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Augsburger Philharmoniker

08.10.2019

Saftiges Schlachtengetümmel im Sinfoniekonzert

Mit dem Schlagwerk-Star Martin Grubinger hatte das erste Sinfoniekonzert einen prominenten Solisten.

Plus Die Augsburger Philharmoniker eröffnen die Saison mit Liszt, Strauss , Fazil Say und einem besonderen Solisten.

So, wie ein Indizienprozess dahingehend gewonnen werden kann, dass Gustav Mahler in der neunten Sinfonie seinen Abschied von dieser Welt singt, so kann ein Indizienprozess dahingehend gewonnen werden, dass Mahlers Mitstreiter und Antipode Richard Strauss sich in seiner sinfonischen Dichtung „Ein Heldenleben“ selbst spiegelt. Er setzte seine Person und sein Wirken ganz gerne – und nicht eben bescheiden – in klingenden Bezug zur eigenen Familie, zur Heimat, zum Kunstgeschehen zwischen Berlin, Dresden und Wien – gipfelnd in den ästhetisch brandgefährlichen Homestories „Sinfonia domestica“ und „Intermezzo“.

Zu seiner Entschuldigung ist freilich anzuführen, dass dabei immer auch die Selbstironie eine Rolle spielt – so, wie er in seiner – derzeit in Augsburg empfehlenswert gegebenen – „Ariadne auf Naxos“ die folgenden Worte eines Tanzmeisters vertonte: „In meinem linken Schuhabsatz steckt mehr Melodie als in dieser ganzen ,Ariadne auf Naxos’“. Diese Selbstironie relativiert ein wenig das Strauss-Heldenepos „Ein Heldenleben“, aber natürlich bleibt es heikel – und Strauss hätte gut daran getan, sein selbstreferenzielles Programm gar nicht erst zu veröffentlichen. Aber jetzt ist es in der Welt – und wird bei jeder Aufführung einerseits erhellend, andererseits kritisch mitgehört.

Die Philharmoniker musizieren frisch drauf los

Nun hat Augsburgs trefflicher Generalmusikdirektor Domonkos Héja das „Heldenleben“ auf das Programm des ersten Sinfoniekonzerts dieser Saison gesetzt – eines insgesamt anspruchsvollen, riesig besetzten Sinfoniekonzerts, das sicherlich wegen seiner Anforderungen nicht „überprobt“ war.

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Und Héja sowie die herausgeforderten Philharmoniker suchten gar nicht erst die mögliche große künstlerische Überhöhung und Überformung des „Heldenlebens“ in These (Komponistenwille) und Antithese (des Komponisten kläffende Widersacher), sondern musizierten frisch, frech, plastisch, süffig drauflos. Das hatte in seinem direkten, kraftstrotzenden Zugriff vieles für sich – bis hin zur effektvollen Wirkung mit beispielsweise acht Hörnern, einem hinreißend geblasenen Oboen- und Englischhorn-Solo, einem einfühlsam-eingebauten Violinkonzert (Jung-Eun Shin), das Straussens Eheweib Pauline eher zärtlich charakterisierte als – so die Historie – kapriziös.

Also, das Ganze war weniger eine verteidigende metaphysische Angelegenheit als ein Strauss-Vollbad mit einem saftigen Schlachtengetümmel zwischen Held und seinen Widersachern. Vollfettstufe. Strauss hatte es (zunächst) so indiskret gewollt – und das Augsburger Auditorium hat es so indiskret erhalten. Um noch mal auf die „Ariadne“ anzuspielen: Die Philharmoniker haben unter Héja hübsch gepredigt – und dies nicht tauben Ohren. Begeisterung.

Auch mit zirkusreifen Einsätzen verblüffte Grubinger beim Sinfoniekonzert.

Diese war schon – in gesteigerter Form – über den Solisten des Abends hereingebrochen, über den Schlagzeuger Martin Grubinger, der alles draufhat, das Publikum mitzunehmen und zu entzünden: mündlich in einer kleinen Werkeinführung, körperlich in Volleinsatz, musikalisch in vollendeter Virtuosität. Alles zusammen hat eine Suggestiv- und Überzeugungskraft sondergleichen – und der im Grunde unnötige Beleg für diese Virtuosität war denn die erste Zugabe: ein rockendes, zirkusreifes Stück von Papa Grubinger.

Aber dieses stand natürlich nicht im Fokus, vielmehr Fazil Says Konzert für Schlagzeug und Orchester, in dem – mal ganz abgesehen von Rhythmus – musikalisches Feuer und Geistesgegenwart zwei Grundvoraussetzungen des Gelingens sind. Man muss da gar nicht viel analysieren, um zu erkennen, dass das Werk – einerseits – lebt aus lustvollem Rhythmus, dass jeder mitmuss, andererseits aus der irrlichternden Stimmung des dritten Satzes, quasi eine türkische Paraphrase auf die „Nächte in spanischen Gärten“, inklusive eines Vibraphon-Ausbruchs. Grubinger: ein bestechender Anwalt mit einem triftigen Plädoyer für seine Batterie an Instrumenten, für Fazil Say und dessen Schlagzeugkonzert. Dass er auch anders kann, zeigte die zweite Zugabe: ein Hauch von einem J. S. Bach, ursprünglich für Cello komponiert.

Für den Auftakt des Abends galt: Die Zeit rückt mit großen Schritten näher, da man Franz Liszts sinfonische Dichtung „Les Préludes“, einst von den Nationalsozialisten vereinnahmt und instrumentalisiert, wieder unbefangen hören kann – auch als Vorläufer von Wagner, Strauss, Webern, Schönberg. Wunderbar innerhalb des großen Orchester-Tableau die raffinierten Instrumental-Mixturen, die am Montagabend in der Kongresshalle unter anderem seidige hohe Streicher und mystisch tönende Hörner realisierten. Domonkos Héja ging das Werk eher rhapsodisch frei an – und steigerte es peu à peu zu einer Siegesmusik plus Verklärung.

Es ist schon bemerkenswert, was die Philharmoniker seit Dirk Kaftan, seit Domonkos Héja an tönenden Skulpturen hinstellen können.

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