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Theater Augsburg

15.04.2013

Theater: Politisch inkorrekt zum "Ursprung der Welt" des Islam

Gyges (Alexander Darkow, links) staunt, als er die voll verschleierte Frau (Lea Sophie Salfeld) von Kandaules (Ulrich Rechenbach) sieht.
Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg

Auf der Brechtbühne wird die Komödie „Ursprung der Welt“ gespielt. Sie bringt das Thema Integration von Moslems als garantiert politisch inkorrekten Schlagabtausch ins Theater.

Auf den Punkt gebracht: Die Lektüre von Soeren Voimas Stück „Ursprung der Welt“ beginnt mit dem Untertitel „Eine verschleierte Komödie“ und endet mit der Ermordung eines in Deutschland voll integrierten Moslems.

Das allein ist schon eine starke Provokation – auch unabhängig von Rechtsradikalismus und NSU. Nimmt man – bei aller Verschleierung – die Genrebezeichnung Komödie ernst, dann fragt es sich, welche Art von Humor hier herrscht und worin der Witz dieser aktualisierten Paraphrase von Friedrich Hebbels Drama „Gyges und sein Ring“ (1854) besteht.

Antwort: Es ist der Humor eines Grotesktanzes, der Humor einer absurden, aber nicht vollkommen unwahrscheinlichen Geschichte; und ihr Witz ist so hilflos wie verzweifelt. All das, was der „Deutsche an sich“ aus lauter Muffensausen, politisch inkorrekt zu sein, nur am Stammtisch zum Thema Islam und dessen Behandlung der Frau ausspricht, das wird auf der Augsburger Brechtbühne öffentlich und unverbrämt verhandelt – ebenso wie gleichzeitig beispielhaft gezeigt wird, worin anscheinend eine Behandlung der Frau im aufgeklärten Mitteleuropa besteht. Der Arbeitgeber lässt sie sich bei ihm hochschlafen.

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Dieses Stück von Soeren Voima – ein Pseudonym – lebt vollkommen aus seinem Inhalt, aus seinem argumentativen Schlagabtausch. Man bräuchte es, um seine Explosivkraft zu verstehen, gar nicht einmal zu inszenieren.

Eine Worthübsche Pro-Islam-Kampagne steht im Mittelpunkt von "Ursprung der Welt"

Eine Lesung schon wäre dramatisch: Hier die zu Herzen gehende Theorie der Toleranz gegenüber islamischem Glaube und Brauch, dort die Praxis des Unverständnisses, wenn zwei Augen und eine Burka tatsächlich hereinschneien – nämlich in eine deutsche Werbeagentur, die gerade eine worthübsche Kampagne pro Islam-Integration entwerfen soll.

Was bislang fern und abstrakt und reizend-exotisch wirkte, ist plötzlich ganz nah und konkret und störend – erst recht, wenn der längst als Mitteleuropäer akzeptierte und geliebte Arbeitskollege diese zwei Augen und eine Burka soeben blitzplatz geehelicht hat. Nun herrscht Erklärungsnotstand im Büro. Besonders bei der ebenfalls blitzplatz kooperativ vernaschten Agentur-Hospitantin Sarah, die mit ihren Islam-Ressentiments am wenigsten hinter dem Berg hält. Hasserfüllt zieht sie vom Leder und spricht aus, was andere lieber nur denken.

Wie also soll nun der deutsche Muselmann Kandaules seinem deutschen Christen-Kompagnon Gyges klar machen, dass er nicht anders konnte als Nyssia stehenden Fußes, quasi willenlos, zu heiraten, als er sie bei einem Beerdigungsurlaub zwischen Euphrat und Tigris erstmals sah? Am Besten, er führt die Braut, ohne dass sie es merkt, Gyges so vor, wie Allah sie schuf. Am Besten?

Die Begutachtung der Braut im Bett geht im Theater ordentlich schief

Jedenfalls gilt der alte Kodex: Zwei Männer, die alleinig und extrem und ausschließlich mit „den Augen denken“ – ein Wort. Kandaules wünscht Gyges zum „Zeugen seines Glücks“, damit dieser endlich kapiere, und Gyges in seinem Unglauben will Kandaules’ Glück verstehen, am liebsten begreifen.

Die heimliche Begutachtung von Nyssia (und ihrer ehelichen „Pflichten“) fliegt freilich auf, und die verschleierte Komödie wird nun zur blanken Tragödie. Stichwort: Ehrbegriff. Ein starker Text, ein starkes Stück, garantiert politisch inkorrekt und das Dilemma zwischen Morgen- und Abendland beim Namen nennend. Mal schauen, ob jemand die Deutlichkeit stört.

Zumal in der Inszenierung von Ramin Anaraki auch ein ziemlich cooler, flapsiger, rüder Ton herrscht. Ulrich Rechenbach (Kandaules), Alexander Darkow (Gyges) und Clara-Marie Pazzini (Sarah) eint das Vorrecht der Jungen auf ein schnelles, harsches Urteil; Sebastian Baumgart (Azad) und Lea Sophie Salfeld (Nyssia) wiederum haben viel zu staunen über Glaube und Verhalten im christlich geprägten Abendland. Die farbigen Folien, die sich immer mal wieder vor der Zuspitzung der Story vom Bühnenhimmel senken, mag man als ideologische Brillen unterschiedlicher Couleur betrachten (Ausstattung: Marc Bausback).

Eindeutig ist dieser Abend nicht, er schlägt manche Volte. Aber ungeschminkt ist er in jeder Hinsicht.

Nächste Aufführungen: 18., 19., 27. April, 3., 8., 12., 24., 31. Mai, 5. Juni

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