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Konzertkritik

15.11.2019

Wie Christian Tetzlaff ein Fest für Leopold feierte

Wer wagt, gewinnt: Christian Tetzlaff an der Geige, sekundiert von den Augsburger Philharmonikern unter Domonkos Héja.
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Wer wagt, gewinnt: Christian Tetzlaff an der Geige, sekundiert von den Augsburger Philharmonikern unter Domonkos Héja.
Foto: Christian Menkel

Plus Wie begeht man den 300. Geburtstag des Augsburger Mozart? Mit einem Stück, das kaum einer kennt. Und einem Weltklasse-Solisten.

Was bringt man diesem Mann zum großen runden Geburtstag dar? Sicher nicht verkehrt, wenn das Hauptgeschenk daran anknüpft, wofür Leopold Mozart noch heute von der Musikwelt einhellig bedankt wird: seine „Gründliche Violinschule“ von 1756. Mit Violinmusik zum 300. Geburtstag würde man also nichts falsch machen. Ein großes Konzert am besten, nicht unbedingt von Mozart Sohn, eher von Beethoven oder Brahms. Und doch wurde für das städtischerseits veranstaltete Festkonzert von keiner dieser Optionen Gebrauch gemacht, sondern ein Violinkonzert von Joseph Joachim gewählt. Joseph wer?

Geübte Klassikliebhaber wissen mit dem Namen natürlich etwas anzufangen, Geiger sowieso. Joseph Joachim zählte zu den großen Violinisten des 19. Jahrhunderts, der in einflussreichem Austausch mit den namhaftesten Komponisten seiner Zeit stand. Dass er auch selber komponierte, war zu vermuten, aber wer kennt, wer spielt schon seine Werke? Ein echtes Wagnis also, Joachims Violinkonzert in d-Moll als zentrales Stück für die Leopold-Geburtstagsfeier im Kongress am Park anzusetzen. Zumal das Werk mit einer Dauer von fast einer dreiviertel Stunde einen Koloss darstellt und technisch gespickt ist mit allem, was Knoten in die Finger macht. Verständlich, dass da auch von den Fachvirtuosen kaum einer ran will.

Bei Tetzlaff mach das Publikum eine Ausnahme

Doch einen gibt es, der das Konzert seit langem im Repertoire hat und noch dazu befähigt ist, geigerische Hürden zu transzendieren und sich ganz auf Gestalterisches zu konzentrieren: Christian Tetzlaff. Denn nicht zuletzt in interpretatorischer Hinsicht stellt dieses Konzert eine Herausforderung dar, hat der Komponist sein Opus 11 doch mit dem Attribut „in ungarischer Weise“ versehen. Das kann böse enden, wenn der Solist glaubt, allzu tief in den stereotypen Klischeetopf greifen zu müssen. Nicht Christian Tetzlaff. Mit äußerster Delikatesse formte er das ungarisch-zigane Moment, indem er die Töne anschliff, das Vibrato blitzhaft aufschießen ließ und die ein oder andere Träne ins Legato legte. Dass das alles jedoch nie grell offensichtlich, sondern im Als-ob-Modus geschah, daran offenbarte sich die ganze Klasse dieses Geigers. Von all den virtuosen Raffinessen, die er wie beiläufig auf die Saiten warf, ganz zu schweigen. Da durfte es schon mal erlaubt sein, bereits nach dem ersten Satz dem Künstler hingerissen zu applaudieren.

Eine herrlich geschmackssicher zelebrierte Herzensergießung dann auch die Kantilene im langsamen Satz, und ein violinistischer Husarenritt das Finale, alles stets aufmerksam und elastisch begleitet von den Augsburger Philharmonikern unter Domonkos Héja. In der Summe ein Violinkonzert, dem begegnet zu sein sich für die Hörer als Tombolagewinn herausstellte. Christian Tetzlaffs Spiellaune freilich war noch nicht erschöpft. Zwei Zugaben aus Bach’schen Solowerken folgten, in überragenden Interpretationen, ganz im Sinne des Violinlehrers Leopold Mozart als ideale Verbindung von technischem Können und sprachgewandtem Ausdruck.

"Silly Symphony": Johannes Gutfleisch macht Sound mittels Schlauch, beobachtet von Komponist Moritz Eggert (rechts).
Foto: Christian Menkel

Ein Festkonzert bietet auch Raum für weitere Präsente. Etwa ein Auftragswerk zu Ehren des Jubilars: Hier in Gestalt der noch vor der Pause uraufgeführten „Silly Symphonie“ von Moritz Eggert, ein Stück, das ein philharmonisches Orchester mit solistisch eingesetzten Kinderinstrumenten kombiniert. Das ist nicht nur lustig anzusehen, wie die drei Solisten da an all den Toys herumwerkeln, Iris Lichtinger etwa die Mini-Ziehharmonika wie ein Federkissen ausschüttelt, Johannes Gutfleisch den Heulschlauch kreisen lässt und Komponist Eggert höchstselbst auf das schreibmaschinenkleine Spielzeugklavier einhämmert. Es klingt auch zwerchfelllockernd fidel. Und hat doch, bei allem Spaßfaktor, der hier gewiss hoch anzusetzen ist, auch einen ernsten Hintergrund. Wenn im ersten der fünf Sätze die Qietsche-Entchen rhythmisch fiepen, dann ist das die klingenden Chiffre für den tragikomischen Umstand, dass heutzutage der Präsident eines mächtigen Landes mit kryptischem virtuellem Gezwitscher – der Satztitel „Cofveve“ verweist darauf – weltweit für Aufsehen sorgt. Auch in die übrigen Sätze hat Eggert solch aktuelle Zweitebenen eingezogen. Ein wahrhaft janusköpfiger Spaß, diese „Alberne Sinfonie“.

Leopold und eine Handvoll Töne

Und Leopold selbst? Der hatte gleich zu Beginn seinen Auftritt. Und kam mit seiner G-Dur-Sinfonie im pastoralen Stil und obligatem Horninstrument gelinde gesagt ein wenig oldfashioned daher. In der kompositorischen Erfindung zeigt sich der Jubilar gerade hier nicht sonderlich inspiriert, und der Solopart, ausgeführt von Carlo Torlontano auf dem Alphorn, basiert auf sage und schreibe gerade mal einer Handvoll Töne. Nein, ausgerechnet bei seinem ansonsten sehr gelungenen und randvoll besetzten Jubelkonzert war Leopold Mozart nicht von seiner besten Seite zu erleben.

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