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Bluespots Productions

01.11.2019

Wenn der Staat in der Beziehung herumschnüffelt

Martin Schülke und Karina Schiwietz in „Ausgel(i)ebt“.
Bild: Tibor Schrag

Plus Reichlich widersprüchlich kommt die Handlung daher, die Bluespots Productions in dem neuen Stück „Ausgel(i)ebt“ erzählt.

Wer bei Google das Suchwort „Zwangseinquartierung“ eingibt, der landet anstatt bei 1947 bis 1956 tatsächlich zuoberst bei einem Text von boerse-online.de vom Oktober 2015, wonach in Berlin erste Bürogebäude und im nordrhein-westfälischen Nieheim gar Mietwohnungen beschlagnahmt bzw. gekündigt worden seien, um Flüchtlinge darin unterzubringen. Günther Grass begrüßte, ja forderte solche Maßnahmen sogar; Wohnungsbesitzern macht diese Form der Integration Angst.

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Ähnlich ist die Ausgangslage in Karina Schiwietz’ Stück „Ausgel(i)ebt“, das am Donnerstagabend im City Club als Koproduktion des Münchner Ensembles La Vie und der Augsburger Bluespots Productions uraufgeführt wurde: Ein Paar hängt gemütlich auf dem Sofa seiner Mietwohnung herum, als plötzlich ein Beamter des Ministeriums für Migration im Raum steht und das Zimmer für die mögliche Einquartierung eines Flüchtlings vermisst.

Es ist das erste Theaterstück von Karina Schiwietz

Noch genauer als die Wohnung nimmt er den Beziehungsstatus der beiden unter die Lupe. Wohnst du nur oder liebst du noch? Seltsam, dass dem Paar das nicht ausreichend seltsam vorkommt, um die Aktion sofort zu beenden. Es ist der erste in einer Reihe von Widersprüchen, die sich durch dieses „tragikomische Kammerspiel“, Schiwietz’ erstes Theaterstück, ziehen.

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Warum laufen die beiden, gespielt von der Autorin und Martin Schülke, ins offene Messer, als der Beamte (Philipp W. Wilhelm) erklärt, er müsse die Stabilität dieser „eheähnlichen Gemeinschaft“ prüfen, und packen immer mehr Frustrationen und schmutzige Wäsche aus? Warum merken sie nicht, dass mit dieser Figur, die zwischen sadistischem Bürokraten, Frauenversteher und verkapptem Schwulen changiert, nichts stimmt? Es stimmt und überzeugt so vieles nicht bei Schiwietz’ Plot.

Motive werden aus dem Nichts heraus aufgesetzt und nicht entwickelt

Die Ankündigung verspricht ein Stück über die Angst vor dem Fremden, verknüpft mit der Bestandsaufnahme einer Paarbeziehung. Anstatt dessen sieht man die mutwillige Demontage einer Beziehung, bei der Motive nicht entwickelt, sondern aus dem Nichts heraus aufgesetzt werden – am Ende so dick aufgetragen, dass es sofort zu bröckeln beginnt. Das nimmt man dem Paar, das anfangs durchschnittlich glücklich, aber durchaus ehrlich aneinander interessiert wirkt, nicht ab.

Das ist schade, denn als Schauspielerin überzeugt Schiwietz: Mit Verletzlichkeit spielt sie eine Frau am Vorabend ihres 41. Geburtstags und ihrer Midlife-Crisis mit allem, was an unerfüllten Wünschen (Kinder, Ehe, ein potenterer und intellektuellerer Partner) dazugehört – bis ihr der Plot wieder auf die Füße fällt und Sprünge oder Schleifen aufoktroyiert, die jedes noch so gute Spiel auflaufen lassen.

Die unaufgeregte Inszenierung und Ausstattung funktionieren gut

Das ist vor allem auch für einen großartigen Martin Schülke schade, der den leicht machohaften, seine Ruhe (und ein paar Bier) haben wollenden, mal aufbrausenden, aber irgendwie manchmal auch einfühlsamen und liebenswerten jüngeren Partner so lässig und authentisch gibt, dass man wünscht, diese Szenen einer Nicht-Ehe wären mit feinerer Feder geschrieben worden.

Auch die unaufgeregte Inszenierung und Ausstattung von René Rothe (mit Anton Limmer in einem wahrhaft komischen Kurzauftritt und einem aufblasbaren Sofa als einzigem Requisit neben allerlei Alkohol) funktionieren gut und hätten einen geduldigeren Fokus auf die Beziehungspsychologie oder eine wirkliche Ausarbeitung des Integrationsthemas absolut verkraftet.

Eine weitere Vorstellung gibt es im City Club am 3. November um 20.30 Uhr, sowie Aufführungen in Ingolstadt und München.

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