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Konzert

10.10.2019

Ton Steine Scherben sind immer noch wütend

Funky K. Götzner und im Hintergrund Kai Sichtermann von Ton Steine Scherben im Spectrum in Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Im Spectrum wird ersichtlich: Ton Steine Scherben gibt es immer noch und das völlig zu recht, sie sind nämlich immer noch relevant.

Wenn längst aufgelöste Bands mit Relevanz und Reputation nach langer Zeit wieder zusammen auf Tour gehen und Platten aufnehmen, hat das oft einen faden Beigeschmack: Noch einmal eine Reise mit dem Nostalgieexpress und dem Ziel große Kasse. Bei Ton Steine Scherben ist das anders. Die übrig gebliebenen Scherben, Gründungsmitglied Kai Sichtermann (Bass) und Percussionist Funky K. Götzner, immerhin seit 1974 dabei, spielen nicht, weil sie kurz vor der Rente noch einmal das süße Rockstarleben auskosten wollen, sondern weil sie nicht anders können.

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Die reduzierten, halbakustischen Arrangements der alten Anarchoklassiker wie „Alles Lüge“ oder „Keine Macht für Niemand“ in Trioformation mit dem 2014 hinzugekommenen Sänger und Gitarristen Gymmick klingen im Augsburger Spectrum knochentrocken und glasklar zugleich und haben nichts an Energie und Dringlichkeit verloren – im Gegenteil. Götzner reicht eine Cajón oder ein Tambourin für einen beeindruckend präsenten Rhythmus, die einfachen, aber effektiven Basslinien geben den simplen Akkorden der Westerngitarre sowohl Rückgrat als auch Raum. Punkrock muss nicht immer laut sein, um gehört zu werden. Gymmick nimmt man jedes einzelne Wort, das er mit seiner kraftvollen, rauen Stimme singt, sofort ab; und das will angesichts der großen Fußstapfen des 1996 verstorbenen Scherbenfrontmans Rio Reiser, die er heute zu füllen hat, etwas heißen.

Auf die Probleme der Gegenwart wird hingewiesen

Aber bei dieser Version der Scherben geht es auch nicht darum, einem ergrauten Publikum eine Hit-Revue vorzutanzen. Das zeigen die neuen Stücke aus der Post-Reiser-Ära, die sich nahtlos und ohne Bruch in die Berliner Hausbesetzerhymnen aus den frühen 1970ern einfügen. Obwohl, einige aus dem leider etwas überschaubaren Publikum hatten durchaus nostalgische Gründe, um an diesem regnerischen Mittwochabend ins Spectrum zu kommen. Und beim Großteil der Besucher muss man sich auch keine Sorgen machen, dass sie die Bühne in Brand setzen, so wie das auf dem Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn 1970 geschah.

Aber die Band schafft es, mit altersmilder Wut und nachdrücklich gespielten Liedern den Anwesenden bewusst zu machen, dass die Gründe, die einen Song wie „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ entstehen ließen, heute akuter denn je sind: Wohnungsnot, Obdachlosigkeit, Fake News, Ariertum und schonungsloser Kapitalismus haben 50 Jahre später noch größere Auswüchse erreicht. Und Gymmick sagt es selbst: Er widmet das Stück „Wann wenn nicht jetzt“ der Fridays-for-Future-Bewegung, die „aus guten Gründen auf die Straße geht und sich dafür noch von alten Männern in dicken Autos beschimpfen lassen muss“. Auf ihrem ersten Album fragten Ton Steine Scherben: „Warum geht es mir so dreckig?“ Solange es nur eine Antwort auf die Frage gibt, aber keine Hoffnung auf eine Lösung, bleibt diese Band relevant. Und die 100 Augsburger im Spectrum haben das an diesem Abend verstanden.

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