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Augsburg

22.01.2019

Nachruf: Max Kaminski zwischen Lebensreigen und Totentanz

Im November 2004: Max Kaminski vor zwei seiner „Judith“-Großformate der Ausstellung im AZ-Medienzentrum.
Foto: Fred Schöllhorn

Max Kaminski arbeitete wie ein Berserker mit ostpreußischer Disziplin. Aus seinen Bildern spricht ein Tragiker. Am Sonntag ist er im Alter von 80 Jahren gestorben.

Es war kein gutes Omen, dass die beiden Augsburger Ausstellungen zu Ehren des 80-jährigen Max Kaminski im April und Juni 2018 (Glaspalast und Ecke Galerie) ohne den Geehrten eröffnet wurden. Und es war kein gutes Omen, dass auf beiden Einladungskarten eine matt herabbrennende Kerze zu sehen war – ein Hauptmotiv des Malers als Sinnbild für das unabwendbare Erlöschen menschlichen Daseins. Nun ist das Dasein Kaminskis im Kampf gegen eine tückische Erkrankung erloschen, nachdem seine ungeheure Lebens- und Schaffenskraft schon seit dem Tod seiner Frau Marianne 2013 gebrochen war. Kaminski starb am 20. Januar 2019.

Dieser Verfall eines Mannes, der gerne die Freuden der Geselligkeit und ebenso die schöpferische Einsamkeit des Ateliers gesucht hat, nahm sich wahrhaft tragisch aus. Das Ende eines Tragikers – denn als ein solcher spricht er zumal in seinen späteren Leinwand- und Papierbildern. „Male auch lustige Bilder, das mögen und kaufen die Leute doch lieber“, soll Marianne Kaminski ihrem Mann einmal geraten haben. Obwohl er sie gewöhnlich als wahre Instanz schätzte, konnte er nicht aus seiner Haut.

Eine zerbrochene Welt ist das Thema von Kaminskis Malerei

„Das Thema von Kaminskis Malerei ist eine zerbrochene Welt, von der Schönheit eines kaputten Spielzeugs.“ So hat es Fabrice Hergott, ehemaliger Generaldirektor der Straßburger Museen, in seiner umfänglichen Kaminski-Abhandlung von 2003 auf den Punkt gebracht. Ja, das kaputte Spielzeug, die beschädigte Kindheit, als Kaminski 1943 mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Brüdern seine Geburtsstadt Königsberg (heute Kaliningrad) verlassen musste, um vor der anrollenden Front westwärts zu fliehen und dabei Schreckliches wie den Luftangriff auf einen Flüchtlingszug erlebte. Es hat den Anschein, dass Kaminskis künstlerisches Schaffen auch das Abarbeiten eines Kindheitstraumas darstellt.

Verlust und Vergänglichkeit, Verheerung und Tod, verborgenes Unheil in Landschaft und Garten, dunkles Aufflammen der Ölfarben, selbst die provenzalische Sonne diffus. Kurzum: Es herrscht eine dämonische Grundstimmung in dieser expressiven, symbolträchtigen, surrealen Malerei des Gegenständlichen. Immer gegenständlich, obwohl der Oldenburger Abiturient Kaminski doch Meisterschüler des Informel-Vertreters Hann Trier (1915-1999) an der Berliner Hochschule der Künste wurde. Möglicherweise hat ihn die Zeit, die er mit seinem Schul- und Studienfreund Gerd van Dülmen von 1960 bis 1962 mit aufregend gegenständlichen Abenteuern in Mittel- und Südamerika verbrachte und dabei seinen Taufnamen Gerd für Max ablegte, immunisiert gegen das damals fast verpflichtende Informel. Das hat er gemein mit seinen alten Freunden Lüpertz, Immendorff, Baselitz – mittlerweile allesamt zeitgenössische Klassiker.

Gelegentlich übte er Golfschwünge im Atelier

Die Leiter nach oben kennzeichnen Stipendien für Paris und (als Villa-Romana-Preisträger 1971) für Florenz, Teilnahme an der „documenta 6“ in Kassel (1977), Ernennung zum Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1980), Schaffensphasen in Marseille (seit 1992), München/Ödenpullach (seit 1997), Mexiko-Stadt (2000/2001).

Der Maler Max Kaminski in seinem Atelier im Augsburger Fabrikschloss.
Foto: Fred Schöllhorn


All die Jahre verbunden mit zig Einzelausstellungen in (nach dem Alphabet) Berlin, Buenos Aires, Chicago, Florenz, Madrid, Mexiko-Stadt, Paris, Rom, Saint-Tropez, Straßburg, Stuttgart, Zürich. Und dann auch Augsburg, wohin Kaminski 2003 zog. Wer ihn dort in seinem weiträumigen Atelier im „Fabrikschloss“ besuchte, traf ihn in einem farbverschmierten Dress an, mit verschiedenen Staffelei-Bildern gleichzeitig befasst, auf dem Boden zeichnerische Kompositionsstudien, mit denen er morgens seinen oft zehnstündigen Arbeitstag begann. Zur Auflockerung übte er, ein Meister dieser Sportart, gelegentlich mit einem bereitstehenden Golfschläger. Piekfein, wie er es betreten hatte, verließ er das Atelier abends wieder – ein Kunstberserker mit ostpreußischer Disziplin.

Beschäftigung mit Geschichte und Literatur

Seine Bildwelt ist eine Verkettung von biografisch bedingten Arbeitsreihen, wobei menschliche Figuren erst Anfang der 1980er Jahre in Erscheinung treten und sich meist aus Kaminskis Beschäftigung mit Geschichte und Literatur herleiten. Da ist Empedokles, der sich in den glühenden Ätna stürzende Vorsokratiker. Da ist die alttestamentliche Judith, die dem Holofernes vor dem (1944) brennenden Augsburger Rathaus das Haupt abschlägt. Da ist aber auch häufig die Andeutung seines eigenen Porträts – verrätselt, fragmentarisch, wie das typisch für seine Bildsprache ist.

Eine der letzten Augsburger Kaminski-Präsentationen war eine besondere: Sein Malschüler, Kurator, Sachwalter Sebastian Lübeck zeigte sie 2015 in seiner Ausstellungs-Reihe „contemporallye“, und zwar in der damals leer stehenden Halle B12 des Martini-Parks. Lebensreigen und Totentanz bündelten sich, so wie es jetzt an selber Stelle, zur Spielstätte des Theaters umfunktioniert, auf der Bühne geschieht.

Das hätte Max Kaminski gefallen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

25.01.2019

Als Handwerker kannten wir ihn vom Fabrikschloss!
Schade um den Mann.
Wir haben ihn gern gehabt.
Er war ein sympathischer feiner Kerl.

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