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Augsburger Philharmoniker

07.05.2019

Sinfoniekonzert: Auch Musik kennt den Standesunterschied

Matthias Höfs, „artist in residence“ der Philharmoniker.
Bild: Archiv

Diesmal traten die Philharmoniker in dezimierter Besetzung an: keine Bläser, kein Dirigent. Das hinderte das Orchester jedoch nicht an einem glänzenden Auftritt.

Die Celli haben’s gut, die dürfen sitzen, die Kontrabässe ebenso, alle anderen aber müssen stehen, das ganze Konzert hindurch. Doch womöglich ist alles ganz anders: Violinisten und Bratschisten können endlich einmal mit dem ganzen Körper die Bewegung der Musik mitvollziehen, ein Vorteil gerade auch deshalb, weil der freie Impuls Rückkoppelungen möglich macht auf das Spiel mit dem Instrument …

Die Augsburger Philharmoniker, beim 6. Sinfoniekonzert im Kongress am Park reduziert auf ein Ensemble von 23 Streichern, wirkten mit ihrer Aufstellung in barocker Manier jedenfalls merklich gelöst. Eine Haltung, die dem Leichten, Bewegten, Elastischen, das Benjamin Brittens „Simple Symphony“ innewohnt, ausgezeichnet zupasskam. Der erste Satz ein munteres motivisches Roulettespiel, der zweite eine quirlige Zupfpartie, an dritter Stelle die Sarabande voller Wärme und differenzierter Leidenschaftlichkeit – Brittens früher Wurf war von den philharmonischen Streichern betörend lebendig und detailfreudig gestaltet.

Sarah Christian, eine Geigerin mit Führungsqualitäten

Einen Dirigenten gab es nicht bei diesem Konzert. Doch hatte Sarah Christian am ersten Pult den Stehplatz eingenommen – Christian, aus Augsburg stammend, erfolgreiche Wettbewerbsteilnehmerin und seit einigen Jahren 1. Konzertmeisterin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, mithin eine Geigerin mit Führungsqualitäten. Sie war es, die am ausgiebigsten Gebrauch machte von der Bewegungsfreiheit, und nicht zuletzt dadurch das Ensemble sichtbar mitriss. Merklich auch, dass die vorgetragenen Werke hervorragend einstudiert waren.

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Das Programm kombinierte Barockmusik von Johann Sebastian Bach und John Baston mit englischer Moderne und Spätromantik – letztere war durch Edward Elgar vertreten und dessen beliebte e-Moll-Streicherserenade. Auch hier ließen es die Philharmoniker nicht fehlen an atmender Zeichnung und klanglicher Abstufung, keine Phrase war hier von der Stange geliefert. Elegische und dennoch heitere Gestimmtheit bestimmte den ersten Satz, reiner Frohsinn das finale Allegretto, das aus nichts anderem als aus Licht und Luft zu bestehen schien.

Matthias Höfs, der Artist in Residence, als Solist des Abends

Von großer Dichte und innerer Spannung dagegen Brittens „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“, die mit ihren vielgestaltigen Satz-Charakteren das Klangspektrum noch einmal ausweiteten und gerade auch in rhythmischer Hinsicht (Walzer-Variation) vom Orchester mit lustvoller Finesse bedacht wurden.

Das Thema der musikalischen Bearbeitung stand als Klammer über dem Programm, und so kam Matthias Höfs ins Spiel, in dieser Saison „artist in residence“ der Augsburger Philharmoniker. Als Trompeter ist Höfs, mangels ausreichender Lieferung seitens hochrangiger Komponisten bis ins 20. Jahrhundert hinein, stets auch ein fleißiger Bearbeiter von Musik, die eigentlich für andere Instrumente geschrieben wurde. Im Konzert erklangen Transkriptionen eines Flötenkonzerts von John Baston sowie zweier Werke von Bach. Im einen Fall, dem D-Dur-Konzert BWV 972, handelt es sich im Ursprung um eine Bach’sche Vivaldi-Transkription, im anderen, dem c-Moll-Doppelkonzert BWV 1060, liegt eine Rekonstruktion zugrunde. Beides nun noch einmal für Trompete eingerichtet: Quadratur des Kreises, ein beliebtes Spiel der Musik.

Auf andere Weise atemberaubend

Schon bei Baston beeindruckte, wie samtweich Höfs intoniert und von dieser Basis aus jedem Ton eine andere Modellierung angedeihen lässt, indem er ihm mal weicheres, mal härteres Metall beimischt. Heraus kommt ein solistisches Spiel, das meilenweit entfernt ist von jener Geste, die barocke Trompetenmusik nur als pausenloses Klangfeuerwerk versteht.

Höfs ist auf ganz andere Weise atemberaubend: Dadurch nämlich, wie er sein Instrument zurücknehmen kann, um etwa im c-Moll-Konzert die mitkonzertierende Violine von Sarah Christian nicht an die Wand zu drücken – und dabei doch in jedem Moment trompetengerecht zu funkeln. Viel Applaus von einem beeindruckten Publikum, als Zugabe ein Vivaldi-Triosonatensatz. Schade nur, dass dieser wunderbar aus der Reihe fallende Philharmoniker-Abend nicht ganz den Besucherzulauf fand wie die Sinfoniekonzerte sonst.

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