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Geschichte

06.03.2020

Von der Schönheit der Gasbehälter

Augsburg bewahrt sein industrielles Erbe. London will einen der ältesten Gasbehälter der Welt abreißen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Im 19. und 20. Jahrhundert halfen Gasbehälter, Licht in die Metropolen zu bringen, heute werden sie oft missachtet und abgerissen.

Barbara Berger – weiße Bluse, schwarzer Blazer – steht im dritten Stock im Ofenhaus des Gaswerks in Augsburg. Fasziniert guckt sie durch die Fensterfront auf den noch erhaltenen Scheibengasbehälter: 86 Meter hoch, Fassungsvermögen 100000 Kubikmeter. „Das hier in Augsburg ist ein Geschenk, dass man alles noch so gut erhalten sehen kann“, sagt die 36-Jährige. Kürzlich stellte Berger ihr Buch „Der Gasbehälter als Bautypus“ vor – ihre Dissertation ist ein Standardwerk über einen Bautyp der Neuzeit, der bereits heute als historisches Objekt gilt.

Ihm ist es zu verdanken, dass die Metropolen im 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr durch Kerzen und Öllampen, sondern durch Gaslampen beleuchtet wurden. Man dürfe dabei nicht vergessen: „Das war eine wichtige Industrie, die auch zum heutigen Wohlstand beigetragen hat“, sagt Berger. Das Problem: Viele wüssten heute nicht mehr, welche Funktion die „Gerippe“, die oft nur noch von den Bauten übrig geblieben sind, in der Vergangenheit hatten. In London wird einer der ältesten noch stehenden Gasbehälter von 1869 zurzeit abgebrochen. „Mir blutet das Herz, das ist jammerschade.“

Berger sieht ihre Mission darin, die Menschen aufzuklären und sie für diese wichtige Ingenieurskunst zu begeistern. Ihren Anfang nahm die Industrie mit mehreren Ingenieuren – zwei von ihnen waren der Schotte William Murdoch und der Engländer Samuel Clegg. Am Silvesterabend 1813 beleuchteten sie die Westminster Bridge in London mithilfe von Steinkohlegas – und setzten damit weltweit ein Zeichen. Gaslampen erleuchteten schon bald nicht nur öffentliche Plätze, sondern zogen auch in die Haushalte ein. Das Gas dafür musste produziert und gespeichert werden.

Von der Schönheit der Gasbehälter

Der Gasbehälter von MAN hat die Welt erobert

Die steigende Nachfrage führte zu größeren Behältern, die immer mehr Wasser als Gasdichtung voraussetzten. Eine herausragende Entwicklung, um eine wirtschaftliche Konstruktion zu ermöglichen, kam 1913 vom deutschen Ingenieur Konrad Jagschitz: der Scheibengasbehälter. „Der Behälter von MAN hat die Welt erobert“, sagt Berger. Durch ihn wurde es möglich, die Behälter anstatt mit einem großen Wasserbecken mit einem kleinen Kanal abzudichten. In Chicago baute MAN mit 114 Metern Höhe den größten Gasbehälter weltweit, der über 560000 Kubikmeter fassen konnte.

In den 1960er Jahren verzichteten viele Städte auf die Gasbeleuchtung. Viele Anlagen sind seitdem ungenutzt. „Man darf die Behälter nicht einfach beseitigen. Man muss sie integrieren. Man sollte sie nicht verkennen, sondern erkennen“, sagt Berger. In Wuppertal beispielsweise ist in einem alten Gasbehälter eine Kletterhalle mit Fitnessstudio entstanden, in Rom entstand in einer ehemaligen Anlage ein Parkhaus.

Berger, die Architektur studiert hat und an der Hochschule München zum Thema „Wassertürme“ lehrt, ist während eines Auslandsaufenthaltes in Venedig mit Gasbehältern in Berührung gekommen – seitdem ist die 36-Jährige von den Bauten fasziniert.

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