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Martinipark

18.05.2018

Trugbilder aus Träumen und Erinnerungen

„Mich interessiert Theater als sinnliche Erfahrung“, sagt Regisseur Dirk Schmeding, der für das Theater Augsburg jetzt „Solaris“ inszeniert.
Bild: Wolfgang Diekamp

Stanislaw Lems Roman-Klassiker „Solaris“ wird zur Oper und soll ein Kammerspiel mit elektronischer Verfremdung sein.

Die Weite des Universums, die Erforschung fremder Welten, die Frage nach außerirdischen Lebewesen – neuerdings interessiert sich dafür auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. In Literatur und Film ist die Faszination für das Universum aber ein gängiger Stoff, der viele Klassiker hervorgebracht hat. Einer davon ist Stanislaw Lems Roman „Solaris“ aus dem Jahr 1961, mehrmals schon verfilmt und als Theaterstück auf die Bühne gebracht, von dem japanischen Komponisten Dai Fujikura jüngst auch als Oper vertont. Als deutsche Erstaufführung hat sie nun im Martinipark Premiere.

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„Ein unfassbares Buch“, meint Regisseur Dirk Schmeding. Denn die Science-Fiction-Handlung sei die Folie für eine erstaunliche Fülle von Themen: den Drang, die eigenen Grenzen zu überwinden, den Umgang mit dem Fremden, den radikalen Perspektivwechsel, aber auch die Frage, wie sich mit menschlichen Maßstäben überhaupt etwas beurteilen lässt, das jenseits des Vorstellbaren liegt. Interessant findet Schmeding von daher die im Buch angelegte Grundsituation: „Man sucht das Unermessliche und begibt sich in eine Enge, eine klaustrophobische Situation, die einen auf sich selbst zurückführt.“

Solaris ist ein Planet mit außerordentlicher Hülle

Schmeding spricht damit die Handlung an, die in einer Raumstation in der Umlaufbahn des Planeten Solaris angesiedelt ist. Der wird von einer ozeanartigen Hülle umgeben, die außerordentliche Fähigkeiten an den Tag legt und eine Form von künstlicher Intelligenz ist: Aus Erinnerungen und Träumen materialisiert sie Repliken von Menschen. In dieses Umfeld kommt der Psychologe Kris Kelvin und trifft dort auf seine vor zehn Jahren verstorbene Frau Hari. Ist sie ein menschliches Wesen oder doch nur eine Wahnvorstellung seiner Wünsche und Gedanken? Die Konfrontation mit Hari und einer Schuld, die er in der Vergangenheit auf sich geladen hat, machen die Oper zu einem Beziehungsdrama und Psychothriller, stellt Dirk Schmeding dar.

Trugbilder aus Träumen und Erinnerungen

Außergewöhnlich sind an diesem Opernwerk nicht nur das Thema und das Setting, sondern auch die Musik. Ein kleines Orchester mit 18 Musikern – Streicher, Bläser und erweitertes Schlagwerk – erzeugt im Zusammenspiel mit elektronischen Verfremdungen ein Klangbild, das Schmeding als „irisierend und entrückt“ beschreibt, passend zu der Schwerelosigkeit, in der die Handlung spielt, passend aber auch zur nur vage begreifbaren Besonderheit jenes geheimnisvollen Ozeans um den Planeten Solaris. Für die Effekte haben die Tontechniker des Theater Augsburg mit dem französischen Soundkünstler Gilbert Nouno zusammengearbeitet, der die Live-Elektronik für die „Solaris“-Uraufführung 2015 in Paris eingerichtet hat. Schwebend wird im Übrigen auch das Bühnenbild von Robert Schweer sein, ein Kasten, der sich in Richtung Zuschauerraum bewegt und auf der großen Martinipark-Bühne einen Rahmen für dieses Kammerspiel mit nur vier Darstellern bildet.

Den Regisseur interessiert die sinnliche Erfahrung

Dass diese „Zauberbox“, wie Schmeding sie nennt, noch mit einigen optischen Effekten ausgestattet ist, kommt seinem Verständnis von Theater dabei entgegen. „Mich interessiert Theater als sinnliche Erfahrung, ich will kein inszeniertes Studienseminar auf der Bühne“, sagt er. So ist der 35-Jährige, geboren und aufgewachsen im niedersächsischen Bückeburg, ein Mann der Praxis. In einem bestens ausgestatteten Theaterraum in seiner Heimatstadt machte er erste Erfahrungen mit dem Schultheater, war von Jugend an ein leidenschaftlicher Operngänger und gab schließlich das Kunstgeschichtsstudium zugunsten einer Regieassistenz am Nationaltheater in Weimar auf. Seit 2014 arbeitet er freischaffend als Opernregisseur. Dass er im Musiktheater, mehr noch als im Schauspiel, in ein Kollektiv mit Orchester und Chor eingebunden ist, macht für ihn einen besonderen Reiz aus. „Das Tempo, die Atmosphäre und den emotionalen Gehalt einer Inszenierung gibt die Musik vor. Ich versuche, gegen diese scheinbare Grenze mit Fantasie anzugehen.“

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