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Junge Künstler

26.03.2021

Verena Kandler will die Kunst nicht in Museen sperren

Ein selbstbewusstes Frauenbild vertritt Verena Kandler in ihren knallbunten Acryl-Arbeiten.
Foto: Kandler

Die weiße Leinwand schreckt die 25-Jährige ab. Für ihre Malerei verwendet sie oft Werbematerialien.

Als im September 2020 der Tod Ruth Bader Ginsburgs bekannt wurde, reagierten viele Menschen betroffen. Das mag erstaunlich erscheinen für eine Richterin am Supreme Court der USA, ist aber nur konsequent bei einer feministischen Ikone, die vielen Frauen eine Stimme gab, ihnen ihre Rechte zukommen ließ und sie aus der Rolle befreien wollte, die ihnen von der Gesellschaft vorgeschrieben wurde. Auch wenn die junge Augsburger Künstlerin Verena Kandler „nicht per se feministische Kunst macht“, wie sie selbst sagt, ist Ginsburg ein passendes Motiv für ihre Arbeit – wenn auch gut versteckt.

Die Basis für ihr Gemälde „Lady Liberty“ von 2020 ist das Kinobanner der Filmbiografie „Die Berufung“ von 2018, die den Weg Ginsburgs an den obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten nachzeichnet. Die Protagonistin auf dem Plakat ist mit knalligen Acrylfarben mit kräftigem, comichaftem Strich in eine futuristische Superheldin verwandelt worden, die ihr Kinn selbstbewusst nach oben reckt und deren mit Plastikresten collagiertes, stilisiertes Superheldenkostüm ihr eine Aura der Unantastbarkeit verleiht. Eine Arbeit mit höchstem Wiedererkennungswert.

Verena Kandlers selbstbewusstes Frauenbild

Der Kuratorin des jüdischen Museums Augsburg, Souzana Hazan, gefallen Kandlers „nicht schmeichelhafte, laute, knallige Arbeiten, sie hat einen aussagekräftigen Stil und vertritt ein junges, selbstbewusstes Frauenbild“. So erklärt sie die Zusammenarbeit mit der 25-Jährigen für die aktuelle Ausstellung „Schalom Sisters*! - Jüdisch-feministische Positionen“. Neben „Lady Liberty“ sind dafür aktuell im Pop-Up-Store in der Annastraße weitere Arbeiten Kandlers zu sehen. Auch im Außenbereich des Schaezlerpalais’ ist eine Ausstellung geplant, dafür bearbeitet Kandler im Moment Veranstaltungsbanner aus dem hauseigenen Archiv, um sie transformiert wieder ihrem Ursprungsort zuzuführen.

„Hüllen füllen", 2021, Acrylfarbe und Werbedruck auf Papier, 42 x 29 cm.
Foto: Verena Kandler

Die Umnutzung von Werbematerialien, Plakaten und Plastikmüll zieht sich wie ein roter Faden durch Kandlers Werk: „Die weiße Leinwand schreckt ab. Warum muss alles auf einer weißen Leinwand beginnen, wenn es Vorhandenes gibt, das man nutzen und kommentieren kann?“ Von der Mehrheit werde Etabliertes weder reflektiert noch hinterfragt, sei es die nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung in einer Synagoge, der unwirkliche Perfektionismus auf Instagramfotos oder die Omnipräsenz von QR-Codes, die ständig gescannt werden wollen, damit weiter gekauft werden kann.

Der öffentliche Raum ist Verena Kandler ein Anliegen

Dabei ist Kandlers Kunst keineswegs nur politisch, „das Interesse an Material und Motiv“ ist immer zuerst da, „Plastikmüll schimmert und hat etwas Glamouröses, die Verwendung von Konsummaterialien bedeutet nicht automatisch Konsumkritik“. Dass sich während der Bearbeitung Gedanken zum Motiv bilden und es klarer erscheinen lassen, ist Teil des künstlerischen Prozesses; ein Prozess, der auch bei den Betrachtenden ausgelöst werden kann – und soll. Deswegen ist es Verena Kandler ein Anliegen, dass sich Kunst „nicht in Museen und Galerien selbst einsperrt“, sondern der öffentliche Raum genutzt wird, um die Kunst vom Ruf der vermeintlichen Exklusivität zu befreien und für die Menschen zu einem selbstverständlichen Teil des Draußen zu machen: „Kunst muss im öffentlichen Raum sichtbar werden, im Supermarkt, in der Tram, Werbeflächen müssen zu Kunstflächen werden“, so fordert es die Künstlerin und appelliert an die Entscheidungsträger, gerade in Pandemiezeiten „Kultur noch aktiver zu fördern. Es wäre so viel mehr möglich, wenn die Politik Kunst mehr auf dem Schirm hätte“.

Unbequeme Fragestellungen aus den Räumen heraus in die breite Öffentlichkeit zu tragen, ist ebenfalls das Anliegen der Kuratorinnen des jüdischen Museums. So wird am 20. Mai auf dem Königsplatz im Rahmen der „Schalom Sisters*!“-Ausstellung ein Livepainting mit Verena Kandler stattfinden, bei dem man der Künstlerin zusehen kann, wie aus gefundenen Materialien aus der Werbung ein neues Werk entsteht. Die Straße wird zu Atelier und Ausstellungsraum gleichzeitig, die Künstlerin bekommt die Reaktion des Publikums unmittelbar mit und es entsteht die Möglichkeit, bei pandemiegerechtem Abstand ins Gespräch zu kommen. Der direkte Austausch zwischen Künstlerin und Betrachtenden reißt die Museumsmauern ein, die Werk und Menschen trennen. Kandlers Anliegen und die Aufgabe der Kunst wären damit erfüllt.

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