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Konzert-Kritik

03.12.2019

Seiler und Speer in Augsburg: Mal gut, mal überdröhnt

Mit reichlich Zuschaueranimation (von links): Christoph Seiler und Bernhard Speer am Montagabend im Kongress am Park
Bild: Michael Hochgemuth

Nach tragischer Verzögerung haben es die eigentlich doch so tollen Österreicher "Seiler und Speer" mal wieder nach Augsburg geschafft – waren aber leider gar nicht so toll.

Grundsatzfrage vorneweg: Mit welchem Augenmerk wird eigentlich das Begleitprogramm eines Konzertes gestaltet? Die Vorgruppe ausgewählt und die Musik, die in der Umbaupause läuft? Die eigenwillige Lösungsversion beim Auftritt von Seiler und Speer im Kongress am Park: Einfach noch alles abräumen, was die beiden Helden des österreichischen Mundart-Pop in ihrer großen Stilvielfalt noch übrig lassen. Also dröhnte die Band Kaizaa einförmigen Punkrock in totaler Tote-Hosen-Haftigkeit, bevor dann vom Band englischsprachige Dance-Hits der 90er stampften, von Ace of Base bis MC Hammer. Witzig?

Seiler und Speer sind als wuchtige Rocker an uninteressantesten

Man hätte es wohl eher als Warnung verstehen sollen. Denn schon hier schienen die Schwächen der zwei Stunden mit Seiler und Speer auf. Denn am uninteressantesten sind die Herren, wenn sie die wuchtigen Rocker geben, mit heulenden E-Gitarrensoli – und am nervigsten wirkt eine Band, die zuletzt merklich viel auf der Bühne gestanden ist und dann doch immer so tun muss, als wäre das hier und heute die beste Party überhaupt. Schade drum.

Denn tatsächlich ist dieser Auftritt zunächst ja mal ein echter Anlass zu Freude. Drei Jahre sei es her, dass sie zuletzt hier in Augsburg waren, sagt Christoph Seiler in seinem wuchtigen Bariton, dabei verschweigend, dass ein weiteres Konzert längst stattgefunden hätte, wäre Kompagnon Bernhard Speer nicht in der Zwischenzeit bei einem Unfall fast ums Leben gekommen.

Jetzt also doch ein Wiedersehen – und inzwischen sind die beiden Musiker ja auch noch zwei Nummern weitergewachsen: Gehören neben Wanda und Bilderbuch zum Aufsehenerregendsten in Österreich, mit allen drei Platten bislang dort auf Platz eins und inzwischen auch in Deutschland nahe an den Top Ten; formen mit den bayerischen Party-Bläsern von La Brass Banda inzwischen ein Alpen-Traumduo, das im kommenden Sommer erneut Zehntausende auf den Münchner Königsplatz locken wird.

Mehr als 1000 Zuschauer bei Seiler und Speer in Augsburg

Über 1000 Zuschauer füllen an diesem winterlichen Montag den Augsburger Kongress am Park ziemlich ordentlich. Und die Stimmung ist sofort gut, als Seiler und Speer mit Fünf-Mann-Band, zwei knackigen Bläsern und aufheizenden Hits aus ihrem Debütalbum „Ham kummst“ durchstarten: Das wirklich nur im Titel Tote-Hosen-hafte „Bonnie und Clyde“ und „Seavas baba“. Und als die beiden dann kurz darauf ihren Pophit „I kenn di vo wo“ anstimmen und ja sowieso klar ist, was da noch alles kommen wird: Akustische Mitsinghymnen wie „Ala bin“ und „Ham kummst“, Reggae-Freuden mit „Herr Inspektor“, Berührendes wie das Erinnerungsstück an Seilers gestorbenen Onkel in „Déjà-vu“ … Was soll da noch schiefgehen?

Zumal die Herren nun, bei begonnener Adventszeit, zum ersten Mal in diesem Jahr auch noch das für diese Zeit prädestinierte und darum reservierte „Der letzte Schnee“ spielen, das den Weihnachtsgeschenke-Familienharmonie-Trubel hart mit dem Erfrieren eines Menschen kontrastiert. Tatsächlich: Solange hier bei allen Stilwechseln das pochende Singer-Songwriter-Herz von Seiler und Speer zu spüren ist, ist tatsächlich alles gut, sehr gut.

Man merkt Seiler und Speer die Strapazen ihrer Tour an

Aber allzu oft wird es im Lauf der zwei Stunden eben doch überdröhnt und mit heulenden E-Gitarren bei voll aufgedrehter Lautstärke im Kongress auf Exzess überlärmt, dass es zwischenzeitlich fast zum verstummen kommt. „Ob und zua“ und „All inclusive“, „Schatzi“ und „Soits lebn“, „Principessa“ … Was nicht von sich aus Partykracher, wird nicht selten dazu aufgepolstert. Und so originell die Herren ja in ihren lustigen und bedenklichen Texten mitunter sind – so floskelhaft, routiniert und leer wirken die obligatorischen Überleitungen zwischen den Songs und die Bekundungen, was für ein besonderer Abend das hier in Augsburg nun doch sei.

Ist es aber nicht. Sondern einfach ein ordentliches Seiler-und-Speer-Konzert auf einer offenkundig langen und anstrengenden Tour, die die Österreicher mitsamt der Meli-Bar-Kombo zu sehr in der Attitüde einer Rockband zeigt. Klar, im Jahr 2019 muss es Österreicher nicht danach verlangen, die Nachfolge von STS anzutreten, wie sie im Song „Setz di her“ nur allzu deutlich anklingt und doch auch schön wäre. Aber zumindest um live verlässlich ein Event liefern zu können, scheint auf der anderen Seite die Gefahr groß zu sein, sich auf Rezepte mit „Schall und Rauch“ nach dem Prinzip „Machmallauter“ zu verlassen. Und das sind nicht von ungefähr Tote-Hosen-Titel. Soll es wirklich in diese Richtung gehen? Eine Grundsatzfrage für die Zukunft von Seiler und Speer.

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