihrem Tod in Amerika – erklärte Llanque ihre Denkmuster. So habe Arendt die Betonung des Begriffs „Flüchtling“ als Schimpfwort empfunden und konnte sich damit nicht identifizieren. Die Idee der Menschenrechte sei für sie das Produkt nobler Herkunft gewesen. Arendt würde immer wieder irrtümlich als Pazifistin verstanden. Sie selbst habe sich dagegen als „Realistin“ gesehen, sie habe gar eine militante Einstellung vertreten. Ihr reiche nicht der Ausruf: „Ich habe doch Menschenrechte!“ Llanque zitierte die Politik-Theoretikerin sinngemäß. Man verliere demnach seine Rechte wieder, wenn man nicht mit ihnen handle.

Menschenrechte beruhen auf Vereinbarungen

Arendt umschifft die moralische Sackgasse, indem sie die Begrifflichkeit austauscht. Man solle eher von „Menschenpflichten“ reden. Der Menschenrechtskatalog ließe Menschen glauben, sie hätten die Menschenrechte von Geburt an. Laut Hannah Arendt sei dies falsch: Sie beruhen nur auf gegenseitigen Vereinbarungen. Llanque machte das an einem Gedankenexperiment fest: „Wenn alle Menschen sterben würden, hätte der letzte noch lebende Mensch ein Menschenrecht?“

Mitdenken und mitreden erwünscht!

Menschenrechtsverletzungen resultieren laut Arendts Theorie vor allem daraus, dass „Menschen schlecht denken“. Menschenwürde habe nicht den Sinn, zu überleben. Es könne auch ein Kennzeichen dafür sein, für etwas zu sterben. Llanque erklärte: „Aus ihrer Biografie kann man ableiten, dass man nicht unbedingt in Sicherheit leben muss, um in Menschenwürde zu leben.“

Man spürte förmlich, wie es anschließend in den Köpfen des Publikums auf Hochtouren ratterte. In kleinen Gruppen ging es um das eben Gehörte. Man kam dort schnell zu den Problemen, vor denen einen das Denken Hannah Arendts führt. Kann man andere Menschenrechte verletzen, um andere oder seine eigenen zu schützen? Die Gruppe wusste darauf keine Antwort. Aber das war vielleicht auch gar nicht so wichtig. Denn dieser neue „Denkraum“ öffnete einem gleich die Tür ins Gespräch mit anderen Gästen. Eine erfrischende Weise, einen Frontalvortrag lebendig zu gestalten. Dazu umrahmte die Sängerin Eva Gold den Abend musikalisch.

Wer neugierig geworden sein sollte auf den nächsten „Denkraum“, benötigt Geduld. Er findet am 30. September statt. Dann wird dort Autorin Sophie Passmann zu Gast sein.

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