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Serie "Junge Künstler"
23.04.2021

Lilla Blue und ihre Ästhetik des Ungeschminkten

Kristina Paulini, Mona Magdalena, Julia Kratzer und Belen Gonzalez Granero sind Lilla Blue.
Foto: Robert Hagstotz

Die Band Lilla Blue veröffentlicht ihre zweite Platte, beeinflusst von düsterem Sound. Bei ihren Konzerten kämpfen die vier Musikerinnen mit Rollenklischees.

Aus Ungarn kommt eine Rebsorte namens Lilla, sie reift früh und ist frostbeständig. Daraus könnte man gut Wein für das Augsburger Quartett Lilla Blue um Sängerin und Gitarristin Julia Kratzer keltern. Obwohl die vier Musikerinnen in dieser Form erst seit einem knappen Jahr zusammenspielen, klingt ihre Musik ausgereift und ist mit einer Wärme erfüllt, die klirrende Frostnächte vergessen machen lässt.

Will man diese Analogie weiterspielen, kommt man zu dem Schluss: Das Weingut „Château Lilla Blue“ zeigt zwei Gesichter. War der musikalische Jahrgang 2020 in Form der EP „Tiny Giants“ noch zart und lieblich, wird es dieses Jahr herb und fordernd. Die voraussichtlich Ende Mai erscheinende EP „Dark Lights“ ist psychedelischer, treibender und lauter als die zerbrechlichen Folksongs ihrer Vorgängerin. „Der musikalische Vibe wurde beeinflusst durch die düstere Szene in Göteborg“, erzählt Kratzer, die im Zuge eines Auslandssemesters in die schwedische Großstadt kam. Dort verbrachte sie, so wie es sich gehört, mehr Zeit am Instrument und in den Liveclubs als in der Bibliothek, schrieb Songs, „spielte die dort mit ein paar Leuten und hatte dann, als ich wieder zu Hause war, Bock auf Streicher und Lust auf starke Musikerinnen“. So wuchs Lilla Blue mit der Cellistin Belen Gonzalez Granero zum Duo. Die hatte nach ihrem Studium am Leopold-Mozart-Zentrum ihr Instrument erst einmal in die Ecke gestellt, wurde aber durch die Songs von Kratzer und vielleicht den einen oder anderen gemeinsamen Drink in der Haifischbar wieder an das Cello getrieben.

Lilla Blue fehlt es gerade, live zu spielen

Als zuerst Pianistin Kristina Paulini und dann Bassistin Ramona Magdalena nach weiteren eineinhalb Jahren das Quartett komplettierten, gab es schon keine Möglichkeit mehr, Konzerte auf die Weise zu spielen, wie sie aus Sicht von Publikum und Bands sein sollten: mit Enge, Hitze und Lärm. „Es fehlt uns, live zu spielen, aber wir haben das Privileg, uns zurückzunehmen und uns um neuen Sound zu kümmern.“ So arbeitet Lilla Blue im Frequenzgarten-Studio zusammen mit Schlagzeuger, Arrangeur und Produzent Nick Hermann an den fünf Songs von „Dark Lights“.

Bluesige Akkorde tauchen die Stücke in ein tiefes, sattes Blau, mal atmen sie Melancholie, mal sprühen sie voller Energie. Die effektvoll gesetzten Celloparts und Klavierfiguren fordern auf, in der dunkel schmeichelnden Stimme von Julia Kratzer zu versinken, während die Drums gerne auch mal ein paar Minuten warten müssen, bis sie dann am Ende des Stückes die Türe ganz weit aufmachen zu den Kaschemmen Seattles. Dort erschufen Anfang der 90er Jahre Bands wie Pearl Jam und Mudhoney Musik, die von findigen Schubladeneinordnern auf den Namen Grunge getauft wurde. Diese Musik lebt von der Ästhetik des Ungeschminkten und des Selbstgemachten, sie atmet Ehrlichkeit und Rauheit und teilt sich damit Herz und Lunge der neuen Stücke der Femme-Band Lilla Blue.

Erlebnisse zwischen Ärgernis und Übergriffigkeit

Dezidiert als solche stellen sie sich auf ihrer Homepage vor. Es ist ein Paradox, wie Kratzer sagt. Auf der einen Seite wehren sie sich gegen den Fokus, der bei rein weiblich besetzten Bands zu oft auf Äußerlichkeiten gelegt wird, auf der anderen Seite müssen sie aber genau diese Rollenklischees, die immer noch auf der Bühne vorherrschen, in den Fokus stellen. Denn auch wenn nach Ansicht der Band für die lokale Szene gilt, dass „das Geschlecht egal ist, die Qualität zählt und man eben was reißen muss“, gab es genügend Erlebnisse, die zwischen Ärgernis und Übergriffigkeit schwanken. Ärgerlich ist es, „wenn man sich auf der Bühne mit seiner Kunst nackt macht und nach dem Auftritt dann das Kleid kommentiert wird“; übergriffig ist es, wenn man sich wie Belen Gonzales Anzüglichkeiten anhören muss, nur weil das Cello beim Spielen zwischen den Beinen der Künstlerin eingeklemmt ist, wie sie trotz der zeitlichen Distanz immer noch mit einer gewissen Fassungslosigkeit in der Stimme berichtet.

Doch auch wenn der Weg zur Gleichstellung, in der Musikbranche wie in allen anderen Bereichen des Lebens, noch lange und steinig ist, zeigt er zumindest in die richtige Richtung. Lilla Blue gehen weiter auf ihre gemeinsame Reise, und man wird über sie sprechen. Nicht weil es vier Frauen sind, die eine Band gegründet haben, sondern weil vier gute Musikerinnen sehr schöne Musik erschaffen.

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