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Mozartfest

06.05.2018

Wenn Musik ihre ganze Macht entfaltet

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Die beiden ersten Konzerte des Augsburger Festivals präsentieren prominente Interpreten der Klassik. Doch nur in einem Fall gelingt ein außergewöhnlicher Auftritt

Wer am Freitagabend der evangelischen Heiligkreuzkirche näher kam, der konnte schon in einiger Entfernung vernehmen, dass da ordentlich was los war. „Wir sind frech, wir sind laut …“, ließen sich Sprechchöre vernehmen – ein neuer Ton, der da eingezogen wäre beim ehrwürdigen Augsburger Mozartfest? Nein, ein Demonstrationszug war’s, der in stattlicher Stärke kurz vor der Festivaleröffnung an dem Gotteshaus vorbei in Richtung Innenstadt zog und seiner Empörung über die geplante Verschärfung des Polizeiaufgabengesetzes lautstark Luft machte. Was gar nicht einmal unpassend war in Anbetracht des diesjährigen Festivalmottos, das „Machtspiele“ lautet.

Auf Machtdemonstrationen musikalischer Art wollte sich die Cappella Gabetta allerdings nicht einlassen. Kein auftrumpfend heruntergerattertes Barockprogramm, das da von dem Originalklang-Ensemble um Geiger Andrés Gabetta, Bruder der berühmten Cellistin Sol Gabetta, in Szene gesetzt wurde. Nein, gleich das erste Vivaldi-Streicherkonzert machte klar, dass den Musikern in jeder Hinsicht an Differenzierung gelegen ist. Der Ensembleklang war von der Transparenz hauchzarter Lasuren, die schnellen Ecksätze entwickelten federnd-luftigen Drive, die Modulation der Farben wechselte vom warmen Schmelz bis hin zum fahlen, mit dem Bogen nah am Steg erzeugten Aschgrau, das dynamische Spektrum spannte sich vom geheimnisvollen Wispern bis zum ungehemmten Jubel.

Das erlebt man nicht alle Tage

Eine Lust auch, diesem Ensemble beim Musizieren zuzusehen. Wenn die im Stehen musizierenden Geiger die Impulse der Musik mit dem Körper nachzeichnen, nicht nur bei Vivaldi, von dem insgesamt fünf Konzerte erklangen, sondern auch bei Geminianis „Follia“-Konzert, das mit seinem hypnotisch in sich kreisenden Harmonieschema nicht nur beim Publikum zupackende Wirkung nicht verfehlte, sondern auch die Interpreten sichtlich zum Agieren animierte. Ein aufgeweckter, frischer Stil also, mit dem das Ensemble ein konventionelles Italo-Barock-Programm präsentierte – und in dem nur der Chef nicht durchweg zu überzeugen vermochte. Vor allem in Joseph Umstatts Violinkonzert wie auch in Vivaldis „Il Grosso Mogul“ zeigte sich Andrés Gabetta mit Tonverschleifungen und getrübter Intonation nicht als der zu erwartende Souverän seines Instruments – ein Manko, das er mit sympathischer Moderation nur teilweise wettmachen konnte.

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Soll man am zweiten Festivaltag schon den ultimativen Lorbeer vergeben? Besser nicht – und doch: Der Abend im Kleinen Goldenen Saal mit dem Belcea Quartet war eine Sternstunde, wie man sie auch von hochmögenden Interpreten nicht alle Tage erlebt. Das lag natürlich an diesem multinationalen Ensemble (eine Rumänin, ein Pole, zwei Franzosen), die nun schon seit einigen Jahren zu den Top-Streichquartetten dieser Welt zu zählen sind (und dessen Primaria, Corina Belcea, 1995 am Augsburger Violinwettbewerb teilnahm, allerdings nicht in die Endrunde kam) – ein Ensemble, das sich mit bestürzender Intensität auf alle nur erdenklichen musikalischen Sprachmodi versteht.

Das Außerordentliche dieses Konzertabends wurzelte aber auch in seinem konzeptionellen Zuschnitt. Beethovens spätes B-Dur-Quartett op. 130 war gesetzt und ebenso seine Große Fuge op. 133 – eine gern gewählte Koppelung, eint die beiden Werke doch eine zusammenhängende Entstehungsgeschichte. Angekündigt war aber auch: Zwischen die Quartettsätze sollten Stücke von fremder Komponistenhand zu hören sein, von wem, wurde zunächst nicht verraten.

Und so ging es erst einmal los mit dem 1. Satz aus Opus 130, diesem Adagio-Allegro voll extremer Kontraste, vollplastisch herausmodelliert vom Belcea Quartet, das – moderne Zeiten – statt aus Notenblättern von vier Tablets weg musiziert. Dann Satzschluss, und – einzelne, lang gezogene, stark anschwellende Töne der Violine, herb und faszinierend zugleich, unverkennbar: Moderne. Wer das Stück nicht kannte, war auf die erst nach Konzertschluss gereichte Liste angewiesen: Schostakowitsch! Danach wieder Beethoven, nun der 2. Satz aus Opus 130, erneut gefolgt von einem Stück aus dem 20. Jahrhundert, diesmal einem hinlänglich bekannten, Barbers „Adagio“, von den Belceas dargeboten als überwältigende Demonstration an Empfindungskraft und klanglicher Dichte. So geht es weiter im Wechsel, auf die weiteren drei Sätze des Beethoven-Quartetts folgen (teilweise im Doppelpack) Webern und Bartók, Berg, Pawel Szymanski und Thomas Adés, mal heruntergekühlt lyrisch, mal aggressiv dreinfahrend. Doch ob Beethoven oder Moderne, stets sind die Belceas Hexenmeister mit ihrem Spiel, das unerbittliche Bannkraft entfaltet, allerorten überrascht, Extreme nicht scheut und dem nicht zuletzt die schiere Schönheit innewohnt.

Das letzte Wort hat Beethoven mit der Großen Fuge. Das ruppige Thema, seine strenge Verarbeitung, alles von der Bühne geschleudert mit größtmöglicher Wucht, überzeichnet, schneidend, und doch dramaturgisch sinnvoll: In diesem bald 200 Jahre alten Stück, in seiner visionären Konstruktion, seiner klanglichen Zumutung laufen die Entstehungslinien der Musik des 20. Jahrhunderts zusammen. Ein überwältigender Ansatz – der einem Festival wahrlich den viel beschworenen, über die Konzertnormalität hinausreichenden Mehrwert bringt.

Im Kleinen Goldenen Saal nach eineinhalb Stunden ein überwältigtes Publikum und ein erschöpftes, vom ausbrechenden Jubel dankbar beglücktes Belcea Quartet. Da ließ es sich gewiss auch verschmerzen, dass im Raum mehrere Stuhlreihen leer geblieben waren.

Mozartfest Das nächste Festivalkonzert findet am Mittwoch, 9. Mai (19.30 Uhr), im Kleinen Goldenen Saal statt (Dorothee Oberlinger/Ensemble 1700).

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