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Ausstellung

18.10.2019

Wozu noch Malerei fragt sich der Künstler Sebastian Lübeck

Sebastian Lübeck neben einem Gemälde, das den Segensgruß vor nacktem Hintern umdreht. Auf der anderen Seite ist ein Leinwand, auf der ein Totenschädel zu sehen ist. Das Memento-Mori-Motiv in der Neuen Galerie im Höhmannhaus.
Bild: Mercan Fröhlich

Plus Sebastian Lübeck hat sich selbst befragt. Aufhören mit der Kunst oder weitermachen? Seine Antwort darauf liefert er in der Neuen Galerie im Höhmannhaus.

Wer sich hier zurechtfinden möchte, benötigt einen Schlüssel. Wie Gefängnisse wirken die Bilder, die Sebastian Lübeck in der Neuen Galerie im Höhmannhaus präsentiert. Der Augsburger Künstler, 1977 geboren, Student bei Max Kaminski an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, seit 2007 freischaffend tätig, macht es einem nicht einfach. Die Farben grell, die Hintergründe farbige Streifen, ausgemalt, der Kunstmaler als Handwerker. Dazu Frauenfiguren auf den Leinwänden, denen die Köpfe fehlen. „Dann schauen die Leute auf die Körper“, sagt Lübeck.

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Und dann erzählt der Künstler, der sich in Augsburg in den zurückliegenden Jahren auch als kreativer Ausstellungsgestalter mit seinen „Contemporallyes“ einen Namen gemacht hat. Er erzählt zum Beispiel, dass er eigentlich aufhören wollte, gar nicht mehr weitermalen wollte. „Wozu auch?“, fragt er rhetorisch.

Sebastian Lübeck malt nur noch das, worauf er Lust hat

Mit seiner Contemporallye-Ausstellungstätigkeit fing Lübeck an, als er nach der Akademiezeit bemerkte, wie schwierig es war, eine Galerie zu finden, wie schwierig es war und ist, als Künstler wahrgenommen zu werden. Jetzt, zehn Jahre später, hat er die Frage, wozu er noch malt, radikal für sich beantwortet. „Ich habe nur noch das gemacht, worauf ich Lust habe.“ Und dazu gehörte, sich keine Gedanken mehr über den Hintergrund zu machen: also abkleben wie ein Handwerker und ausmalen.

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Und das ist natürlich auch eine Position, eine radikale. Keine Hintergründe, das heißt ja, keine zweite Ebene, keine zusätzlichen Reflexionsräume, weniger Auseinandersetzung mit der Welt, in die er seine Figuren setzt. Diese befinden sich in Laboren. Und wie sie da, oft auch in gestreifter Hose liegen, kann man sich schon die Frage stellen, ob es Lübeck nicht primär und überhaupt um die Farbe geht, die er vor allem bei den Figuren expressiv aufträgt, gerne auch mal verlaufen lässt und somit Formen sprengt. Dieses grelle Gelb, dieses giftige Grün, das spiegelt sich oft an anderer Stelle wieder – vielleicht ist das ja auch nur eine abstrakte Farbkomposition, die vorgibt, figürliche Malerei zu sein.

Wegen Francis Bacon fing er mit der Kunst an

Natürlich ist in der Ausstellung, die am Donnerstagabend von Christof Trepesch, dem Direktor der Kunstsammlungen, und von Thomas Elsen, dem Leiter der Neuen Galerie im Höhmannhaus, eröffnet worden ist, dazu schon auch Einiges auf den Arbeiten zu entdecken. „Hier habe ich eine Malvorlage von Francis Bacon verwendet“, sagt Lübeck. Der britische Künstler gehört zu seinen großen Vorbildern. Wegen Bacon habe er überhaupt erst angefangen mit der Malerei.

„Wir sind in der 11. Klasse mit der Schule nach München ins Haus der Kunst gefahren und haben uns dort die große Retrospektive angesehen“, erzählt er. Die Ausstellung, die nach dem Tod des Künstlers um die Welt tourte. Und gleich am Tag danach ist Lübeck noch einmal nach München gefahren, hat sich die Arbeiten wieder sechs Stunden lang angesehen und danach zu sich gesagt: „Das will ich auch machen.“ Ein Erweckungsruf.

Ein nackter Hintern, davor eine Hand mit einem Segensgestus

In der Ausstellung hängt auch ein Bacon-Porträt, das Lübeck gemalt hat. Dieses Porträt hat seinen festen Platz in Lübecks Atelier. Bacon schaut dort immer zu, bei allem, was Lübeck macht. „Und wenn ich das Bild verkaufe, male ich nach der Ausstellung als erstes ein neues Bacon-Porträt und hänge das dann wieder auf.“ So funktioniert das bei Lübeck.

An anderer Stelle hat er den tschechischen Fotografen Jan Saudek zitiert. Von ihm hatte er seinen ersten Kunstband gekauft. Auf Lübecks Gemälde ist eine Frau von hinten zu sehen, ihr Hintern ist nackt, eine Hand zieht die Hose nach unten – auf den ersten Blick. Auf den zweiten erkennt man den Segensgestus, der hier nach unten weist. Dazu läuft die Leinwand oben halbrund wie eine Altartafel aus. Und ja, hier ist ein Künstler, der irgendwie das Heilige abschafft, vielleicht auch für sich aus der Kunst abgeschafft hat. Der Künstler zitiert noch seine „Kunstheiligen“, aber er will die Kunst nicht mit Welt und Welthaltigkeit aufladen. Stattdessen begegnet einem Malerei, die sich viel mehr mit sich selbst auseinandersetzt. Da spricht jemand in Bildern, der mehr als 25 Jahre lang von der Kunst besessen ist und sich selbst auf die Frage „Wozu“ eine einfache Antwort gibt: um selbst Spaß daran zu haben.

Das Leben ist vergänglich, die Kunst ist vergänglich

Einfacher macht es das für die Betrachter nicht. Die Farben sind kalt, grell, oft so gemischt, dass sie ein bisschen schmutzig wirken. Keines der Gemälde schreit plakativ „Kauf mich, ich möchte um jeden Preis verkauft werden“. Das Gegenteil ist der Fall. Wer sich die Totenschädel ansieht, die Lübeck auf kleineren Leinwänden öfters gemalt hat, bekommt dort vielleicht eine Erklärung durch das klassische Memento-Mori-Motiv geliefert: Das Leben ist vergänglich, die Kunst ist vergänglich, alles ist vergänglich. Und dann schafft es diese Kunst des Sebastian Lübeck, einen Totenschädel so aussehen zu lassen wie einen Motorradhelm. Ist das als Schutz gedacht? Und schon kreisen die Gedanken weiter.

Laufzeit der Ausstellung von Sebastian Lübeck in der Neuen Galerie im Höhmannhaus bis zum 1. Dezember. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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