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Literatur

07.01.2020

Ritter Iweins Spur führt nach Augsburg

Eine französische Buchillustration zeigt, wie Ritter Iwein mithilfe seines Löwens gegen einen Drachen kämpft.
Bild: Wikimedia.common

Plus Warum sich der Germanist Helmut Graser sein Berufsleben lang mit zwei Handschriften des Mittelalter-Romans "Iwein" beschäftigt.

Dagegen ist „Game of Thrones“ ein alter Hut: Ritter Iwein vollbringt Heldentaten am laufenden Band. Er rettet bedrängte Edelfrauen vor rachsüchtigen Gatten, vor dem Scheiterhaufen und aus Zwangsarbeit, er erschlägt Riesen und Drachen, hat einen Löwen als Begleiter, besitzt einen Ring, der ihn unsichtbar macht, und begegnet einem Waldschrat mit magischen Kräften. Das alles hat sich kein Drehbuchschreiber, sondern der mittelalterliche Sänger Hartmann von Aue so um das Jahr 1210 ausgedacht.

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Weil daraus merkwürdigerweise keine Wagner-Oper wurde, erlangte der Stoff in neuerer Zeit nicht die Popularität eines Parzival, Tristan, Lohengrin oder Tannhäuser. Aber immerhin erhielt sich der Ritterroman in über 30 Handschriften und die letzte von 1521, die ziemlich sicher in Augsburg entstand, nimmt Bezug auf die allererste. Das reizte den Germanisten Helmut Graser, der seit 1975 an der Uni Augsburg lehrte, zu einer Gegenüberstellung. Im Regensburger Pustet-Verlag erschien seine Edition, die er im Fugger und Welser Erlebnismuseum vorstellte.

Der Augsburger Kopist verkehrte manchmal den Sinn ins Gegenteil

Denn in 300 Jahren hatte sich die deutsche Sprache doch so verändert, dass vom alten Text nicht mehr alles verstanden wurde. Die Augsburger Hand – es kann ein Mann oder eine Frau gewesen sein – pinselte die 8200 Verse pflichtgemäß ab, erlaubte sich aber, die gebräuchlichen Laute seiner Zeit zu verwenden. Also au statt a, ei statt i, seufzte statt sivfte. Bestimmte Wörter klangen so fremd, dass sie ganz unsinnig übertragen wurden: tiost, den ritterlichen Zweikampf, zu kost oder trost, tvmpraezze (dummdreist) zu zum presse (zur Nötigung). Der Kopist schwankte auch, schrieb für getwercch (Zwerg) mal gutt werck und mal gezwerg. Gänzlich chaotisch übertragen wurde die Verneinung, sodass sich oft der Sinn ins genaue Gegenteil verkehrte.

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Dem Büchersammler, der diesen „Iwein“ in Auftrag gab, waren diese Differenzen wohl ziemlich egal. Die Abschrift passt Graser zufolge gut in die Ära Kaiser Maximilians, der sich selbst den letzten Ritter nannte und Ritterepen in der Ambraser Heldenbuch sammeln ließ, das 1517 abgeschlossen wurde. Der Lindauer „Iwein“ wurde am St.-Andreas-Tag 1521, also am 30. November fertig. Sowohl sein Ostschwäbisch als auch das Wasserzeichen der Papierbögen verweisen auf die Entstehung in Augsburg. Tatsächlich gehörte die Handschrift hundert Jahre später dem Senior des Augsburger protestantischen Ministeriums und Pfarrer bei St. Jakob, Theophil Gottlieb Spitzel (1639–1691), der ein Exlibris einklebte. Ihr Weg in die Stadtbibliothek Lindau ist unbekannt.

Für den Germanisten ist das ein gefundenes Fressen oder wie Graser sagt „eine ziemlich einmalige Konstellation“. Die meisten mittelalterlichen Epen sind nur in frühneuhochdeutschen Abschriften überliefert. Wie haben sie wirklich im Mittelhochdeutschen geklungen? Helmut Graser kann es nun mit den Handschriften aus Gießen (1210) und Lindau (1521) nachvollziehen. Sein ganzes Berufsleben beschäftigte ihn immer wieder der „Iwein“. Inzwischen ist die Lindauer Handschrift, die Graser Ende der 1970er noch fotografieren musste, von der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek digitalisiert.

Hartmann von Aue: Iwein, Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch, herausgegeben und kommentiert von Helmut Graser, Reihe Editio Bavarica Band 8, 446 Seiten, 44 Euro.

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