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Staatstheater Augsburg
15.10.2021

"Zuschauer werden zu Mittätern gemacht": Regisseurin über "In der Strafkolonie"

Aileen Schneider inszenierte „In der Strafkolonie“.
Foto: privat

Nach Ende des Lockdowns kommt endlich am Staatstheater die Philip-Glass-Kammeroper "In der Strafkolonie" heraus. Ein Gespräch mit Regisseurin Aileen Schneider.

Eine Oper über ein Konzentrationslager gibt es ja schon länger: Janaceks „Aus einem Totenhaus“. Philip Glass ließ dann 2000 ein Musiktheaterstück folgen, in dem eine bestialische Hinrichtungsmaschine und ihre perverse Bestrafungsmethode im Zentrum stehen: „In der Strafkolonie“ nach einer Erzählung von Franz Kafka. Worin liegt der Reiz für Sie, diese Kammeroper zu inszenieren?

Aileen Schneider: Zunächst ist das nicht die erste Oper, in der ich mich mit dem Thema Konzentrationslager auseinandersetze. Ich machte meinen Regieabschluss an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater 2016 mit Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“, entstanden 1944 in Theresienstadt. Auch da war meinem Ausstattungsteam und mir natürlich der Holocaust und die Rezeptionsgeschichte wichtig – ohne dass diese dann visuell dargestellt worden wären. Eine Allegorie der Moderne kann mehr erzählen als ihr Entstehungskontext. Und so empfinde ich das auch bei Glass’ „In der Strafkolonie“: Das ist eine visionäre Geschichte, die nicht genau verortet werden kann und in ihrer Brisanz bis heute eher Modellcharakter hat. Wir glauben, den Faschismus überwunden zu haben – und könnten doch wieder ganz nahe dran sein, wenn verschiedene Faktoren zusammentreffen. Das Ganze ist für mich eine Allegorie zur westlichen Gesellschaft mit ihren Moralvorstellungen, Strafgesetzgebungen und ihrer Hybris, über Recht und Unrecht entscheiden zu können.

Zeigen Sie das Zentrum des Werks, diese perverse Tötungsmaschine, die erst einmal, bevor sie hinrichtet, das vom Delinquenten übertretene Gebot in Haut und Fleisch ritzt?

Schneider: Nicht konkret. Wir haben uns entschieden, ein funktional-modernes Monument zu errichten, das über die Höhe des Brechtbühnen-Raums hinausgeht, den wir nutzen wollen. Die Maschine ist größer als der Raum. Sie wird eine Art lebendiger Organismus sein – und die Zuschauer werden zum Mittäter gemacht.

Besetzt sind vier Personen. Aber es gibt Inszenierungen, darunter die der Uraufführung, in der eine fünfte Person auftritt: Kafka. Wie halten Sie es?

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Schneider: Ich habe mich für Reduktion entschieden – was aber nichts mit Corona zu tun hat. Ich konzentriere mich auf die Psychologie zwischen drei Figuren: den Militäroffizier, das Opfer, das jeder von uns sein könnte – und den Besucher, der das alles beobachtet und mit hineingezogen wird. Ich glaube, das Ganze gewinnt so an Plastizität.

Eine Werkanalyse führt auf eine Vielzahl von latenten Interpretationsmöglichkeiten – bis hin zu christlichen Motiven. Welchen Sinn wollen Sie mit Ihrer Version der Kafka-Erzählung vermitteln?

Schneider: Wir glauben als Gesellschaft, dass wir über diesem archaischen „Strafkolonie“-Zustand stehen, aber wir sind da näher dran als wir meinen und könnten dorthin wieder abrutschen. Gewalt als Durchsetzung von Recht ist nicht gleichzusetzen mit Gerechtigkeit. Was die christlichen Motive angeht, so werden diese bei uns auch angedeutet: Der Offizier befindet sich in einer rituellen Welt, in der er so etwas wie Gott darstellt – und die Maschine besitzt auch die Funktion von Himmelfahrt.

Wenn Sie dem Streichquintett zuhören, das in dieser 80-minütigen Kammeroper minimal music ertönen lässt, worin liegt die Verbindung zum Stoff?

Schneider: „In der Strafkolonie“ ist nicht die erste Glass-Oper, die ich inszeniere. Es ist für mich faszinierend, diese antidramatische Musik zu nutzen, diese Klangflächen, in denen man geradezu zum Erzähler und Gestalter der Handlung werden muss. Die Musik stellt für mich den Sog dar, den die Hinrichtungsmaschine hat. Das Quintett ist Teil der Maschine. Sie ist ihr Motor, ihr Herz.

Zur Person

1993 in Rheinland-Pfalz geboren, war Aileen Schneider wiederholte Preisträgerin des Wettbewerbs Jugend musiziert und auch Preisträgerin eines Nachwuchs-Komponisten-Wettbewerbs. Von 2012 bis 2016 studierte sie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater das Fach Musiktheaterregie – bei Teilnahme von Meisterkursen des Regisseurs Willy Decker. Von 2017 bis 2020 arbeitete Schneider als Regieassistentin und Abendspielleiterin am Theater Augsburg; in dieselbe Position wechselte sie an die Oper Frankfurt am Main.

Zur Inszenierung

Kammeroper von Philip Glass (Uraufführung 2000 in Seattle); Augsburger Erstaufführung 16. Oktober 2021, 19.30 Uhr, Brechtbühne im Gaswerk; Musikalische Leitung Ivan Demidov; Inszenierung Aileen Schneider; Bühne Lisa Marie Damm; Kostüme Florian Parkitny; Besetzung Besucher (Roman Poboinyi), Offizier (Wiard Witholt), Gefangener (Thomas Berchtold), Streichquintett der Augsburger Philharmoniker; Dauer ca. 80 Minuten

Mehr über die aktuelle Spielzeit am Staatstheater Augsburg erfahren Sie auch im Podcast mit Intendant André Bücker, den Sie hier anhören können.

 

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