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Denkraum

05.11.2020

Wer zieht im Geheimen die Fäden?

Eine Frau trägt einen Aluhut mit einer Stricknadel bei einer Demonstration in Frankfurt am Main.
Bild: Boris Roessler, dpa

Plus In krisenhaften Zeiten neigen die Menschen seit jeher zu Verschwörungstheorien. Sie sind aber nicht immer gefährlich.

Sie argwöhnen, dass der Mobilfunkstandard 5 G zum Zweck einer totalen Überwachung der Bürger eingeführt werden soll. Oder sie behaupten, das Coronavirus sei bewusst bei einem Laborunfall in China freigesetzt worden. Verschwörungserzählungen scheinen momentan besonders zu blühen. Doch der Innsbrucker Forscher Prof. Claus Oberhauser, Institutsleiter an der Pädagogischen Hochschule Tirol, sagt: „Verschwörungstheorien gehören zum Menschsein in der Krise einfach dazu.“ Im Denkraum des Augsburger Friedensbüros, der erstmals als digitale Videokonferenz stattfand, entfaltete er seine Thesen. In der Spitze schalteten sich 114 Teilnehmer zu.

Immer wenn die Zeiten unsicher werden, suchen die Menschen nach vermeintlich Verantwortlichen, die im Geheimen das Verderben heraufführen. Ob das die Juden, die Freimaurer, die Jesuiten oder jüngst Bill Gates sind, ist beinahe austauschbar. Stereotype erhalten sich über Jahrhunderte, so Oberhauser. Wobei oft der Antisemitismus „ein Motor starker Verschwörungstheorien“ sei.

Drei Merkmale nannte der Innsbrucker Experte für solche Erzählungen: 1. Nichts ist, wie es scheint. 2. Es gibt keine Zufälle. 3. Alles ist miteinander verbunden. Damit es überzeugend wie eine Verschwörung aussieht, werden Dinge verkoppelt, die in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben. Allerdings: „Eine richtig gute Verschwörungstheorie muss immer einen wahren Kern enthalten“, erklärte Oberhauser. Zum Beispiel die Tatsache, dass das amerikanische FBI noch immer 20.000 Dokumente zur Ermordung von Präsident John F. Kennedy unter Verschluss hält.

 

Gibt es Profiteure von Verschwörungstheorien?

„Wer profitiert von Verschwörungstheorien?“, fragte als Moderatorin die Leiterin des Jüdischen Museums Augsburg, Barbara Staudinger. Sie seien zunächst ein Welterklärungsmodell, antwortete Oberhauser. Empfänglich seien vor allem Menschen, die eine persönliche Krise oder krisenhafte Verlusterfahrung durchmachen. Sie suchen nach einem Sinn für das Erlittene. In der Corona-Krise gebe es dafür etliche Anhaltspunkte, sei es die Angst um die eigene Gesundheit, um den Arbeitsplatz, um das Einkommen oder die Auflehnung gegen staatliche Reglementierungen wie die Maskenpflicht und das Abstandsgebot.

Eine Krisenzeit („sie kann auch eine Chance sein“) bringe neue Fragestellungen hervor und erzeuge Sinngebungsoptionen. Verschwörungstheorien seien heute mitten in der Gesellschaft angekommen: „Jeder dritte Deutsche glaubt mindestens einer Verschwörungstheorie. Aber nicht alle haben die gleiche Bedeutung.“ Es gibt auch schrullige Varianten, etwa dass Bielefeld nicht existiere.

Man soll beharrlich am wissenschaftlichen Mainstream festhalten

Eine Fülle von Fragen meldeten in der Denkraum-Veranstaltung die kleineren Publikumsrunden zurück, die von der Konferenztechnik zufällig zusammengestellt wurden. Am drängendsten war: „Wie holen wir Verschwörungstheoretiker wieder in die wirklich Welt zurück?“ Untauglich dafür hielt Oberhauser, die Anhänger lächerlich zu machen oder tränenreich unter Druck zu setzen. „Man muss empathisch sein, sich auf Diskussionen mit ihnen einlassen, aber gleichzeitig beharrlich am wissenschaftlichen Mainstream festhalten“, so der Innsbrucker Bildungsforscher. Leider sei diese Dialogfähigkeit flöten gegangen, wenn sich die Gruppen gegenüber stehen. Zudem verhärten sich die Überzeugungen über die Jahre hin.

 

Oberhauser warnte: „Nur weil jemand eine andere, kritische Meinung vertritt, ist er noch kein Verschwörungstheoretiker.“ Die Basis für solche Thesen seien das Gerücht und die Suche nach Sündenböcken. Deshalb forderte der Professor eine intensive Medienerziehung, die vermittelt, wie es zu Meldungen kommt, wer sie verbreitet und aus welchen Quellen sie sich speisen. In den social media verbreiten sich Verschwörungstheorien heute wesentlich schneller und automatische Bots verstärken sie oft auch noch.

Demokratische Regierungen sollten es aushalten, dass sie kritisch angefragt werden. Es gehe gar nicht, alle Verschwörungstheorien zu unterdrücken. Eine strikte Grenze zieht der Experte dort, wo sich Verschwörungstheorien radikalisieren und in Terror und Gewalt münden.

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