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Porträt

21.11.2020

Wolfgang Buchner verlässt das Staatstheater Augsburg

Der Bühnenbildner Wolfgang Buchner vor einem Bild, das er für einen Opernball gemalt hat.
Bild: Richard Mayr

Plus Nach 40 Jahren verlässt Wolfgang Buchner das Staatstheater Augsburg. Der Bühnenbildner hatte großen Anteil daran, dass der Opernball ins Große Haus kam.

Das Fernsehen hat sich bei Wolfgang Buchner auch noch angekündigt, also räumt er sein Büro im Staatstheater erst auf den letzten Drücker. Noch sind da all die Erinnerungsstücke versammelt, die in 40 Jahren kreativer Arbeit in Augsburg angefallen sind: hier ein überdimensionaler Oscar, der einmal den Opernball geschmückt hat, dort eine Gipsfigur, die 1981 zum Einsatz gekommen ist. „In jeder Vorstellung ist damals eine zu Bruch gegangen“, erinnert sich Buchner. Der Spazierstock mit dem Hundekopf, der daneben steht, ist nie zum Einsatz gekommen. „Die Produktion ist eine Woche vor der Premiere abgesagt worden“, erzählt Buchner. Irgendwann in den 1990er Jahren muss das gewesen sein, oder doch noch in den 1980ern? Buchner kann es nicht genau sagen. Alles sei fertig gewesen, die Bühnenbilder, die Kostüme, aber der Regisseur habe wochenlang immer nur die erste Szene geprobt, eine Woche vor der Premiere habe er einen Zusammenbruch erlitten.

Ein ganzes Berufsleben hat Buchner am Theater inmitten solcher Geschichten verbracht. Als Buchner, der das Mozarteum in Salzburg als Bühnen- und Kostümbildner sowie als Theatermaler verlassen hat, nach seiner ersten Station in Deutschland – dem Theater Ulm – nach Augsburg kam, stand das Haus bei seinen Professoren hoch im Kurs. Der renommierte Bühnenbildner und Augsburger Ausstattungsleiter Hans-Ulrich Schmückle hat ihn ans Haus geholt – in einer Doppelfunktion sowohl als fester Bühnen- und Kostümbildner des Theaters als auch gleichzeitig als Leiter des Malsaals.

Für mehr als 140 Produktionen hat Buchner die Ausstattung entworfen

Damals seien fest angestellte Bühnenbildner üblich gewesen, erzählt Buchner, gab es in Augsburg neben ihm noch zwei weitere, habe man Großes realisieren können, weil bereits Gebautes wiederverwendet werden konnte, zum Beispiel Aufbauten, die verändert, abgewandelt und angepasst wurden. „Das war günstiger“, sagt er. Heute gibt es in ganz Deutschland so gut wie keine fest angestellten Bühnen- und Kostümbildner mehr an den Häusern, werden alle nur für einzelne Produktionen engagiert. Der Bestand und Fundus eines Hauses könne in den Planungen und Ideen dann auch keine Rolle mehr spielen.

Buchner hat den Wandel selbst erlebt, erzählt auch, wie das mit den Engagements außerhalb von Augsburg bei ihm weniger wurde in dem Maß, in dem die Regisseure, mit denen er immer wieder zusammengearbeitet hat, weniger geworden sind, etwa weil sie aus Altersgründen aufgehört haben. Für mehr als 140 Produktionen hat Buchner Ausstattungen entworfen, mehr als 2000 Figurinen mit eigenen Kostümen erstellt. Manchmal erinnere er sich erst wieder an einzelne, wenn er die Entwürfe wieder in den Händen halte. Einen kleinen Teil der Arbeit können Schaulustige demnächst im Schaezlerpalais in Augenschein nehmen, sobald der November-Lockdown aufgehoben wird und die Kunstsammlungen wieder den Ausstellungsbetrieb aufnehmen. Unter dem Titel „Vissi d’Arte“ ist dort dann ein Querschnitt von Buchners Schaffen zu sehen.

Neben der künstlerischen Arbeit hat Buchner auch maßgeblichen Anteil, dass das Theater 2001 gegen viele Widerstände seinen Opernball aus der Kongresshalle in das Große Haus geholt hat, das sich für diesen Ball immer komplett verwandelte. „Wir hatten zwei Jahre lang Vorlauf für den ersten Opernball“, sagt Buchner. Große Stahlaufbauten als Tribünen, immer neue Dekorationen Jahr für Jahr, das Große Haus, das ohne Parkett und Orchestergraben einen riesigen Ballsaal abgab, das alles hat Buchner vorangetrieben. In seinem Büro liegen Ballzeitungen, hängen Bilder, die ihn in großer Abendgarderobe mit der damaligen Intendantin Juliane Votteler zeigen. Erinnerungen an einen Ball, den es seit vier Jahren nicht mehr gibt, seit das Große Haus von einem Tag auf den anderen geschlossen werden musste.

Salzburger Schmäh und Sarkasmus hat Wolfgang Buchner nicht verloren

Wenn Buchner auf all die Jahre am Theater und in Augsburg zurückblickt, mag ihn das vielleicht auch wehmütig machen, aber seinen Schmäh und seinen Sarkasmus, den verliert er dabei nicht. „Man hat einen genetischen Defekt, wenn man 40 Jahre Theater aushält“, sagt Buchner zum Beispiel und lacht. Ein Blatt vor den Mund genommen hat er auch so gut wie nie. Das haben auch die sechs Intendanten in Buchners Augsburger Zeit immer wieder zu spüren bekommen.

Die vielen Jahre am Haus haben Wunden hinterlassen, auch wenn Buchner das anders sagen würde. Als Juliane Votteler das Haus 2007 übernahm, endete Buchners Zeit als Bühnen- und Kostümbildner in Augsburg. Von da an leitete er nur noch die künstlerischen Werkstätten. Wenn er heute gefragt würde, noch einmal ein Stück komplett auszustatten, würde er Nein sagen. „Ich mag jetzt nicht mehr.“

Auch wenn Buchner alle Feierlichkeiten zum Ende seines Berufslebens mit großer Entschiedenheit abgelehnt hat, hat es sich Staatsintendant André Bücker nicht nehmen lassen, auf die Verdienste hinzuweisen. Als einen „Theatermann der alten Schule, mit großem Witz, feinsinnigem, manchmal auch bösem Humor und großem künstlerischem Ethos“ schätzt er den Künstler und Bühnenbildfachmann. „Er hat für dieses Haus Großes geleistet und wir sind ihm sehr zu Dank verpflichtet. Er wird uns als Persönlichkeit sehr fehlen“, sagt Bücker.

Im Ruhestand soll Buchner seine Familiengeschichte aufschreiben

Wenn Buchner aufhört, sagt er, dass da erst einmal eine vollkommene Leere sei. Seine Frau, die Künstlerin Hella Buchner-Kopper, wolle ihn dazu überreden, für die beiden Enkelkinder seine Familiengeschichte aufzuschreiben. Die begann in Salzburg als Sohn eines Schuhmachers, der in den 1960er Jahren Fabrikarbeiter wurde, und einer Kaltmamsell und Hausfrau. Er, das erzählt er, war immer schon ein begeisterter, ein besessener Maler, der auch mal Salatöl erfolglos zweckentfremdet hatte, um damit Farben anzurühren. „Eigentlich wollte ich Malerei studieren“, erzählt er. Über einen Bekannten sei er bei der Theatermalerei am Mozarteum in Salzburg gelandet. „Ein Versehen“, sagt er mit diesem breiten Buchner-Grinsen und der wunderbaren Salzburger Sprachfärbung – er lacht da herzlich, aber auch ein bisschen abgründig.

Gut möglich, dass seine Wohnung, die wie das Bühnenbild eines Lebens mit vielen Details und Objekten voller Erinnerungen eingerichtet ist, zu seiner neuen Werkstatt wird. Im Lockdown sind dort zum Beispiel die großformatigen Bilder entstanden, die in „Orfeo ed Euridice“ zum Einsatz kamen. Und dann gibt es da auch noch die beiden Enkelkinder, die sein manchmal raues, aber großes Herz zum Schmelzen bringen.

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