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Lesung

06.09.2020

Nur der Pfau ist bei der Literatur im Tiergarten besoffen

In diesem Jahr zum ersten Mal im Zoo: Die Literatur im Tiergarten geht mit Gerald Huber und Maria Reiter zu Ende, die am Samstagabend die Lachmuskeln des Publikums strapaziert haben.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Gerald Huber und Maria Reiter beenden die diesjährige Reihe von Literatur im Tiergarten. Es geht um Sprache in Nord und Süd.

Zur letzten „Literatur im Tiergarten“ meldete sich der Pfau nochmals zu Wort, doch gestört hat sein Geschrei in „Bayerische Viechereien aus Hubers Bairischer Wortkunde“ weder den Rezitator Gerald Huber, noch die wunderbare Akkordeonistin Maria Reiter und auch nicht die Besucher. Überhaupt würde sich die in der Zoogaststätte erlebte Unterweisung in Sachen Sprache und Lautverschiebung vom Süden (Römisches Reich) nach Norden (Germanien) als Seminarangebot für Germanistikstudenten der Uni Augsburg eignen!

Augsburger Gourmetköche könnten die dank der Buchhandlung am Obstmarkt für Augsburg konzipierte einmalige Lesung auch als Rezeptvorlage für die bairisch-österreichische Küche hernehmen. Wie Huber nachwies, ist der Truthahn nämlich der süd- und hochdeutsche Begriff, die Pute dagegen „eindeutig ein Produkt der Nordschnute“.

Bei der Literatur im Tiergarten geht es auch tierisch zu

Im Wortkunde-Kapitel vom „Stierkampf gegen die Bullen“ wies er auf den männlich entscheidenden Unterschied zwischen Bulle und Stier hin und verkniff sich nicht die Feststellung, dass „was a g’scheiter Stier ist, weniger Hörner aufgesetzt kriegt“. Beim Vergleich zwischen „Geiß und Zicke“ spielen die Fortpflanzungsmerkmale keine Rolle, dafür der Unterschied zwischen einem extrastarken Bockbier und einer Goaß. Letztere, auch Geiß genannt, ist ein schwaches Bier und eine Erfindung der Jesuiten. Der Begriff „Geiß“ gilt dabei von Süd- bis Westdeutschland. Bestes sportliches Beispiel: 1 FC Köln – die Geißböcke.

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In einer lachmuskelstrapazierenden Lesung in Augsburg darf der Blick über den Zoo-Zaun hinausgehen. Gerald Huber erörterte im Buchkapitel „Wo der Buttervogel schmettert“, wie „Schmer und Schmieren“ an den tschechischen Wortstamm smetana grenzen, in Norddeutschland zum Schmand werden und schließlich als „Schmetterling“ über Sommerwiesen flattert, am deutlichsten zu erkennen im englischen butterfly.

Woher der Kaiserschmarrn wirklich stammt

Dass Musikerin Maria Reiter zu derlei Worterklärungen die passenden Töne einfielen, und dass Gerald Huber auch singend Dialektfärbungen beherrscht, war ein weiteres köstliches Vergnügen.

Vom „Schmand“ ist es zum „Schmarrn“ nur ein kleiner wortkundlicher Schritt und damit auch zum Kaiserschmarrn. Dass sich dieses süße Gericht von Kaiser Franz Joseph I. ableitet, steht zwar in Wikipedia, sei aber falsch, erklärte Huber. Wahrscheinlicher sei es, dass der aus Palatschinken gefertigte „Kaiser“-Schmarrn von der Kaser, dem österreichischen Begriff für Senn stamme und deshalb eine Armeleute-Speise war. Selbst der Kaiser hätte ursprünglich Kaser-Schmarrn gesagt. Vom „Weaner Schmäh“ ist es sprachtechnisch nur ein Katzensprung zum bairischen Schmus (= Gerede, Geschwätz)! Auch das konnte nachvollziehbar erklärt werden.

Zum Schluss der jährlichen „Literatur im (Bier-)Tiergarten“ schrie noch einmal der Pfau auf, was für Veranstalter Kurt Idrizovic eine Steilvorlage zum Schlusssatz war. Frei nach Bert Brecht und Marcel Reich-Ranicki erklärte er: „…den Vorhang zu und alle Fragen offen, und nur der Pfau, der ist besoffen!“

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