23.09.2019

Sterben ist des Lebens Sinn

Rainer Maria Rilke

Rilke-Gesellschaft: Die Anfänge des Dichters

Das soll wirklich von Rainer Maria Rilke sein, dem lyrisch-empfindsamen Schöngeist? Finster und unheimlich geht es in seinen frühen Prager Erzählungen der 1890er Jahre zu. Die Geschichten drehen sich um Suizid und Mord. Der qualvolle Tod scheint dem Leben überhaupt erst Sinn zu verleihen. „Das ist nicht das, was wir von Rilke erwarten“, resümierte Prof. Erich Unglaub das Treffen der Rilke-Gesellschaft am Wochenende im Friedberger Wittelsbacher Schloss.

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Rilke war um die 20, als er erste Erzählungen schrieb. Und schon in der ersten Skizze „Das Eine“ geht es um Leben und Tod. Eine verheiratete Frau gesteht sich im Rückblick zu, dass sie durchaus Glücksmomente in ihrer Ehe erlebt habe, aber das Eine, den Lebenssinn, vermisste sie. Deshalb geht sie in den Mühlenteich…Dasselbe in der zweiten Skizze „Ihr Opfer“: Das Glück einer jungen Ehefrau wird alsbald von ihrem kalten und strengen Gatten zerstört. Ihr Leben habe sich „wie ein Becher mit schalem, abgestandenem Tranke“ angefühlt. Als sie ankündigt, sie werde ihm ein Geschenk machen, denkt er an die Geburt eines Kindes, sie aber will aus dem Leben scheiden.

Prof. Walter Seifert, Germanist an der Universität Passau, der ein Standardbuch zum Frühwerk Rilkes verfasst hat, brachte ein ums andere Beispiel solcher Endzeitstimmung, die vor der Jahrhundertwende viele Literaten umflort hatte. Die durch Technik und Zivilisation geprägte Moderne empfanden sie als eine brutale Störung der Naturidylle. So erscheinen Bahngleise bei Rilke als „silberne Schlange“ und das „Riesenungetüm“ einer Lokomotive droht ihn zu „zermalmen“. Tödliche Unfälle zieht diese technisierte Welt nach sich und stößt Angehörige in Verzweiflung.

Sterben ist des Lebens Sinn

Die sozialen Bedingungen der Industrialisierung zwingen die Proletarier zu einem „Dasein, das sich zwischen Elend und Gemeinheit fort quält in stummer Bestialität“. Seifert findet in Rilkes frühen Texten Zilles Milieu-Studien gespiegelt. Er empfindet ganz ähnlich wie Gerhard Hauptmann in „Bahnwärter Thiel“. Rilkes Personen werden von grotesken Wahrnehmungen gepackt und schrecken vor keiner Bluttat mehr zurück. In der Novelle „Was toben die Heiden?“ begeht ein Mann, um Geld zur Behandlung seiner todkranken Frau zu beschaffen, einen Raubmord; doch da ist seine Frau schon gestorben, und ihm bleibt bei seiner Rückkehr nur der Suizid.

Nach Friedberg fand die Rilke-Gesellschaft dank ihres Präsidenten Erich Unglaub. Er war Deutschlehrer am hiesigen Gymnasium, ehe er Mitte der 90er Jahre eine Professur für deutsche Literatur in Flensburg annahm. Nur auf den ersten Blick scheint Friedberg nichts mit Rilke zu verbinden – außer vielleicht begeisterten Lesern. Doch im Schloss lebte der Maler Fritz Schwimbeck, der 1915 Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“ illustrierte, der wiederum Rilkes reges Interesse fand.

Seine Grafik aus der Welt des Unheimlichen voll schwarzer Romantik und Fantastik traf genau die Seelenstimmung des jungen Rilke. Walter Seifert zeigt auf, dass sich die Linien fortsetzen in dem „Malte“- Roman von 1910. Noch eine Entdeckung erbrachte die Konferenz: ein jüngst in der Österreichischen Nationalbibliothek gefundenes abgepaustes Fotoporträt der Láska van Oestéren, mit der Rilke ab 1895 in vertrautem Briefkontakt stand.

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