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Literatur

08.04.2020

Sibylle Lang schreibt mit den Augen einer Fotografin

Sibylle Lang stellt in ihren Geschichten das Geschehen scharf.
Foto: Richard Mayr

Plus Die Augsburger Schriftstellerin Sibylle Lang hat ihren zweiten Erzählband vorgelegt. Die sieben Geschichten lesen sich wie Momentaufnahmen.

Es ist der Blick einer Fotografin, den die Augsburger Literatin Sibylle Lang bei ihren Erzählungen einnimmt. „Als Karl seine Stimme verlor“ ist Langs zweiter Erzählband, jüngst als Taschenbuch erschienen beim österreichischen Verlag Bibliothek der Provinz. Sibylle Lang ist Fotografin, sie hat in früheren Jahren mit ihren Werken auch Ausstellungen bestückt. Mehr und mehr habe sie sich jedoch im Laufe der Jahre als Autorin „gefunden“, sagt sie gegenüber unserer Zeitung.

Die sieben Erzählungen in diesem Buch lesen sich wie Momentaufnahmen, in denen Geschehen und Personen, an denen der Betrachter sonst wahrscheinlich vorüberginge, herangezoomt werden. Sibylle Lang nennt ihr literarisches Verfahren selbst „Aufblasen“. Aber trifft es das?

Es ist eben keine „heiße Luft“, die diese Erzählungen ausfüllt, vielmehr wird das scheinbar Belanglose, das Nebensächliche, zum Tragenden: Da wird in der ersten Erzählung von Otto erzählt, dem das, was sein Leben bisher ausgemacht hat, nämlich als Bauführer für ein Telekommunikationsunternehmen über Land zu fahren, einfach wegbricht. Ähnlich ergeht es seinem Kollegen Karl, der darüber „seine Stimme verliert“. Was geht da in einem Menschen vor, welche Hoffnungen hat er und zu welch absurden Gedanken kann dies führen? Danach fragt diese Erzählung.

Die Aufzeichnung von Kundengesprächen unter dem Vorwand der Qualitätsprüfung

Auf „scharf gestellt“ hat Sibylle Lang auch eine Betriebsversammlung, zu der die Mitarbeiter – auch hier geht es um eine Telekommunikationsfirma – eingeladen werden. Alles läuft fast wie bisher, mit Reden und Butterbrezen, aber keiner wagt es, offen anzusprechen, dass „die minutiöse Beobachtung“, die Aufzeichnung von Kundengesprächen unter dem Vorwand der Qualitätsprüfung, nichts anderes als ein ungerechtfertigtes Ausspionieren ist.

In der Erzählung „Das Haus am Waldrand“ schildert Sibylle Lang subtil, was es heißt, wenn einmal der Samen des Misstrauens in einen gelegt wird und zu welchen Auswüchsen dies führen kann: Die Erzählerin bekommt von ihrem Onkel das Wochenendhäuschen, um dort in Ruhe arbeiten zu können – eigentlich aber soll sie „ein Auge auf den Anbau des Nachbarhauses werfen“. Ein Schwarzbau?

Um eine Waldmeisterbowle geht es in der letzten Erzählung

Um wachsendes Misstrauen geht es auch im Text über Walter – auf dem Tennisplatz derjenige, der alles reparieren kann. Jetzt fehlt Werkzeug aus dem Geräteschuppen. War gar sein Sohn der Dieb? Den Band rundet eine Erzählung mit dem Titel „Waldmeisterbowle“ ab, der Schauplatz ist Augsburg.

Nach vielen Jahren kehrt die Erzählerin, die hier, in der Stadt, ihre Jugend verbracht hat, aus Hamburg zu „Marias Geburtstagsfest“ zurück, das ausgerechnet in einer Wohnung in der Altstadt stattfindet, die für die Erzählerin damals mit einer einschneidenden Begegnung verbunden war. Spannend auch hier, wie Sibylle Lang ihren „Sucher“ zunächst auf diese Wohnung richtet, um dann nach und nach das Blickfeld auf das Geschehen und die Figuren mit ihren Beziehungen untereinander zu weiten. Alles absolut lesenswert!

Verlag Bibliothek der Provinz, 170 Seiten, 18 Euro. Wenn es in der Corona-Krise die Situation zulässt, wird es daraus eine Lesung geben: am 24. April, 19.30 Uhr, in der Stadtteilbücherei Göggingen; am 15. Mai im Bechsteinzentrum, Augsburg.

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