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Ostern

04.04.2021

Sara Opic erschafft einen Heiland auf Augenhöhe

Sara Opic in ihrem Atelier am Bearbeiten ihrer Christus-Skulptur für Vilgertshofen.
Foto: Wolfgang Schütz

Plus Die Augsburger Künstlerin Sara Opic arbeitet an einer Salvator-Bronze für die Wallfahrtskirche in Vilgertshofen. Es ist eine ganz neue Herausforderung für sie.

Auf den ersten Blick wirkt alles eigentlich gleich doppelt typisch. Zum einen das allgemein Kunsthistorische: Die Figur, an der Sara Opic da in ihrem Atelier in der Ballonfabrik arbeitet, trägt klassische Attribute des österlichen Auferstandenen, die segnende Heilsgeste der rechten Hand und in der linken, wenn auch deutlich kleiner als gewöhnlich, die Kugel, „Salvator Mundi“, Retter der Welt.

Zum anderen das individuell Künstlerische: Wie die 41-Jährige hier auf ein eigens geschweißtes Stahlgerüst ein Gemisch aus Lehm und Stroh zu dieser Figur modelliert hat, so ist sie immer wieder schon bei Ausstellungen kenntlich geworden und hat auch schon häufiger sakrale Räume bespielt – die Augsburger Moritzkirche etwa mit der Installation „Johanna“, die Friedberger Pfarrkirche St. Jakob mit ihrem „Pallotti“, „Die Zuhörerin“ für St. Martin in Leutkirch im Allgäu. Und doch ist diesmal einiges ganz anders – eine neue Perspektive, eine besondere Herausforderung.

Sara Opics Salvator-Skulptur ist für Vilgertshofen bestimmt

Die Arbeit ist für die Wallfahrtskirche in Vilgertshofen im Landkreis Landsberg bestimmt – ein Auftrag, hervorgegangen aus einer Ausschreibung der Gemeinde für die Neugestaltung des zentralen Platzes im Zuge der bayerischen Land- und Dorfentwicklung. Dieser Salvator wird also draußen stehen, vor dem Westportal des barocken, Ende des 17. Jahrhunderts errichteten Gotteshauses „Zur Schmerzhaften Muttergottes“.

Das bedeutet für Sara Opic eben gleich mehrerlei: Sie wollte eine Figur, die zwar auf den ersten Blick in ihrer Ikonografie erkennbar ist, aber in ihrer Haltung und ihrer Gestaltung doch auch neue Perspektiven bietet. So wird dieser Heiland eben nicht auf einem Sockel erhaben, damit nicht gleich einem Altar erhoben über die Menschen hinausragen – er soll ihnen bei einer Größe von knapp über 1,80 Meter, so sagt die Künstlerin, auf Augenhöhe begegnen, als einer von ihnen, der die Wege der Pilgernden mit ihren Hoffnungen und Sorgen selbst kennt. Jesus steht darum dem Portal zugewendet, als wollte er die Menschen in der Begegnung empfangen, begleiten und geleiten.

Dieser Jesus herrscht, mit dem kleinen Ball in der Hand statt eines größeren Globus, eben nicht über die Welt, sagt die Künstlerin: „Ich sehe darin eher einen Kern, zu dem er leiten, einer Einheit, für die er stehen kann.“ Aber die Bedeutung, sie bleibt wie immer bei Sara Opic offen für die Begegnung des jeweils Betrachtenden selbst.

Dieser Jesus trägt als Detail unter seinem langen Gewand Jeans

Die Figur verbindet zudem: In ihrer barocken, bis ins wogende Gewand fast schon rokoko-artigen Bewegtheit passt diese Skulptur einerseits stilistisch zur Kirche – mit der Besonderheit, dass sich im vermeintlichen Stillstehen des Körpers die Bewegungsabläufe des Schreitens wiederfinden, eine Kombination, die Sara Opic mit dem Künstlerkollegen Sebastian Lübeck als Modell erarbeitet hat. Andererseits setzt die Figur mit ihrer beim Näherkommen erkennbar aufbrechenden, rauen Oberfläche der klassischen Gediegenheit eine moderne Belebtheit entgegen. Zusätzlich trägt dieser Jesus, im Detail erkennbar an Hüfte und Po, unter dem wallenden Gewand auch Jeans.

So wird er im zeitlosen Gestus doch gegenwärtig – und wirkt, man darf ihn ruhig auch einen sehr schönen Mann nennen, geradezu sinnlich. Vom Schmerzensmann, dem verklärt Ausgemergelten fehlt in dieser Skulptur jedenfalls jede Spur. Steht Jesus als solcher eigentlich noch für die Überwindung des Todes – oder lädt er nicht viel mehr zum Wiederfinden, Zu-sich-selbst-Finden des Lebens? Fragen wie diese in der Begegnung mit ihren Figuren womöglich aufkeimen zu lassen, war der Künstlerin, die einst die Münchner Holzbildhauerschule absolvierte und dann in Wien bei Gerda Fassel und Erwin Wurm studiert hat, immer schon wichtiger, als irgendwelche Antworten zu geben. Es geht ums Öffnen, nicht ums Schließen.

Die große Frage für die Künstlerin: Wann ist die Skulptur fertig für den Guss

Völlig neu ist für Sara Opic aber, dass es diesmal nun nicht bei diesem Werk aus Stahl und gebundenem und modellierten Lehm und Stroh bleibt. Gehörte es sonst geradezu immanent zu ihrem Werk, dass sie die Figuren oft schon bald wieder „auflöste“, sie also wieder zerlegte, weil gerade das Werden und Vergehen und das neue Werden in ihrem natürlichen Material wie in ihrer Auffassung vom Sein angelegt war – der Auftrag für Vilgertshofen wird ins glatte Gegenteil münden: eine Bronze, eine feste Skulptur, gegossen, um zu bleiben. „Das macht mir, ehrlich gesagt, schon noch etwas zu schaffen“, gibt Sara Opic auch zu. Weil sich anders als je zuvor für sie damit die Frage verbindet, wann ein Werk, das bis dato bei ihr nur Übergänge in verschiedenen Stadien kannte, denn nun so etwas wie „fertig“ ist. Konkret: Wann kann es in die Gießerei, um durch die ohnehin komplexen Stadien von Silikon, Wachs und Schamott zum rauen, harten, vier Millimeter dicken Rohguss in Bronze zu werden? Zumal bei ihrem Grundmaterial und der Bewegtheit der Figur klar ist, so Opic: „Es gibt nur den einen, einzigen Versuch …“

Unfreiwillig zusätzliche Spannung ist in den Ablauf gekommen, weil sich durch die vorher zu vollendenden Umbauten vor Ort in Vilgertshofen und natürlich auch mal wieder durch Corona der Zeitpunkt von Guss und Aufstellung immer weiter hinausgezögert hat. Darum steht der Heiland schreitend, schreitet er stehend nun schon seit vielen Monaten eingelagert – und ist eigentlich …: „fertig“?

Geplant ist die Aufstellung dieses doppelt typischen, aber eben auch ziemlich anderen Salvators jetzt für diesen Herbst. Es wird also bald Zeit, dass Sara Opic an ihm die letzten Oberflächen- und Konturbehandlungen mit den rauen bis feinen Stabfeilen in ihrem Atelier vornimmt. Auf dass er dann die Reise in die Gießerei, in seine feste Gestalt antreten kann. Die Freude, hier etwas Bleibendes zu hinterlassen, ist in ihrem Fall also auch eine bange.

Sara Opic ist dreifache Mutter, sie unterrichtet an den Montessori-FOS in Wertingen Gestaltung – aber in der Kunst hilft keine Routine gegen das Wagnis des Schöpferischen. Auch oder gerade nicht bei einem Werk, das ja in einer öffentlichen Funktion Zuversicht geben und Richtung weisen soll. Um einen Heiland will gerungen werden.

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