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Musik

12.03.2020

Wie erreicht der Jazz ein junges Publikum?

Die Band Fazer aus München spielt zeitgemäßen Jazz und pflegt musikalisch das Miteinander.
Bild: Johannes Brugger

Jazz tut sich schwer, sein Image als Musik für ältere Kenner zu überwinden. Aber die Band Fazer aus München zeigt, wie es geht.

Der Jazz hat sich in den letzten 120 Jahren durch eine Aneinanderreihung vieler musikalischer Revolutionen und zahlreicher Cross-over-Verbindungen mit allen anderen erdenklichen Musikstilen zu seiner heute unglaublichen Vielfalt entwickelt. Er steht also trotz seiner noch recht jungen Geschichte wie keine zweite Musikrichtung für ein Sammelsurium, ein Melting Pot an Stilistiken. Alles kann passieren, es gilt das unbedingte Recht auf Freiheit. So zeitgemäß das eigentlich klingt, gilt der Jazz dennoch oft als veraltet und verstaubt. Junges Publikum macht sich rar. Ist Jazz nicht hip genug?

Es mag teilweise daran liegen, dass die große Freiheit hier und da recht sportlich angewandt wird. Das alte Bebop-Spiel „Ich spiele was, was du nicht kannst“ hat das Bild vom Jazz in vielen Köpfen geprägt. Den Jazz verkörpern also gemeinhin Instrumentalisten, die über eine harmonisch komplexe Songstruktur wie besessen so viele Töne wie möglich spielen. Töne, die in den meisten Ohren auch noch falsch klingen. Dass sich dahinter hochintelligente, mit sehr viel musikalischem Verständnis und jahrzehntelangem Üben verbundene technische Fähigkeiten verbergen, führt im besten Fall noch zu Respekt, aber wenig überraschend auch zum intellektuellen Nischendasein.

Zahl der Jazz-Studenten steigt

Etwas überraschender ist dann doch, dass die Zahl der Studenten in den Jazzabteilungen der Musikhochschulen in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches angestiegen ist. Und diese vielen neuen top ausgebildeten Profimusiker wollen sich natürlich auf dem Markt profilieren und suchen nach innovativen Ideen, Veranstalter und vor allem junges Publikum wieder für ihre Musik, für den Jazz zu begeistern.

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Die Band Fazer aus München ist so ein Fall. Die Musiker präsentieren sehr zeitgemäßen und modernen Jazz. Nicht mehr das Solieren einzelner Musiker steht im Mittelpunkt, ja nicht einmal mehr die Komposition. Die Gruppe lebt vom Miteinander, vom Verschmelzen der einzelnen Elemente. Der Groove der beiden Schlagzeuger Simon Popp und Sebastian Wolfgruber bildet zusammen mit Bassist Martin Brugger die unangefochtene Basis der Tracks, beeinflusst von afrikanischen und indischen Rhythmen. Durchaus komplex und fremdartig also, die Empfindung ist dennoch entspannend bis tanzbar, auch wegen der beinahe technoiden Stringenz. Dazu kommen post-rockige Gitarrenriffs des Wertingers Paul Brändle, die auch immer wieder mit der Trompete Matthias Lindermayrs zu eingängigen Melodien verschmelzen, sodass auch manche improvisierten Teile (auch heute noch das ultimative Erkennungsmerkmal des Jazz) nach kleinen Kompositionen klingen.

Abseits der Bühne zeitgemäßes Marketing

Auch abseits der Bühne setzt die Band mit Instagram, einigen kunstvollen Youtube-Videos, Streaming und digitalem Vertrieb der Musik auf zeitgemäße Medienpräsenz. Wer was zum Anfassen will, kann auf die zahlreichen Merchandising-Artikel oder das gute alte und doch schon lange wieder moderne Vinyl zurückgreifen.

Für viele Jazzmusiker stellt genau das alles aber immer noch eine große Herausforderung dar, sind doch häufig eine Vielzahl der tatsächlichen Konzertgänger eben schon etwas betagter und möchten verständlicherweise gerne weiterhin lieber ihren CD-Player füttern als ein Spotify-Abo abschließen. Und weil Jazz nach wie vor weniger den Mainstream anzieht, der auf Hintergrundmusikberieselung aus ist, als Menschen, die sich etwas mehr Gedanken darüber machen, wie ihre kulturelle Unterhaltung aussehen könnte, sind diese durchaus noch gewillt, LPs oder sogar CDs zu kaufen. Dieses Phänomen gibt es auch in anderen Nischen-Genres.

CD-Produktionen rechnen sich kaum noch

Daraus folgt, dass man, um es allen recht zu machen, als Jazzmusiker heute sowohl die alte Schule als auch die moderne Promotion fahren sollte. Ein enormer Mehraufwand und auf eine Art Liebhaberei, weil sich CD-Produktionen in der Regel eigentlich nicht einmal mehr selbst finanzieren.

Aber was bedeutet die Situation für die Veranstalter? Am Beispiel der durchaus gut besuchten Jazzkonzerte in Augsburg, etwa im Jazzclub in der Philippine-Welser-Straße oder beim Internationalen Jazzsommer im Botanischen Garten, lässt sich durchaus erkennen, dass das junge Publikum oft fernbleibt. Häufig genannter Grund sind die relativ hohen Eintrittspreise von teils über 30 Euro, weswegen etwa der Jazzclub nun versucht gegenzusteuern und günstige Konzerte unter der Woche mit gezielt modernem Booking anbietet.

Einen anderen sehr schlauen Weg geht Veranstalter Manuel Schill. Er dreht den Spieß um, bringt den Jazz zum jungen Publikum und lädt an diesem Sonntag, 15. März, im City Club am Königsplatz zum Konzert eben von Fazer ein. „Es passt für mich perfekt dorthin, und ich verspreche mir dadurch auch, ein paar Leute zu erreichen, die bisher mit Jazzmusik noch nicht allzu viel anfangen konnten“, meint Schill hoffnungsvoll. Die Konzerte im Jazzclub und im Botanischen Garten möchte er der jüngeren Zielgruppe unbedingt trotzdem empfehlen: „Der Zugang mag zwar ein anderer sein, aber uninteressant sind diese Orte und die Musik für die wenigsten.“

Den Tipp zu Fazer hat Schill übrigens vor langer Zeit von einem Freund über einen Streaming-Dienst bekommen – danach hat er sich direkt die Vinyl-Platte der Gruppe bestellt.

Fazer spielt am Sonntag, 15. März, im City Club am Augsburger Königsplatz. Konzertbeginn ist um 19.30 Uhr.

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