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Staatstheater Augsburg

30.11.2018

Premiere mit einer Familiengeschichte wie aus einem Roman

3 Bilder
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Die Schauspielerin Linda Elsner hat sich auf die Suche nach ihrem totgeschwiegenen Großvater begeben. Daraus entstand ein kurzer, packender Theaterabend.

Die Vergangenheit liegt hier buchstäblich begraben – unter einer dicken Schicht Sand. Und so viel die Hauptfigur auch darin ausgräbt und herausbefördert an Fundstücken – der Sand bleibt auf der Bühne liegen. Was darunter ist, wie diese Vergangenheit aussah, die so dringlich gesucht wird – man erfährt es nicht. Statt eines Bildes werden nur immer neue Mosaikteile freigelegt. Und je mehr es werden, desto vielgestaltiger und verwirrender erscheint dieser Mensch, um den es geht.

Im Kühlerhaus des Gaswerkareals präsentiert die Schauspielerin Linda Elsner ihr höchst persönliches Ein-Personen-Stück „Navigator Luna Nord“. Elsner erzählt darin ein Stück ihrer Familiengeschichte, indem sie das Publikum mit auf die Suche nach ihrem Großvater Jean Hounsinou nimmt, den sie nie selbst kennengelernt hat.

Die Erinnerung wurde ausradiert

Im weißen Kleid mit Bomberjacke wirbelt Elsner durch das Kühlerhaus, begleitet nur von den Klängen David Kochs. Ihr Kostüm ist wie ein Abbild ihres Innenlebens – sie wird verletzlich bei dieser Suche und gleichzeitig verletzt sie, während sie sucht. Denn die Erinnerung an ihren Großvater, der im Togo als Prinz seines Dorfs geboren wurde, wurde von ihrer Großmutter ausradiert. Jede Schicht, die Elsner freilegt, rüttelt also anderswo am großen Familienschweigen.

Linda Elsner, Schauspielerin am Staatstheater Augsburg, hat ihren Großvater aus Togo nie selbst kennengelernt. In ihrer Familie wurde er totgeschwiegen. Dann hat sie sich auf die Suche gemacht, das Ergebnis ist jetzt auf der Bühne zu sehen. In unserer Videokolumne "Theatergeflüster" geht dieses Mal um "Navigator Luna Nord".

Video: Richard Mayr


Jean kam 1958 von Togo in die DDR, um dort sein Glück zu suchen. Zwischenzeitlich bestand es aus zwei Frauen – Gudrun, mit der er gerade dabei war, eine Familie zu gründen und ein Haus in einem Dorf zu bauen, und Marianne, mit der er gerade dabei war, eine Familie zu gründen. Und als Marianne ihm eines Mai-Tages sagte, dass sie schwanger sei, entschied sich Jean endgültig für Gudrun, die ebenfalls gerade schwanger war, und ließ sich nie wieder bei Marianne blicken. 1971 zog er mit Gudrun wieder zurück nach Togo, wo er 2006 starb.

Ein kurioser DDR-Science-Fiction-Film

In dem Abend legt Elsner Spuren dieses Großvaters, den sie nie kannte und der doch ihr Leben prägte, frei: Telegramme an ihre Mutter. Ein Zeitungsartikel über ein Schützenfest in den 2000er Jahren in Sachsen. Er – inzwischen Innenminister in Togo – zurück in der alten Heimat für ein paar Tage. Dazu gibt es diesen kuriosen DDR-Science-Fiction-Film „Signale, ein Weltraumabenteuer“, in dem ihr Großvater 1970 in einer Nebenrolle als Navigator Luna Nord mitspielte, in der klassenstandpunkttreuen DDR-Version von „Odyssee 2001“.

Außerdem erzählt Elsner plastisch, welches Chaos sie in Togo erwartete, wie wenig sie auf der Reise in die Heimat ihres Großvaters tatsächlich vom Großvater gehört hat, und wie viel sie gleichzeitig über ihn verstanden hat, als sie entfernte Verwandte dort traf. Denn die Prinzipien von Ehe und von Mann und Frau und von ihrem Zusammenleben unterscheiden sich doch ziemlich von den unseren. Ein Mann und zwei Frauen mit zwei Familien gleichzeitig – das ist dort kulturell nicht geächtet, sondern kommt vor.

Die Stasi-Behörde gab keine Auskunft

Kurz nach dem Tod ihres Großvaters begann Elsner mit ihrer Suche, erzählt sie nach dem Stück zwischen Schlussapplaus und Premierenfeier. „Ich habe ihn knapp verpasst.“ Mühsam musste sich Elsner ein Bild von Jean Hounsinou verschaffen. So eisern ihre Großmutter schwieg, so stumm blieb auch Gudrun, die andere Frau, die heute in München lebt. Und Fragen hat sie immer noch viele. Warum zum Beispiel zog ihr Großvater aus Togo in die DDR, wo Togo gar nicht kommunistisch war? Hatte die Stasi ihre Hände im Spiel? Eine Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde half ihr nicht weiter, weil weder sie noch ihre Mutter ein Dokument besitzen, in dem Jean Hounsinou amtlich als Vater bzw. Großvater geführt wird. Und ohne ein solches Dokument kann sie die Unterlagen nicht einsehen. Warum ging ihr Großvater 1971 zurück nach Togo, als Gnassingbé Eyadéma seine Jahrzehnte währende Diktatur errichtet hatte? Aus eigenem Antrieb? Und wie hat er es dort dann bis zum Innenminister geschafft?

2015 hat Elsner ihren Theaterabend erstmals für das Junge Theater Göttingen auf die Bühne gebracht. Nun steht er in Augsburg nur leicht überarbeitet auf dem Spielplan. Damals kam sie gerade aus Togo zurück, randvoll mit den Erfahrungen. Heute, so sagt die Schauspielerin, würde sie wahrscheinlich anders, also mit mehr Distanz, an den Stoff herangehen. Wobei man als Zuschauer auch in dieser Fassung nicht den Fehler begehen sollte, die Bühnen-Elsner komplett mit der realen Elsner gleichzusetzen. „Das ist schon auch Autofiktion“, sagt sie. Distanz zur eigenen Geschichte also auch in dieser Fassung, nicht aber vom Publikum, das lange applaudierte.

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