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Literatur

15.02.2021

Wolfgang Bächler - ein Autor zwischen den Stühlen

Dem Auf folgte das Ab: der Lyriker Wolfgang Bächler.
Bild: Istvan Bajzat, dpa

Plus Ein gewichtiger Sammelband würdigt den Augsburger Lyriker Wolfgang Bächler (1925–2007), der zu den bedeutendsten der Nachkriegszeit zählt.

Der Start war vielversprechend. Wolfgang Bächlers erster Gedichtband „Die Zisterne“ mit Versen von 1942 bis 1949, im Jahr 1950 erschienen (wie sein Roman „Der nächtliche Gast“), fand ein vielfaches Echo. „Ich tauchte hinein, in den Strom von Gesang/und badete mich darin“, so endet das Gedicht „Geliebte Sprache“. Der Vers deutet auf eine Art von Wiedergeburt, nach dem Nazi-Terror, dem Kriegstrauma, dem Elend und Hunger.

Doch dem Auf folgte das Ab. In der Trommel des Literaturbetriebs wurde dem 1925 in Augsburg geborenen Dichter das Glück der Aufmerksamkeit sehr unterschiedlich zugeteilt. Auf den Erfolg kam das Vergessen. Die Akademien mieden ihn. Heinrich Böll schrieb 1976, als Bächlers Band „Ausbrechen“ (Gedichte aus 30 Jahren) einen neuerlichen Anstoß zur Kenntnisnahme gab: „Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unserer Verschleißübungen, dass hier ein Lyriker wieder- entdeckt werden muss, der längst entdeckt war.“

Man kann nicht von Bächler sprechen, ohne auf seine manisch-depressive Erkrankung hinzuweisen. Sie zwang ihn seit Mitte der 1950er Jahre in den enervierenden Wechsel von langen Schreibpausen und einer Hyperaktivität und Unberechenbarkeit, die seinen Freunden und Helfern alles abverlangte. Hans Werner Richter, Organisator der Gruppe 47 und scharfen Urteilen nicht abgeneigt, sprach 1967 von einem „kranken, somnambulen Schlafwandler“ und zielte damit gegen einen Autor, der als 22-Jähriger schon bei der ersten Tagung der Gruppe Anfang September 1947 am Bannwaldsee bei Füssen dabei war.

Der Lyriker Wolfgang Bächler geriet auch aus einem anderen Grund aus dem Blick

Bächler geriet auch durch seinen langen Frankreich-Aufenthalt (1956 bis 1966) aus dem Blick. 1956 hatte er die Zahnärztin Danielle Ogier geheiratet. Die Ehe, aus der die Töchter Alice und Odile hervorgingen, wurde 1969 geschieden. In seinem Selbstporträt platzierte sich der Autor zwischen die Stühle: „ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum, ein Erzähler ohne Sitzfleisch…,kurzum, ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch“.

Es ist zwei Jahre her, dass eine hochkarätige Tagung im Lyrikkabinett München den Dichter, Prosaautor, Kritiker und gelegentlichen Filmschauspieler maßgebend würdigte. Bächler wurde von Wissenschaftlern gewogen und als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit befunden. Die Analysen sind nun in einem vorzüglichen Sammelband nachzulesen. Zwei fundierte Beiträge kommen hinzu: über Bächlers politischen Gedichtband „Türklingel“ (1962) und seine verschiedenen Fassungen (Michael Pilz), ferner Ausführungen zum Gedichtband „Türen aus Rauch“ (1963), zu der „zentralen Dialektik von Freiheit und Gefangensein“, von „Naturraum und Sprachdenken“ (Maximilian Herford).

Nicht genug: Abgedruckt sind teils unveröffentlichte, frühe Texte Bächlers, Gedichtdeutungen und – als erstmals edierte Fundstücke aus dem umfänglichen, in der Monacensia München aufbewahrten Nachlass – Briefe mit Günter Eich, Thomas Mann und Paul Celan. Eine ausführliche Bibliografie schließt den für Bächler-Freunde (und jene, die es werden wollen) unentbehrlichen, von Waldemar Fromm und Holger Pils herausgegebenen Band ab. Nachzulesen ist, dass Wolfgang Bächler gewichtige Förderer hatte, von Benn über Böll bis Karl Krolow, Günter Eich und Martin Walser, der das Nachwort zu den aus Therapiegründen niedergelegten „Traumprotokollen“ (1972) schrieb.

Bächler ging in ideologisch verhärteten Zeiten über Grenzen

Bächler war, allen Depressionen, Notlagen und Klinikaufenthalten zum Trotz, in der Szene gut vernetzt. Er ging in ideologisch verhärteten Zeiten über (politische) Grenzen, machte sich im Kalten Krieg der 50er Jahre für den Ost-West-Dialog stark, suchte den einflussreichen ungarischen Philosophen und Literaturwissenschaftler Georg Lukács in Budapest auf, pflegte Kontakte zu DDR-Autoren wie Stephan Hermlin und Peter Huchel, der in der Zeitschrift Sinn und Form Bächler-Gedichte publizierte.

Dem Gruppe-47-Chef Hans-Werner Richter schlug Bächler 1960 – vergebens – ein deutsch-französisches Treffen vor, für das er den Philosophen Ernst Bloch und den Professor und Lektor Lucien Goldmann interessieren wollte.

Stattliche 25 Archiv-Kassetten mit dem Nachlass Bächlers, der seit 1967 in München lebte und dort 2007 gestorben ist, lagern in der Monacensia. Hier sind noch Schätze zu heben. Man kann sich dem Wunsch des Archiv-Leiters Frank Schmitter nur anschließen, „dass dieser Lyriker in absehbarer Zeit durch eine Biografie geehrt wird“.

Beiträge zum Werk von Wolfgang Bächler. Hrsg. von Waldemar Fromm und Holger Pils. Wallstein, 348 S., 24,90 Euro

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