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Ausstellung

07.02.2020

Werkschau an der Hochschule: Die Zeit wird dort ausgebremst

Iris Schmitt (links) und Josefine Britz schrieben ein 260 Seiten starkes, witzig poetisches Buch über die Vulva.
Bild: Annette Zoepf

Plus Absolventen der Hochschule Augsburg zeigen in ihrer Werkschau, wie innovativ sie mit klassischen und modernen Gestaltungsmitteln umgehen.

Lerne von den Besten! Als Deutschlands bekanntester Art Direktor Mike Meiré in einem Video ablästerte, an den Designhochschulen fehle es an Inspiration und Innovation („Wo ist the latest shit?“), schlug die Augsburger Fakultät für Gestaltung ironisch zurück. Studierende versetzten Meiré kurzerhand mittels Face Following ins „Bauhaus“, wo er zwischen Kloschüsseln, Farbenmischer und Sitzfellen seine Forderung, aus der Komfortzone herauszutreten, platzieren durfte. Auch dieses Video ging durch die Decke und bescherte der gestern eröffneten Werkschau der Abschlussarbeiten nationale Aufmerksamkeit. Sogar Mike Meiré schaute vorbei.

„Die Hochschule ist sicher eine Komfortzone, aber eine höchst produktive“, sagt Dekan Daniel Rothaug über seine Studierenden. Souverän beherrschen sie klassische wie moderne Gestaltungsmittel. Sebastian Wulff wuchtet noch die Steine, um in Lithografie seine Illustrationen zu zwölf Songs, basierend auf eigenen Kurzgeschichten, ungemein heutig und poetisch wiederzugeben.

Robert Ringard macht ähnliches in einem abstrakten Kurzfilm, der mit expressiven Metamorphosen von Gesichtern reflektiert, was ihn so alles inspiriert hat. „Ich gebe Einblick in meinen Kopf“, sagt er. Maja Zuber übersetzt das Lebensgefühl von Depression in einen Animationsfilm mit düsteren, dystopischen Stadtszenen. Das sei nichts zum Wohlfühlen, aber zum Nachdenken.

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Maja Zuber übersetzt das Lebensgefühl der Depression in einen düsteren Film.
Bild: Annette Zoepf

In grauer Vorzeit stöbert Vinzenz Weber. Aus archäologischen Resten erweckt er eine frühmittelalterliche Siedlung bei Meitingen zu virtuellem Leben. Mit der Datenbrille geht man auf entdeckerische Zeitreise und sammelt Schätze ein. Einen delikaten Bereich des weiblichen Körpers erkunden Josephine Britz und Iris Schmitt ihrem poetisch illustrierten, witzigen Aufklärungsbuch „V wie Vulva“. Ohne Schlüpfrigkeit umkreist die doppelte Masterarbeit das Thema in aller Vielfalt und möchte zur Akzeptanz des eigenen Körpers in aller Eigenheit einladen.

Vinzenz Weber erkundet mit der Datenbrille das frühe Mittelalter in Meitingen.
Bild: Annette Zoepf

Ins Gewächshaus lockt Leonhard Bayer, um die Langsamkeit neu zu entdecken. In Videos bremst er die Zeit aus und regt mit Abgüssen von Zungen zur intensiven sinnlichen Erfahrung an. Natürlich darf eine Schnecke als Symbol nicht fehlen. Auf die oft übersehenen Requisiten, die einen Film atmosphärisch aufladen, konzentriert sich Anna Deschner. Ein Fächer mit Kalligrafie, ein verschnörkeltes Offiziersabzeichen, blitzende Knöpfe hat sie entworfen. Wolfgang Speer versetzt sich in seinem Comic „31 Nutzlos“ in die Gefühlswelt eines Arbeitslosen in einer Zeit stürmischer Modernisierung.

„Von Angesicht zu Angesicht“ lässt Anna-Lena Schlamp zwei identische Kopfbüsten kommunizieren, indem sie ein multimediales Mienenspiel darauf projiziert. Zwischen Faszination und Unbehagen darf das Empfinden der Betrachter ausfallen, wenn sie Lippen und Augen in Regung und Reaktion wahrnehmen. „Licht ins Dunkel“ bringt Marie-Josephine Eckloff mit ihrer Ausstellung über Gewalt in der Erziehung, die noch bis 2. März in der Annastraße 16 zu sehen ist. In der Werkschau dokumentiert sie den Prozess, derlei sinnlich erfahrbar zu machen.

Ganz praktische Anwendung hat Lisa Breunig im Rettungswagen vor Augen. Sie entwickelte eine Benutzeroberfläche, um die verschiedenen medizinischen Kontrollinstrumente auf einen Bildschirm anzuzeigen. Eine informative Website über Impfungen entwarf Laura Hacker.

Lisa Breunig vereint für Rettungswagen alle Kontrolldaten auf einer Oberfläche.
Bild: Annette Zoepf

ist die Werkschau im Campus am Roten Tor heute, Samstag, von 12 bis 18 Uhr. Es gibt auch Vorträge erfolgreicher Absolventen und erstmals aus erster Hand den Werkschau-Slam.

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