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Literatur

03.08.2019

Wie der junge Brecht auf ertrunkene Mädchen blickte

Frisch habilitiert: Karoline Hillesheim im Brechthaus.
Bild: Richard Pickhardt

Plus Karoline Hillesheim untersuchte die besondere Art des Dichters, den Tod gegen den christlichen Strich zu lesen

Auch das ist eine Augsburger Wassergeschichte. Freilich keine besonders appetitliche. Bert Brechts Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ (1919) wählte Karoline Hillesheim bei der Präsentation ihrer Habilitationsschrift im Brechthaus als Kostprobe ihrer germanistischen Forschung. Und verglich es mit Gottfried Benns „Schöne Jugend“ (1912) – auch hier geht’s um eine Mädchenleiche aus dem Wasser.

Beide Dichter ästhetisieren im frühen 20. Jahrhundert die Auflösung des toten Leibes. Wo bei Benn allerdings der Zynismus des Pathologen ausbricht, der im Liebreizenden etwas Grauenvolles entdeckt, nämlich eine Rattenbrut, die sich von dem Leichnam ernährt, da lässt Brecht die Natur fast sanft das Ihre zurückholen. „Die Anmut des Mädchens besteht fort, ihre Reinheit und Unversehrtheit wird bewahrt“, beobachtete die Germanistin. Dennoch sei es eine Art, den Tod zu zeigen, die sich nicht schickt. Sinnlos sei dieser Tod, einfach nur die Auflösung des Materiellen ohne höhere Bestimmung einer Auferstehung in eine glückselige Zukunft.

Ein Rückgriff auf tradierte Formen

Brecht greife sogar erkennbar auf die christliche Begräbnisliturgie zurück und verkehre sie subversiv in ihr Gegenteil. Der vermeintlich die Menschenkinder behütende Gott kann für dieses ertrunkene Mädchen nichts tun und nicht in ihr Vergehen eingreifen. An der Spitze vergisst dieser Gott sogar („sehr langsam“) das Mädchen, während die Christen ihre Toten ja gerade dem ewigen Angedenken Gottes anempfehlen, wenn sie schon auf Erden der Vergänglichkeit unterliegen.

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„Das Gedicht endet in einem negativen Gottesbeweis“, folgerte Karoline Hillesheim. Es liege also eine Kontrafaktur vor, ein Rückgriff auf tradierte Formen mit einem neuen, gegensätzlichen Inhalt. Die gesamte „Hauspostille“, die, lange vorher geplant, erstmals 1927 im Druck erschien, durchzieht dieses Verfahren.

Erstaunlich viel Überraschendes und eine Fülle neu entdeckter, unbekannter Bezüge zeichnen die Forschungsarbeit aus, würdigte Prof. Hans-Peter Ecker, ihr Mentor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, die Habilitationsschrift. Die Autorin sei mit „ganz ungewöhnlicher Disziplin, immensem Arbeitseifer und unübertrefflicher Effizienz“ vorgegangen. Karoline Hillesheim, ursprünglich im Lehramt Grundschule tätig, gab aber nicht nur ihre Studie „in Rekordzeit“ ab, sondern verfasste weitere Fachaufsätze, kuratierte eine Ausstellung, gab einen Katalog heraus und hielt Lehrveranstaltungen an der Iwan-Franko-Uni Zythomyr.

Wissenschaftliche Thesen konnte Karoline Hillesheim ergänzen und erweitern

Verfasst sei die Habilitation „auf der Basis hervorragender Quellenkenntnis“, geschöpft nicht zuletzt aus Ressourcen der Augsburger Brecht-Forschungsstelle, die ihr Ehemann Jürgen Hillesheim leitet, hob Ecker hervor. Eine Reihe von wissenschaftlichen Thesen konnte Karoline Hillesheim ergänzen, erweitern – oder auch widerlegen. Die Fachwissenschaft werde diese Studie gewiss nicht ignorieren können. Zumal die Autorin darin zugleich eine allgemeine Theorie lyrischer Zyklen lieferte. Sie werden zwar oft mit Gedichtsammlungen in einen Topf geworfen. Doch einen Zyklus könne nur der Dichter selbst komponieren, indem er den versammelten Gedichten einen inneren Zusammenhang verleiht, dass ihre Lektüre am Stück einen Mehrwert ergibt.

Bei der Feier im Brechthaus waren nicht nur die universitären Fachkollegen aus Augsburg und Bamberg zugegen, sondern auch die Erfolgsautorin Tanja Kinkel und der Literaturkritiker Uwe Wittstock sowie Bürgermeister Stefan Kiefer, Kulturreferent Thomas Weitzel und der Direktor der Staats- und Stadtbibliothek, Karl-Georg Pfändtner.

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