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Jazzclub

15.03.2020

Tim Allhoff lässt Smilla durch den Raum schweben

Tim Allhoff, hier bei einem Konzert im Januar, spielte noch einmal im Jazzclub.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Augsburger Jazzpianist Tim Allhoff ist diesmal solo zu hören und kehrt sein Innerstes nach außen. Man denkt an Keith Jarrett, aber auch an Punk

Das Virus: ein steter Tropfen auf die Stirn dieser Tage. Immer lauter dröhnt das omnipräsente C-Wort bei jeder erneuten Erwähnung, immer spürbarer sind die Konsequenzen. Bevor dann auch der Jazzclub für Wochen lahmgelegt wird, wurden die zahlreichen, nach einem letzten Konzert gierenden Besucher mit einem Solopiano-Set anlässlich des neuen Albums „16 Pieces for Piano“ (sony) von Tim Allhoff in die kommende kulturelle Dürre hinausgespielt. Nur der Pianist, ein von Kilian Volz fantastisch eingestellter Flügel und seine Geschichten. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, als die ersten Töne von „Smilla“ durch den Kellerclub schweben.

Als würde Tim Allhoff aus seinem Tagebuch lesen

Der Anfangston bleibt in einer ostinatohaften Dauerschleife stehen, außen herum passiert allerhand. Dissonanz löst sich in Konsonanz, Basstöne tanzen um den Akkord, ein vermeintlicher Bruch im Stück begrüßt eine neue, liebevoll in den hohen Lagen gestreichelte Melodie, die wie zufällig wieder den Anfangston findet. Bei Solokonzerten am Piano denkt man unweigerlich an Keith Jarrett, der 1975 in der Kölner Oper einen ganzen Abend mit nur einem Akkord bestritt. Das mag nach einer eintönigen Geschichte klingen, ist aber ein hochemotionaler Flug durch die Bandbreite des Instruments: flirrende Melodien, halsbrecherische Läufe und das Perkussive, das aus dem tiefsten Viertel der Klaviatur bricht. So ein Flug ist ein Leichtes für Tim Allhoff.

Bei der Ballade „Theresa“ geschieht dann Seltsames wie Wunderbares. Tim Allhoffs Spiel klingt, als würde er aus seinem Tagebuch lesen. Er kehrt sein Innerstes nach außen, spielt so entblößt, dass man sich fast schon geniert, so genau hinzuhören. Aber vielleicht ist Theresa gar keine knospende oder verflossene Liebe. Vielleicht ist sie gar keine bestimmte Person, vielleicht hat jeder im Publikum einen anderen wichtigen Menschen im Sinn. Das vermag Allhoffs Musik – die Gedanken treiben auf den Wellen der Töne ganz von alleine, ohne dass nur ein Ton den Gehörgang verpasst.

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Die Hymne auf einen Sushiladen klingt nach Punk

Der Pianist kann aber auch anders. Hätte Johann Sebastian Bach die Punkband Ramones gekannt, wäre ein nach vorne gehender Piano-Punkbrecher wie die Sushiladen-Hymne „Sasaya“ keine Überraschung in seinem Œuvre. Und man stellt sich die Frage, wie wohl ein Song unter dem Einfluss von Superfoods wie Chia-Samen und Avocado klingen würde, wenn man mit einem Bauch voll rohem Fisch schon eine solche Energieleistung hinlegen kann.

Spätestens jetzt wird offensichtlich, dass der Abend nicht nur ein weiteres Klavierkonzert ist. Es ist vielmehr ein Parforceritt durch gut sieben Oktaven. „Sehnsucht“ ist ein gefühlvolles Stück moderner Klaviermusik, beim Jazzstandard „If I should lose you“ purzeln die Töne nur so übereinander, eine Übersetzung eines Bachchorals von Ferruccio Busoni bringt eine seltene sakrale Stimmung in den Jazzclub. Pop und Indie, Jazz und Barockmusik – als Fan wie als Komponist, Arrangeur und Musiker lässt Tim Allhoff Musik aus allen Richtungen in seine Kunst einfließen. Und er hat es über seine mittlerweile sieben Alben hinweg geschafft, diese unterschiedlichen Einflüsse unter seinem eigenen, persönlichen Klang zu vereinen. Tim Allhoff klingt nur wie Tim Allhoff.

Nach guten eineinhalb Stunden hat der Pianist allen Grund, erschöpft zu sein. Das Publikum hätte wohl noch Stunden lauschen können. Doch nach der zweiten Zugabe, einer bezaubernden Version des tieftraurigen Beatles-Stückes „She’s Leaving Home“ von Sgt. Pepper’s, ist es nicht mehr zu verleugnen: So fühlt sich dann wohl der schwere Gang in die Zwangspause an.

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