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Eukitea

15.03.2020

Virtuose Violin-Duos: Zwei Geigen genügen sich selbst

Im Einklang: Johanna Pichlmair und Christoph Henschel spielten im Eukitea Theater.
Bild: Peter Fastl

Im vorerst letzten Konzert im Eukitea Theater brillieren Johanna Pichlmair und Christoph Henschel mit virtuosen Duo-Stücken.

Auch in der Tonkunst gibt es Corona. Alternativ wird sie „Fermate“ genannt und bezeichnet ein unbestimmtes Anhalten der Musik. Freitagabend veranstaltete das Eukitea Theater in Diedorf das vorerst letzte Konzert in seinem Haus. Das Coronavirus hat auch den Klassikbetrieb in und um Augsburg auf unbestimmte Zeit zum Erliegen gebracht. Der Diedorfer Ausklang war ein würdiger. Repertoire und Besetzung waren außergewöhnlich.

Vor (immerhin) rund zwei Dutzend Zuhörern spielten Johanna Pichlmair vom BR Symphonieorchester und Christoph Henschel, Mitglied des weltberühmten Henschel-Quartetts und beide überragende Geiger, „Virtuose Violin-Duos von Barock bis zur Gegenwart“, von Jean Marie Leclair bis Luciano Berio. Der Titel war Programm.

Mit schnellen Parallel-Läufen

Denn die Virtuosität entstammt dem lateinischen Wort für Tugendhaftigkeit und Vollkommenheit und bedeutet technische aber auch künstlerische Brillanz. Die zwei Künstler wurden beidem gerecht. Die meist enorme Präzision im Zusammenspiel begrenzte sich nicht auf – staunenswert übereinstimmende – Phrasierung, Artikulation oder Genauigkeit in schnellen Parallel-Läufen. Die messbare Übereinstimmung entsprang dem musikalischen Konsens. Weil beide identisch empfanden und atmeten, folgte auch die Interpretation der erst 30-jährige Johanna Pichlmair und Christoph Henschels dieser Einheit. An den wenigen divergierenden Momenten zeigte sich das hohe Maß an Konzentration.

Virtuose Violin-Duos: Zwei Geigen genügen sich selbst

Überraschenderweise ließ keines der sechs gespielten Werke ein tiefes, stützendes Instrument vermissen. Die zwei Violinen genügten sich selbst. Das sprach ebenso für die Komposition wie Interpretation.

Unter den Stücken war nur W. A. Mozarts Duo op. 70/ Nr. 1 in B eine Bearbeitung: Aber die dreisätzige Violinsonate KV 378 von 1779 mit wechselnden Rollen gleichberechtigter Gesprächspartner bleibt sich auch in der Fassung für zwei Violinen treu. Das vollendet gelassen-kantable Kopfthema, die wiegenliedhafte Zärtlichkeit im Andantino sostenuto, das sublimiert Rustikale im etwas schnellen Rondeau ist Reinheit auf höchstem Niveau, eine der schwersten Aufgaben für den Interpreten. Bewundernswert stimmig und natürlich gelangen den beiden Interpreten die Kantilenen, die minimale Agogik am Bogenende, das Duettieren und die klangliche Schönheit. Ein Genuss war auch der jeweils individuelle Ton, der in dieser dialogreichen Sonate besonders zutage trat, bratschiger der Christoph Henschels, lichter und schwebender der Johanna Pichlmairs.

Sehnsucht wird zu Klang

Dieses Kleinod gehört unbedingt ebenso zur Liste der musikalischen Hausapotheke wie Sergej Prokofieffs Sonate für zwei Violinen in C, op. 56, ein weiterer Höhepunkt und großes Finale des Abends. Klang gewordene Sehnsucht das rhetorische Andante cantabile, virtuos kräftig-folkloristisch das Allegro, einem dunklen Scherzo ähnlich, nebulös das Commodo mit dem flötenden Sordino Henschels atmeten die Sätze atemberaubende Intensität.

Diese Musik ergriff das Publikum trotz ihrer Modernität mehr als die Duos von Jean Marie Leclair (1697–1764) und Louis Spohr (1784–1859), die mit zierlicher Noblesse und barocker Echodynamik oder mit frühromantischer melodischer und technischer Bravour begeisterten, Letzteres ins Hochromantische fortgeführt in den zwei Capricen aus op. 18 von Henri Wieniawsky.

Eine Entdeckung waren die fünf „Duetti per due Violini“ aus dem 34-teiligen Zyklus Luciano Berios (1925–2003), Suite-ähnlich geordnete Miniaturen, jede einer Persönlichkeit der Musikwelt heute zugeeignet – leider gab der Programmzettel nicht an, welche gespielt wurden. Mal von der fragilen Noblesse einer venezianischen Palastruine, mal rhythmisierte Klage, im schwebenden Flageolett oder Walzerschritt war auch in diesen Duetten die Tonalität eine gemäßigt moderne und die Aussage eindrücklich.

Die Besucher waren von dem hochkarätigen Konzert begeistert. Mit gutem Grund verwies Eukitea-Leiter Stephan Eckl, dem jetzt ebenso wie vielen anderen Veranstaltern schwere Zeiten drohen, zu Beginn des Konzertes auf die „Therapie für die Widerstandskraft“, die in der Musik, in der Kunst steckt: „Musik macht glücklich und Glück macht gesund. Kunst als Nahrung für die Seele wäre also gerade in dieser Zeit wichtig“, sagte Eckl.

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