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Literatur

20.11.2018

Wie aus Oliver Hitler wurde

Ihre eigenen Erlebnisse hat Manja Präkels in ihrem ersten Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ verarbeitet. Schülern des Holbein-Gymnasiums erzählte sie von einer Jugend in der DDR und der Nachwendezeit.
Bild: Ulrich Wagner

Manja Präkels schreibt in „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ über Neonazis in der Nachwendezeit. Im Holbein-Gymnasium stellt sie Schülern ihren ersten Roman vor

„Vielleicht hat mir Hitler das Leben gerettet, damals“ – ein Satz, der Aufmerksamkeit auf sich zieht, ein Buchanfang, der neugierig macht.

Und so ist es auch sofort still, als die Schriftstellerin Manja Präkels mit der Lesung aus ihrem Buch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ beginnt. Sie ist zu Gast im Lese-Garten des Holbein-Gymnasiums, vor sich drei zehnte Klassen, 16- bis 18-Jährige, für die die DDR und der Mauerfall ein Kapitel deutscher Geschichte sind. Die Autorin dagegen, Jahrgang 1974, hat dieses Kapitel erlebt, in der brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick, nord-östlich von Berlin. Sie berichtet von ihrer Kindheit und Jugend in der Vor- und Nachwende-Zeit in ihrem ersten Roman so beeindruckend, dass das Buch im Herbst mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Mimi, die Icherzählerin, erinnert sich darin an ihre Freundschaft mit dem Nachbarsjungen Oliver, der sich nach der Wende den Neo-Nazis anschließt und „Hitler“ gerufen wird. Präkels schreibt vom erstarkenden Rechtsradikalismus und Rassismus in Ost-Deutschland, die das DDR-Regime für besiegt erklärt hatte, die aber latent immer vorhanden waren. Von „Scheiß-Kohlen, die beim nächsten mal einen in die Fresse bekommen“ sprechen im Roman die Jugendlichen, wenn es um dunkelhäutige Gastarbeiter aus Afrika geht.

Das Buch ist aber auch eine atmosphärisch dichte Beschreibung des Lebens in der DDR vor und nach der Wende. Ausdrücke wie „Fahnenappell “ und „Jugendweihe“ erklärt Manja Präkels ihren Zuhörern, weil sie damit nicht viel anfangen können. Sie stellt dar, wie schwierig es für die DDR-Bürger gewesen sei, mit dem Zusammenbruch eines Regimes klarzukommen, dass in alle Lebensbereiche eingegriffen habe. „Wir sprachen zwar alle dieselbe Sprache, aber die Jugendlichen im Westen sind in diese Welt hineingeboren worden. Wir wurden hineingeworfen und mussten alles schnell erlernen.“

Erwachsene seien dadurch ebenso verwirrt gewesen wie die Jugendlichen, erzählt sie. Dazu sei die soziale Katastrophe gekommen, denn Arbeits- oder Obdachlosigkeit habe es in der DDR nicht gegeben. „Viele Eltern wurden arbeitslos und hatten existenzielle Probleme“. Als Jugendliche in der DDR die Wende zu erleben, fasst Präkels zusammen, sei ein Umbruch in doppelter Hinsicht gewesen: „Die Orientierungslosigkeit und Verwirrung durch die Pubertät traf hier zusammen mit dem Untergang des Systems. Daraus entstanden Verwirrung und Leere.“ Auch dies, gab Manja Präkels den Schülern zu bedenken, habe zu der Rechtsradikalisierung ostdeutscher Jugendlicher beigetragen.

Sie selbst ist, wie ihre Protagonistin Mimi, einen anderen Weg gegangen, hat als Lokaljournalistin gearbeitet und ist dabei mit vielen Menschen zusammengetroffen, die ihr von ihren Erfahrungen mit der Wende erzählt haben. „Diese und meine eigenen Erlebnisse sind in das Buch eingegangen“, antwortet Präkels auf die Frage, wie autobiografisch ihr Roman ist. Der Junge, der in ihrem Buch schließlich von Rechten bei einem Disco-Besuch geprügelt und totgetreten wird, sei einer ihrer Freunde gewesen. Ihm hat sie ihren Roman gewidmet.

15 Jahre habe der Stoff sie beschäftigt, erzählt Manja Präkels. Immer wieder habe sie geschrieben. „Ich habe den Abstand zu den Ereignissen gebraucht, um es selbst auszuhalten und in Worte zu fassen, die auch die Leser aushalten können“.

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