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Literatur

27.04.2019

War Brecht ein Drückeberger oder ein Revolutionär?

Die Arbeiter marschierten im Frühjahr 1919 durch Augsburgs Straßen. Und wie verhielt sich Bertolt Brecht zur Räterevolution?
Bild: Stadtarchiv Augsburg

Der Augsburger Stückeschreiber ist allemal für einen historischen Streit gut. Hat er sich am Kriegsende 1918 aus allem herausgehalten oder doch mit der Räterevolution sympathisiert?

War Bertolt Brecht ein „Opportunist“, ein „Drückeberger“ oder gar ein „Konterrevolutionär“ am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und in der folgenden Räterevolution? Seit Brechtforscher Jürgen Hillesheim diese Begriffe in den Raum gestellt hat, schlägt die Woge der Empörung unter Augsburger Brechtfreunden hoch. Bei einer Diskussion am Donnerstagabend im Brechthaus entlud sich das kleine Gewitter.

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Der Historiker Reinhold Forster, Inhaber der Geschichtsagentur und Autor einer Artikelserie über die Revolutionsereignisse 1918/19 in Augsburg, ordnete Brecht eindeutig der Linken zu. Hillesheim betreibe die „Demontage des Revolutionärs Brecht“, wenn er ihm unterstellt, er habe sich damals aus allem heraushalten wollen. Sehr wohl sei er militärisch gemustert worden, sei aber von zu schwächlicher Konstitution gewesen, weshalb er Lazarettdienst leistete. Ihn zu verunglimpfen als „Drückeberger“, stamme aus dem ideologischen Wortschatz der Reaktionäre.

Die eine Meinung sagt: Dass die Revolution für Brecht ein Mittel war

Auch als einen, der die Räterevolution von 1918/19 bekämpft habe, wollte Forster den jungen Bert Brecht nicht sehen - als sei er einer der „Weißen“ gewesen wie sein Bruder Walter, der in München gegen die Räterepublik marschierte. Stattdessen unterstrich Forster: „Krieg war für Brecht immer eine Folge des Kapitalismus und die Revolution ein Mittel, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.“

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Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brechtforschungsstelle, präsentierte an dem Abend sein neues Buch, das B.B. „zwischen Affirmation und Verweigerung“, so der Titel, in der Revolutionszeit zeichnet. „Der Soldat handelt wie Kain“, leitete Hillesheim aus Brechts frühen Werken ab. Indem er tötet, nimmt er anderen das Leben und sich selbst die Identität als Mensch. Zu verhindern sei dies nur, „wenn man konsequent die Finger von den Waffen ließe“. Denn „das Schießgewehr schießt, das Spießmesser spießt“ – „gleich in welchen Händen diese Waffen sind und seien es revolutionäre“, meinte Hillesheim. In den späten 20er und frühen 30er Jahren tauchen bei B.B. Soldatenfiguren auf, die den Krieg nicht so gut überlebten wie Andreas Kragler im 1920 verfassten Drama „Trommeln in der Nacht“, der sich als Kriegsheimkehrer ins bürgerliche Lager integriert. Indes seien diese Soldaten verroht, psychisch versehrt und werden zu Bestien.

Der Masse-Mensch ist nach Brecht manipulierbar

Hillesheim destilliert aus Brechts ersten Dramen, dass es dort nie allgemein um Menschheitsideale und Gesellschaftsutopien geht, „sondern um die Belange des Einzelnen“. Der „Masse-Mensch“ ist Brecht ungeheuer, er ist manipulierbar. Auch in der Revolution, so seine Figur „Fatzer“, werde der Mensch von der Ideologie entmündigt („blinder Gesinnungsautomat“) und unterscheide sich nicht mehr von anderen.

Aber hielt er nicht seit den späten 1920er Jahren zum Marxismus, war er nicht Kommunist? An die überholten Debatten der Siebziger fühlte sich ein Zuhörer erinnert, als diese Frage im Publikum aufkam. Jürgen Hillesheim gestand zu, dass Brecht die gesellschaftlichen Zustände der Weimarer Republik als schlimme Auswüchse des Kapitalismus heftig kritisierte. Doch zu einem rigorosen Kommunisten, der um der Revolution willen Menschen töten lässt, tauge Brecht trotzdem nicht.

Wohl spielte er literarisch diese finale Maßnahme durch und stilisierte einmal den Sterbeort sogar als Golgatha – allerdings ohne Erlösung in einer Auferstehung von den Toten. Brecht zeige hier ein „Opfer der spätbürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft und des Kommunismus gleichermaßen“, so Hillesheim. Die einzige Möglichkeit, die Humanität zu bewahren, bestehe mithin darin, sich nicht in die Bewegung einzureihen, sondern sich zu drücken.

Ein Revolutionär in Brechts Mansarde

Diese literarische Lesart ließ der Historiker Forster so jedoch nicht stehen. Er wies auf das enge Verhältnis Brechts zu Lilly Prem, der späteren Ehefrau des Revolutionsführers Georg Prem hin. Die beiden seien Brechts politische Lehrer „ohne festgelegte Ideologie“ gewesen. Im April 1919, kurz nachdem die Räterepublik in Augsburg ausgerufen worden ist, dürfte Prem in Brechts Mansarde bei der Kahnfahrt Unterschlupf gefunden haben. B.B. habe damals auf Georg Prem eingewirkt, sich von der Räterepublik, die dann blutig niedergeschlagen wurde, zu distanzieren.

Damit stieß man wieder auf den Pazifisten Brecht, den auch Helmut Gier, der ehemalige Direktor der Staats- und Stadtbibliothek, zeichnete: „Sein Stück erfährt seinen Höhepunkt in der Abwendung von der Revolution“, sagte er über „Trommeln in der Nacht“. Forsters Beiträgen fehle die politische Tiefe. Heftig reagierte der jetzige Bibliotheksdirektor Karl-Georg Pfändtner auf Forsters Seitenhieb, die Ausstellung zur Räterepublik werde dort in einer „Abstellkammer“ gezeigt. „Bibliotheken von Wien bis Washington beneiden uns um den historischen Cimeliensaal. Sie haben keine Ahnung von der Materie!“

Jürgen Hillesheim: Zwischen Affirmation und Verweigerung. Bertolt Brecht und die Revolution, Königshausen & Neumann, 317 Seiten, 44 Euro.

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