Theaterpädagogik

15.05.2019

Rollen fürs Leben

Das Stück „Krass“ des Jungen Theaters beschäftigt sich mit der Radikalisierung Jugendlicher. Workshops des Theaterpädagogischen Zentrums am Jungen Theater vertiefen das Thema für die jungen Zuschauer.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Nachfrage nach den theaterpädagogischen Angeboten des Jungen Theaters Augsburg ist gestiegen. Workshops verhelfen Jugendlichen zu Anerkennung und Selbsterfahrung

Schule, beste Freunde – welche Gebärden und Mimik fallen einem spontan zu diesen Stichwörtern ein? Zwölf Teilnehmer eines Theaterworkshops stehen in einem Raum im Kunstpark West, machen Schreibbewegungen, bilden mit den Händen ein Hausdach oder fassen sich an den Händen, umarmen sich und lächeln sich an. Es ist eine Vorübung zum Lockermachen, eine Möglichkeit, ohne großen Aufwand ins Rollenspiel hineinzufinden und eine andere Perspektive einzunehmen. In diesem Fall sind es zwölf Sozialpädagogen und Erzieher, die später einmal mit Kindern theaterpädagogisch arbeiten sollen. Zusammen haben sie das Stück „Patricks Trick“ des Jungen Theaters gesehen und nun erfahren sie von Theaterpädagogin Kathrin Jung, wie sie Kindern und Jugendlichen die Auseinandersetzung mit dem Stück, mit den darin verhandelten Themen Behinderung und Inklusion, nahe- bringen können.

Kooperation mit der kommunalen Jugendarbeit

Workshops dieser Art bietet das Theaterpädagogische Zentrum (TPZ) nicht nur für Vermittler wie Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen an, sondern vor allem auch für Kinder und Jugendliche. Meist stehen sie in Verbindung mit einem Theaterstück des Jungen Theaters, an das das TPZ angedockt ist. Spezielle Stücke wie eben „Patricks Trick“, „All you can eat“ über Ernährung oder „Krass“ über die Radikalisierung Jugendlicher sind dafür extra auf dem Spielplan.

Gesellschaftliche Problemfelder stehen im Fokus des TPZ, erläutert dessen Leiter Volker Stöhr. „Wir arbeiten mit einem sozialpädagogischen Hintergrund, oft auch in Kooperation mit der kommunalen Jugendarbeit.“ In den Workshops können sich die Kinder und Jugendlichen nicht nur mit relevanten Themen wie Mobbing auseinandersetzen, sie erfahren durch den Beifall und die Aufmerksamkeit auch Anerkennung und werden in ihrer Kreativität gefördert. Das Theaterspiel ergänzt man beim TPZ deshalb gern auch mit Elementen aus der Erlebnispädagogik, dem Tanz und der Musik. „Es geht schließlich darum, die verschiedenen Möglichkeiten zur Kreativität zu entwickeln. Nicht jeder fühlt sich mit dem Rollenspiel wohl“, weiß Volker Stöhr. Dass Schüler dabei mit Kunst und Literatur in Berührung kommen, ist Stöhr und den acht freiberuflichen Theaterpädagogen des TPZ ein großes Anliegen. Neben seinen Workshops betreibt das TPZ auch drei Spielklubs, die, gestaffelt nach dem Alter, Kindern aus dem ganzen Stadtgebiet die Möglichkeit zum Theaterspiel geben.

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Ein geeigneter Raum fehlt

Seit einiger Zeit ist das TPZ gefragt wie nie – während im Normalfall rund 36 Workshops im Jahr stattfinden, gibt es schon Anfragen für über 50 Schul- und Klassenprojekte. Resultat der guten Arbeit der letzten Jahre, meint Stöhr dazu. Aber so groß die Freude darüber ist, so groß ist auch die Sorge, dass die Arbeit mit der Schließung des Kulturparks West im Sommer eingeschränkt wird. In unmittelbarer Nähe zum Abraxas, wo das Junge Theater und das TPZ ihren Sitz haben, belegte das TPZ dort einen Raum unter dem Dach, in dem die Workshops stattfinden konnten, in dem sich die Spiel-Klubs trafen und der auch an Interessenten vermietet wurde. „Über 360 Termine im Jahr hatten wir dort“, rechnet Stöhr vor.

Als Zwischenlösung wurde dem TPZ nun eine Halle auf dem ehemaligen Baywa-Gelände hinter dem Gaswerk angeboten, für Stöhr allerdings alles andere als eine gute Lösung: zu weit entfernt vom Abraxas und für jüngere Kinder „alles andere als prickelnd“ von der Umgebung her. Deshalb wird der Kids-Club nun erst einmal in dem Kindergarten, der gerade neben dem Abraxas entsteht, eine neue Heimat finden. Langfristig hofft Volker Stöhr allerdings, dass sich ein Raum im Abraxas findet, um die Arbeit fortzusetzen.

Pläne hat er viele. Theater-Workshops zu Themen wie Nachhaltigkeit und Europa gehen ihm durch den Kopf. „Wir müssen Jugendlichen die Möglichkeit geben zur Auseinandersetzung damit, wohin ihr Weg geht“, sagt der Theaterpädagoge. Die Impulse dafür will er nicht nur Internetplattformen wie Youtube oder Instagram überlassen. „Im Rollenspiel werden Körper, Geist und Seele als Einheit angesprochen, das ist für die Selbsterfahrung unschlagbar“, macht Volker Stöhr deutlich. Noch immer sind ihm die Worte einer Teilnehmerin im Ohr, die ihm nach einem Workshop sagte: „Herr Volker, ich bin Ihnen richtig dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, einmal auf der Bühne zu stehen.“

Workshop Ein inklusiver Theater-Workshop für Interessierte mit und ohne Einschränkungen im Alter zwischen 10 und 25 Jahren findet am Samstag, 18. Mai, von 10 bis 12 Uhr im Abraxas statt. Die Teilnahme ist kostenlos.

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