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Wissenschaft

18.08.2018

Wie kommt der Dürer-Hase zu Hans Burgkmair?

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2 Bilder
Dieses Selbstbildnis des Hans Burgkmair (hier rechts angeschnitten) stammt von 1517. Es erhielt später ein falsches Dürer-Monogramm.
Bild: Hamburger Kunsthalle

Obwohl der Augsburger Maler und Illustrator zu den großen Künstlern des frühen 16. Jahrhunderts gehört, bleibt noch vieles nachzuholen.

Was Hans Burgkmair dazu sagen würde, dass in seinem Wohngebäude Mauerberg 31 heute „Die Linke“ logiert? Dass also die marmorne Gedenktafel „In diesem Haus wohnte von 1507 bis 1531 der berühmte Maler Hans Burgkmair“ mit papiernen Forderungen wie „Pflegenotstand stoppen!“ und „Rüstungsexporte verbieten!“ konkurrieren muss? Möglicherweise würde er sagen, dass dieses Haus in einem der malerischsten Augsburger Altstadtwinkel von seiner maroden Erscheinung her weder dem Einen noch dem Anderen zur Ehre gereicht.

Das ist Spekulation – wie so vieles, was Burgkmair betrifft. Die Geburt ist klar, 1473 als Sohn des Malers und ersten Ausbilders Thoman Burgkmair, auch die kurze Lehrzeit in der Werkstatt Martin Schongauers in Colmar oder Breisach, desgleichen 1498 das Augsburger Meisterrecht und die Heirat mit Anna Allerley oder 1500 die Bekanntschaft mit Kaiser Maximilian I. während des Augsburger Reichstages und erste Großaufträge. Aber ob er zu deren Ausfertigung 1503 an den Niederrhein und in die Niederlande und 1507/08 nach Italien reiste, ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen. Erkennbare motivische und stilistische Anregungen muss Burgkmair nicht unbedingt vor Ort in Köln, Brügge oder Antwerpen, nicht in Venedig, Mailand oder Florenz erhalten haben. Schließlich pflegte Augsburg als Sitz weltumspannender Handelsgesellschaften den Austausch mit diesen Kunstzentren. Schon 1501 ist ein venezianischer Lehrknabe in Burgkmairs Werkstatt dokumentiert. Im gleichen Jahr wurde ein italienischer Maler im Augsburger Stadtgraben von einem Hirschen getötet.

Sogar über die Niederlande könnte Burgkmair mit der „welschen Art“ vertraut worden sein. Die Kunstmetropole Antwerpen, mit der Augsburg besonders über das Handelsnetz der Fugger eng verbunden war, setzte sich früh mit der Renaissance um Leonardo auseinander. So kämen auch vor 1510 aus Antwerpen zugewanderte und für Burgkmair tätige Formschneider als stilistische Zuträger infrage.

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Es sind viele solcher Details, die 17 Experten auf einem internationalen Burgkmair-Forum im Dezember 2014 vorgetragen haben und die 2018 in dem Tagungsband „Hans Burgkmair – Neue Forschungen“ zusammengefasst wurden. Tilman Falk, früherer Direktor der Kunstsammlungen in Augsburg und der Staatlichen Graphischen Sammlung in München, gab mit seinem Vortrag über Burgkmair als den „vernachlässigten Altdeutschen“ ein Hauptthema vor – vernachlässigt vor allem gegenüber Burgkmairs großen Konkurrenten Albrecht Dürer und Lucas Cranach.

In Bezug auf Dürer (1471-1528), den Nürnberger mit den fast gleichen Lebensdaten wie der Augsburger Burgkmair (1473-1531), wird das auch an kuriosen Beispielen sinnfällig. So haben sich die beiden Künstler bei ihrer Begegnung 1518 während des Augsburger Reichstages gegenseitig porträtiert. Die Zeichnung Dürers befindet sich heute in Oxford (Ashmolean Museum). Das Dürer-Bild Burgkmairs ist nicht überliefert, wohl aber in der Hamburger Kunsthalle sein Selbstporträt von 1517, das allerdings das AD-Monogramm Albrecht Dürers trägt. Offenbar verband ein späterer Besitzer mit dieser Hinzufügung gesteigertes Renommee.

Ähnliches widerfuhr Burgkmairs „Johannesaltar“ von 1518 (Alte Pinakothek München). Nachdem das Werk um 1627/30 in die Münchner Kammergalerie des Herzogs und späteren Kurfürsten Maximilian I. gelangt war, wurde es von dessen Hofkünstlern überarbeitet, angestückelt und ergänzt – auch mit Dürers Feldhasen von 1502, dem heute weltberühmten „Dürerhasen“ aus der Wiener Albertina.

Dabei zählt Burgkmair als Maler und Illustrator zu den Größen des frühen 16. Jahrhunderts, und Größen wie Kaiser Maximilian und Jakob Fugger gehörten zu seinen Auftraggebern. Auch an Selbstwertgefühl hat es ihm nicht gefehlt, wenn auch nicht vergleichbar mit dem Sendungsbewusstsein Dürers. In einem Holzschnitt zum unvollendeten „Weißkunig“ von 1513 lässt er Kaiser Maximilian hinter sich an die Staffelei treten, als handelte es sich in der Atelierszene um Alexander den Großen und seinen Hofmaler Apelles. Solche Antikenzitate sind auch Frucht der Freundschaft Burgkmairs mit Augsburgs Humanisten Konrad Peutinger.

Als Selbstdarstellung gilt auch der prächtig gekleidete Bogenschütze auf dem Gemälde „Basilika Santa Croce“. Es ist eine der sechs „Basilika-Tafeln“, die Burgkmair mit Hans Holbein d. Ä. in den Jahren 1499 bis 1504 für das Augsburger Katharinenkloster geschaffen hat, wo sie heute in der dortigen Staatsgalerie zu betrachten sind. Auch Holbein hat sich verewigt, und zwar auf der Tafel „Basilika San Paolo“ zusammen mit seinen kleinen Söhnen Sebastian und Hans. Dieser Hans Holbein der Jüngere sollte die Kunstwelt erobern; Hans Burgkmairs Sohn, ebenfalls Hans, blieb als Künstler unbedeutend.

. von Wolfgang Augustyn u. Manuel Teget-Welz. Dietmar Klinger Verlag, 470 Seiten, 49,90 Euro

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