Newsticker
Aktuelle Studie: Einnahme eines Asthma-Sprays bei Covid-19 vielversprechend
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Wer profitierte im Nationalsozialismus?

Lebenslinien 2.0

12.11.2019

Wer profitierte im Nationalsozialismus?

Eugen und Emma Oberdorfer im Jahr 1937. Ihre Schirmmanufaktur in der Maximilianstraße wurde zwangsverkauft.
Foto: Aus dem Film „die Stille schreit“

Nun berichten die Kinder der Holocaust-Opfer. Auch die Täter werden Teil der Erinnerungskultur.

Ihr Deportationsbefehl lautete auf den 8. März 1943. Doch die vier jüdischen Ehepaare in der Bahnhofstraße 18 1/5 kamen dem sicheren Mord durch Freitod zuvor. Unter ihnen auch Selma und Ludwig Friedmann. Ihre Enkelin, die Amerikanerin Miriam Friedmann, ist heute 77 Jahre alt. Sie zog 2001 nach Augsburg, in jene Stadt, die ihre Großeltern in den Tod und ihre damals noch jugendlichen Eltern ins Exil getrieben hatte. „Ich wollte genau wissen, über was meine Eltern so hartnäckig geschwiegen hatten“, sagt sie auf dem Podium im Sensemble-Theater. Sie ist neben Josef Pröll Gast der „Lebenslinien 2.0“. Die Veranstaltungsreihe des Jüdischen Museums und des Sensemble-Theaters kann nach 17 Jahren Forschung nicht mehr auf direkte Zeitzeugen des Nationalsozialismus zurückgreifen und lässt jetzt die Kinder sprechen.

In einem repräsentativen Haus in der Annastraße hatte die Familie Friedmann seit 1872 eine Wäschefabrik. 1939 wurden Firma und Haus an die bekannte Augsburger Adelsfamilie von Schnurbein zwangsverkauft, der Erlös ging auf ein für die Friedmanns gesperrtes Konto. Heute residiert in diesem Haus die Kreissparkasse. Auf Betreiben Friedmanns ließ sie 2010 eine Gedenktafel anbringen, wie sie im Gespräch mit der neuen Leiterin des Jüdischen Museums, Barbara Staudinger auf der Bühne des Sensemble-Theaters berichtet.

Kommunistische und gewerkschaftliche organisierte Opfer des Nationalsozialismus

Nicht nur das ist neu an dem überregional beachteten Erinnerungsformat. Mit ihrem zweiten Gast Josef Pröll geben die Veranstalter erstmals auch den kommunistischen und gewerkschaftlich organisierten Opfern des Nationalsozialismus Raum.

Die Eltern des Filmemachers Josef Pröll, Anna und Josef Pröll, zählten 1934 zu den ersten Widerständlern, die in der Stadt verhaftet wurden. Sein Leben sei geprägt gewesen von den Erfahrungen und Albträumen des Vaters sowie dem kontinuierlichen Engagement der Eltern gegen die Reste der nationalsozialistischen Stadtgesellschaft.

Die jüdische Geschichte der Firma findet keine Erwähnung

Miriam Friedmanns Familie mütterlicherseits gehörte die Immobilie samt Schirmfabrik Oberdorfer in der Maximilianstraße 17. Auch dieses Vermögen wurde zwangsverkauft. 186000 Reichsmark zahlte die neue Eigentümerin Wilhelmine Hoffmann, die das Anwesen samt Firma übernahm, auf ein Sperrkonto der Dresdner Bank. Außerdem überließen die Großeltern, so berichtet Friedmann, Hoffmann 43000 Reichsmark, um das Geld vor dem Zugriff des Staates zu retten. Das Ehepaar Oberdorfer wurde deportiert und im März 1942 in Auschwitz ermordet.

Als die Schirmfabrik 1962 ihr 100. Jubiläum feierte, gratulierte die IHK. Die jüdische Geschichte der Firma fand keine Erwähnung. Seit Friedmann in Augsburg lebt, recherchiert sie das frühere Umfeld ihrer Großeltern und sucht den Kontakt zu den Profiteuren der Enteignungen. „Die Eigentümer des Hauses in der Maxstraße wollten mit mir leider nichts zu tun haben“, erklärte sie achselzuckend.

Eine Aufgabe für die Erinnerungskultur

Friedmann und Pröll stellten in diesem Jahr ihren Film „Die Stille schreit“ fertig, aus dem die Matinee Ausschnitte zeigte. Thema sind hier auch Augsburger Täterbiografien und die Erlöse der Enteignungen. „Wir wollen den Kindern der Opfer die Nachfahren der Täter gegenüber stellen“, erklärt Pröll. „Beide sind Teil derselben Geschichte.“ Auch die neue Leiterin des jüdischen Museums sieht hier eine Aufgabe für die Erinnerungskultur. „Die verantwortlichen Täter und Profiteure gehören zur Stadt, ihnen müssen wir uns ebenso stellen wie den Ermordeten und überlebenden Opfern“, sagt Barbara Staudinger.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren