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Sommerserie

26.08.2020

Pfersees sündige Meile und die segensreichen Schwestern

Manchmal wären drei Hände zum Mitschreiben und noch ein paar Ohren mehr zum Zuhören nicht schlecht: Kaum schlägt die Kirchturmglocke von Herz Jesu 17 Uhr, kommen die Pferseer von allen Seiten, um uns ihre Geschichten zu erzählen.
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Manchmal wären drei Hände zum Mitschreiben und noch ein paar Ohren mehr zum Zuhören nicht schlecht: Kaum schlägt die Kirchturmglocke von Herz Jesu 17 Uhr, kommen die Pferseer von allen Seiten, um uns ihre Geschichten zu erzählen.
Bild: Denis Dworatschek

Plus An unserem letzten Dienstag bringen Besucher Taschen voller Erinnerungen und Geschichten mit. Dorf, Industriezentrum, US-Armee-Standort, Familienidyll.

Es gibt solche Tage im Berufsleben von Journalisten, da wünschte man sich drei Hände zum Mitschreiben und, warum nicht, fünf Ohren zum Zuhören sowie ein Paar Augen im Hinterkopf. Es brummt und summt an diesem Dienstag in Pfersee wie in einem Bienenstock. Um unsere mobilen Schreibtische sitzen und stehen und plaudern die Besucher. Zum Finale unserer Sommerserie kommen einige, die wir in den vergangenen Wochen kennengelernt haben – aber vor allem Leute, die sich unbedingt noch einbringen wollen, bevor wir am Abend zum letzten Mal unseren VW-Bus packen und abreisen.

Windböen fegen Schwarz-Weiß-Fotos von Messdienern vom Tisch, blähen alte Stadtpläne auf wie Segel und blättern durch Bücher. Josef Wachter war Messdiener in Herz Jesu in den 1950er Jahren. Da, wo wir jetzt sitzen, sei damals sonntags immer Betrieb gewesen, „es gab sechs Mal Gottesdienst, und die Kirche war immer voll“. Herz Jesu steht an der Augsburger Straße, Pfersees Lebensader. Diese Straße, sagt Josef Wachter, galt nicht nur unter Ministranten in den 1950er und 60er Jahren als „die sündige Meile Pfersees“.

Hier lagen die Lokale, die von den amerikanischen GIs besucht wurden und in denen auch immer Betrieb war. Klangvolle Namen! Wachter kennt sie alle noch: Orlando Bar, Western Saloon, Atlantik Bar. Pfersee, das Dorf, das um 1850 noch 900 Einwohner hatte, zur Jahrhundertwende aber durch die rasante Industrialisierung 11000, hat eine bewegte Geschichte. Josef Wachter fasziniert bis heute, wie damals Dorf und Industrie „zusammengingen“. Er erinnert sich, wie oft ihm „die Augen tränten von dem, was aus den chemischen Fabriken durch die Straßen wehte.“

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An unserer Pfersee-Wissensbörse erfahren wir überraschend Neues

Über die Geschichte der Industrialisierung hat Renate Weggel in den 1990er Jahren geschrieben. „Pfersee: Dorf – Industrie – Vorort“ heißt das Buch, das Wolfgang Konrad dabei hat. Ein Buch, das schon lange vergriffen ist, wie Konrad an diesem Nachmittag öfter erklären muss. „Über Ebay gibt’s das manchmal noch“, sagt er Interessierten.

An unserer Pfersee-Wissensbörse erfahren wir auch an unserem letzten Dienstag noch überraschend Neues. Der Pferseer Schriftsteller Karl Greisinger, auch ein Dauergast unserer Sommerserie, kann es gar nicht fassen, dass uns noch niemand von Gerhart Hauptmann, dessen berühmtestem Drama „Die Weber“ und Pfersee erzählt hat. Gestaunt habe er, als er das Buch als Schullektüre gelesen habe und dort im fünften Akt Langenbielau erwähnt wurde. „Von dort kommt doch das Textilunternehmen Dierig, das war ihr Gründungsstandort.“ Also steckt da in Hauptmanns „Die Weber“ auch ein bisschen Pfersee drin.

Von den Weberaufständen in Schlesien geht’s genauso schnell wieder zurück in die Gegenwart Pfersees. Die Schriftstellerin Irene Kaiser unternimmt noch einmal einen Versuch, Gleichgesinnte bei uns am Schreibtisch zu gewinnen, die Stillen will sie erreichen, die sich sonst nicht zu Wort melden, wie sie sagt.

Wie die beiden evangelischen Pfarrerinnen Pfersee kennenlernen

Zwei, die sich darauf qua Berufung gut verstehen, sind die beiden evangelischen Pfarrerinnen Marianne Werr und Sabine Dempewolf. An diesem letzten Dienstag ist es ihnen ein Anliegen, mit uns nicht nur über die Geschichte des Stadtteils, sondern auch über seine Gegenwart zu sprechen. Seit anderthalb Jahren teilen sie sich die Pfarrstelle von St. Paul. Von da an mussten sie Pfersee und die Pferseer verstehen lernen – und was den 3400 Gemeindemitgliedern wichtig ist. Wie sie vorgehen? Reden mit den Menschen, zu Veranstaltungen gehen, aber auch lesen.

Vier Dienstage lang haben wir im Schatten der Jugendstil-Kirche Herz Jesu unsere mobilen Schreibtische aufgebaut.
Bild: Denis Dworatschek

Was zu Überraschungen geführt hat. „Wir dachten immer, dass Pfersee ein kinderreicher Stadtteil sei, mit vielen jungen Familien“, sagen beide. Als sie sich die statistischen Zahlen rund um Pfersee angeschaut haben, blieb von der Annahme nicht mehr viel übrig. „Da war zu lesen, dass jeder zweite Haushalt in Pfersee ein Single-Haushalt ist“, sagt Dempewolf. Diese Zahl spielt dann wieder eine Rolle bei all dem, was die Pfarrerinnen jenseits der Gottesdienste in ihrer Kirche anbieten, ob nun viel Programm für junge Familien oder Programme quer durch alle Altersklassen. „Wir überlegen, ob es nicht auch Themen gibt, die alle ansprechen“, sagt Werr. Gute Erfahrungen haben sie mit den Konzerten gemacht, die in St. Paul veranstaltet werden. Die Kirche habe eine schöne Akustik, zur Musik kommen ganz andere Leute.

Eine weitere Kulturinstitution in Pfersee: die Pfarrbücherei von Herz Jesu

Für eine weitere Kulturinstitution in Pfersee, die „auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf“, werben zwei andere Frauen, Margit Berger und Martha Schwald, an unseren Schreibtischen: Die Pfarrbücherei von Herz Jesu, die seit 1932 mit Lesestoff versorgt. Pfersee hat im Unterschied zu einigen anderen großen Augsburger Stadtteilen wie Göggingen oder Lechhausen keine Filiale der Stadtbücherei. Aber es gibt die Pfarrbücherei, ein Projekt, das ein engagiertes Team von 20 Leuten ehrenamtlich betreut. Martha Schwald ist seit 37 Jahren dabei, Margit Berger ist die aktuelle Leiterin der Bücherei, die etwa 20000 Entleihungen im Jahr zählt. Über 700 Leseausweise der Pfarrbücherei kursieren in Pfersee.

Auf die Tradition ihrer Bücherei sind die Frauen stolz – und auf ihr großes Angebot an Spielen, modernen Medien und Kinder- und Jugendbüchern. Neuanschaffungen – allein etwa 500 Bücher pro Jahr – berät das Team gemeinsam. „Wir fragen aber natürlich auch unsere Leser, was sie sich wünschen“, sagt Martha Schwald. In einer Chronik der Pfarrbücherei wird an die Anfänge vor fast 90 Jahren erinnert: „Es begann spartanisch mit zwei Regalen, einem Abstelltisch zum Aufklappen und einem Kasten für Lesekarten.“ Nach einigen Umzügen bezog die Bücherei vor 30 Jahren ihr jetziges Quartier im neuen Pfarrheim in der Franz-KobingerStraße.

Alte Bilder der Herz Jesu Kirche vor den Bombenangriffen

Als ob die Pferseer gespürt haben, dass es die letzte Chance ist, noch einmal im Rahmen von „Kultur aus Pfersee“ über ihren Stadtteil zu sprechen, ist die Schlagzahl erhöht. Walter Ganser fängt an, seine gut gefüllte Aktentasche auf unserem Schreibtisch auszubreiten, zum Beispiel dieses Buch des ehemaligen Mesners von Herz Jesu. Da, das ist der Gründungspfarrer der Kirche, Anton Schwab. Da sind alte Bilder vom Kirchenraum vor den Bombenangriffen. „Schauen Sie, da hing noch dieser Kronleuchter“. Es folgen weitere alte Fotos, hier eine Pferseer Kapelle, dort der Trachtenverein. „Die sind alle bei mir gelandet, diese Bilder“, sagt Ganser. Er, der ehemalige Stadtrat aus Pfersee, begreift es als seine Aufgabe, das aufzuheben. „Wir Alten müssen das Alte bewahren und es an die Jugend weitergeben“, sagt er. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob seine Kinder tatsächlich einen Sinn für seine Pfersee-Sammlung haben.

Der ehemalige Stadtrat Walter Ganser kommt mit einer Mappe an unsere Schreibtische.
Bild: Richard Mayr

Dann mischt sich eine neue Stimme ein, mit einem weiteren Bild. „Aber den da, den in der Mitte, den kennst Du schon?“ – „Das bin ich!“ Dann plaudern Siegfried Welty und Walter Ganser miteinander, die beide früher in der Pferseer Feldhandballmannschaft gespielt haben.

So geht das in einem fort an diesem vierten und letzten Dienstag-Nachmittag in Pfersee. Wir kommen kaum noch hinterher, alles zu notieren und haben noch gar nicht erwähnt, was uns in unserer Redaktion erreicht hat. In wunderbar leserlicher, harmonisch geschwungener Handschrift meldet sich Robert Dürr bei „Kultur aus Pfersee“ zu Wort. Mehrere Seiten hat er in die Redaktion geschickt – sie flattern aus dem Faxgerät. Dürr erinnert nicht nur an die „schönen Fresken Bergmillers in der alten Pferseer Kirche“. Er verfolgt auch die Wurzeln der weltberühmten Familie Mozart zurück bis ins Jahr 1608, als ein gewisser David Mozart aus Heimberg bei Fischach nach Pfersee gezogen sei, wie er schreibt. In seinem Mozart-Stammbaum hebt Robert Dürr besonders David Mozart den Jüngeren hervor, der in Augsburg zum Innungsmeister aufstieg. Ein Glanzlicht auf die Geschichte Pfersees wirft in Robert Dürrs Kultur-Fax auch die Schauspielerin Magda Schneider, Mutter der späterhin weltberühmten Romy Schneider. Magda wurde am 17. Mai 1909 in der Stadtberger Straße 45 geboren. Ihr Vater, Xaver Schneider, war damals ein bekannter Installateur in Pfersee, vermerkt Robert Dürr.

Und wer erinnert sich noch an Schwester Hermana?

In der Redaktion erreichte uns auch ein Anruf von Elisabeth Federl, 96 Jahre alt. Wegen ihres Alters schafft sie es selbst nicht zu unseren mobilen Schreibtischen vor der Herz Jesu Kirche. Ihr hat ein Name in unseren Berichten gefehlt, der von Schwester Hermana, Ordensschwester von Maria Stern, Pferseerin, die gute Seele der Zeit. Als wir an unseren Schreibtischen in die Runde fragen, nickt Elisabeth Arkenberg geborene Wachter sofort. Na klar, Schwester Hermana, nur selbst erlebt habe sie sie nie. Sie hat den Ausgebombten geholfen, im großen Stil gekocht, hatte auch Kontakt zum Widerstand um Bebo Wager. Elisabeth Arkenberg lobt die Stern-Schwestern und schwärmt von ihrer Zeit auf der Spicherer Schule. Sie erinnert sich an schöne Ausflüge mit der Pfarrjugend. „Wir haben im Heu geschlafen, wir waren viel unterwegs.“ Der „Ministrantenabend war für uns arme Leute der Höhepunkt im Jahr“, sagt Arkenberg.

Dass Charlotte Wiedenbauer eine besondere Beziehung zu Pfersee hat, wird schnell klar. „Schlag zwölf bin ich hier geboren, hat meine Mutter immer gesagt.“ Gemeint war die Herz-Jesu-Kirche, dort wo jeden Dienstag in diesem August unsere mobilen Schreibtische stehen. Dann zeigt Wiedenbauer ein paar Bilder des Familienalbums, das sie mitgebracht hat. Hier die kleinen Häuser, die für die Fabrikarbeiter gebaut worden sind, dort das Familienhaus, aus dem sie 1956 ausgezogen sind. Stadtansichten, wie es sie heute nicht mehr gibt, Vergangenheit, die wenigstens als Bild bewahrt worden ist. Häuser für Fabrikarbeiter hätte ihre Familie, die Negele-Bauherren, errichtet.

Ein Bild aus dem Archiv von Wolfgang Konrad zeigt das Odeon-Kino an der Augsburger Straße. Der beworbene Film ist aus dem Jahr 1937.
Bild: Wolfgang Konrad

Irgendwann an diesem späten Nachmittag schnappen wir das Stichwort „Kino“ auf aus einer der Gesprächsgruppen um unsere mobilen Schreibtische herum. Kino? Gab’s in Pfersee ein Kino? Gab es. Es hieß Odeon, öffnete 1926 an der Augsburger Straße im Rückgebäude der ehemaligen Post. „Da war richtig was los“, erinnert sich Josef Wachter. Wann verschwand das Odeon? Laute Frage in die Runde. 1960, meinen einige, „auf jeden Fall irgendwann in den 60er Jahren“ andere. Auf einer Exkursion am Abend, unserem Abschiedsspaziergang in Pfersee, entdecken wir, was Wolfgang Konrad uns mit auf den Weg gegeben hat: im Hinterhof, hinter dem Haus, in dem jetzt eine Drogeriemarktfiliale ist, steht der alte Kinosaal noch. Ach ja, Wolfgang Konrad, der Kaufhauschef und Pfersee-Historiker, er weiß, dass noch vor dem Odeon-Kino einst ein erstes Kino in Pfersee existierte – in den „Walfisch Bierhallen“, dem Eckhaus an der Luitpoldbrücke. Walfisch Bierhallen! Die gibt es längst nicht mehr. Wir trinken unser Abschiedsbier woanders – bis es Nacht wird mitten in Pfersee.

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