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Digitale Revolution

07.10.2019

Wie sich das Lesen in Zukunft verändert

Lesegeräte wie der Kindle haben den Buchmarkt verändert.
Bild: Amazon

Wie verändert die digitale Revolution das Lesen? Das beschäftigt gerade die Wissenschaft. Und in der Stadtbücherei hat dazu ein hochkarätiges Podium gesprochen.

Hätten Sie, lieber Feuilletonleser gewusst, was sich hinter der Buchstabenkombination „tl; dr“ verbirgt? Wenn ja, sind sie schon angekommen in der Welt des digitalen (Schnell)-Lesens. Dahinter verbirgt sich „…too long, didn’t read“ (zu lang, hab’s nicht gelesen).

Die regelmäßige Lektüre von Tageszeitung(en) und Belletristik scheint den meisten vertraut und selbstverständlich – ob sie ihren Wissensdurst analog, sprich im Printformat, oder digital mittels E-Readern oder Tablets stillen. Dazu boomt der Büchermarkt. Routinierte Leser machen sich über die Technik, das heißt die im Grundschulalter erworbene Fähigkeit des Lesens wenig Gedanken. Die Zukunft des Lesens scheint eigentlich niemand infrage zu stellen. Oder doch?

Buchliebhaber schwören auf das viel sinnlichere haptische Erleben

E-Reader, Tablets, PCs sind in unseren Alltag integriert. Nur wenige können sich ein Leben ohne die Nutzung digitaler Medien vorstellen. Man schätzt den Komfort von Kindle oder Tolino gerade im Urlaub, wo mehrere tausend gedruckte Buchseiten ganz pragmatisch gesehen sehr schwer wiegen. Dennoch schwören Buchliebhaber auf das viel sinnlichere, tiefer gehende und haptische Erleben von gedruckten Büchern.

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Als kulturelle Errungenschaft, die den Menschen seit rund 6000 Jahren zur Verfügung steht, ist das dazugehörige Bündel an Fertigkeiten für unsere Persönlichkeitsentwicklung ungemein wichtig. So beschreibt Maryanne Wolf, gestützt auf die Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Literatur und Entwicklungsphysiologie, dass die „komplexen Prozesse, die der Einsicht und Reflexion im Gehirn des versierten Lesers zugrunde liegen“, unser bestes Gegenmittel gegen die kognitiven und emotionalen Veränderungen sind, die sich durch die Entwicklungen des digitalen Zeitalters ergeben. Ihr aktuelles Buch ist mehr als empfehlenswert. „Schnelles Lesen, langsames Lesen – Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen“ verweist klug und leicht lesbar auf das Potenzial, das Lesen besitzt, um unser Gehirn nachhaltig zu verändern. „Es beschleunigt die Entwicklung unserer Art – zum Guten und manchmal auch zum Schlechten.“

Das Gehirn bildet beim digitalen Lesen andere Strukturen aus

Wolf macht deutlich, dass viel auf dem Spiel steht, wenn wir parallel nicht von klein auf lernen, gedruckte Bücher zu lesen, da das Gehirn beim digitalen Lesen andere Strukturen ausbildet als bei der „kontemplativen“ Rezeption von gedruckten Büchern. Wolf hat es mit ihrem Buch geschafft, in aller Munde zu sein.

So bezogen sich auch in der Augsburger Stadtbücherei die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion mitunter auf sie. Diese Veranstaltung hatte der Augsburger „Literaturaktivist“ und Buchhändler Kurt Idrizivic zum Auftakt des Jubiläumsprogramms „10 Jahre Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz“ organisiert. Im gut besuchten Veranstaltungssaal sprach mit dem Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, Prof. Klaus Zierer (Augsburger Ordinarius für Schulpädagogik und Autor vieler Fachbücher), dem Direktor des Schulwerks der Augsburger Diözese, Peter Kosak, sowie mit dem AZ-Redakteur Daniel Wirsching (Ressort Bayern und Welt), der seit 2015 die wöchentlich erscheinende Medienseite verantwortet, ein hochkarätig besetztes Podium.

Primäre Schlüsselqualifikation für Bildung

Moderiert von Dr. Ulrike Schaupp (LMU) wurde die Zukunft des Lesens kritisch ins Visier genommen. Entsprechend der Teilnehmer-Biografien und ihrer Expertise rückten der didaktische Blickwinkel und damit Erziehungsaufgaben im Umgang mit den modernen Kommunikationsmedien, der im besten Falle auf der Kooperation von Schule und Elternhaus basiert, in den Fokus der Debatte, die unsere Lesekompetenz als primäre Schlüsselqualifikation für Bildung betonte. „Lesen wird anders, die Digitalisierung ist Fakt“– darin waren sich am Ende alle einig. Ebenso wie bei der Notwendigkeit, den analogen und digitalen Zugriff auf die Welt des Wissens mit entsprechenden Strategien zu begleiten, die den eigenverantwortlichen Umgang samt Herz-und Charakterbildung schult (Zierer).

Kein leichtes Unterfangen also, dem „Hybridleser“ eine Zukunft zu wahren, die über das Lesen sein kritisches Denkvermögen, sein Durchhaltevermögen und seine Vision von Bildung und Gesellschaft ausformt. Unterstützend wies Sibler nicht allein auf die hierzulande hervorragende Ausstattung mit Bibliotheken, sondern auch auf die Vielzahl von staatlichen Leseförderungsangeboten hin. Peter Kosak schloss das Gespräch nicht allein mit dem persönlichen Wunsch, jeder junge Mensch möge seinen individuellen „Klick“ ins Leseabenteuer erfahren, sondern humorvoll auch mit dem Valentin-Zitat: „Wir brauchen unsere Kinder gar nicht erziehen, sie machen uns ohnehin alles nach.“

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